Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 9 (26.2.1904)
- Date
- 1904-02-26
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 „bi* £ W^lt" Nr. 9 Bis dann irgendwo ein grosses Unglück kam, das seine Wirkung weit über die Landesgrenzen fühlbar machte. Dann wurde das Mitleid aufgerufen, in schönen Aufrufen gemacht, und schliesslich reichte es wieder zu Bettelsuppen, und, wenn es gut ging, zur — Repatriierung der noch nicht Umgekommenen. Wer die Geschichte der Juden in den letzten Jahrzehnten kennt, wird wissen, dass wir nicht übertreiben. Man braucht sich aber gar nicht einmal zu bemühen, diese Geschichte nachzulesen. Es genügt, die Massnahmen der grossen jüdischen Organisationen zu studieren, deren Bestehen ja an und für sich von dem gänzlichen Misserfolg der bisherigen jüdischen Politik Zeugnis ablegt; denn wäre sie gelungen, ja würde man auch nur an ihre Durchführbarkeit glauben, so wären alle diese Institutionen zwecklos, wenn nicht direkt schädlich. Exemplifizieren wir. Die „Allianee israelite universelle" ist eine der ältesten jüdischen Institutionen. Wäre sie stets im Sinne ihrer Begründer geleitet worden, so hätte sie der Judenheit zum Segen gereichen können. Aus dem Bruderbund aber, den sie darstellen sollte, ist sie zu einer Wohltätigkeitsgesellschaft geworden, der die Allüren einer grossen politischen Körperschaft komisch genug anstehen. Dass sie von ihrem alten Buhme zehrt, wäre nicht das Schlimmste. Man zehrt nur so lange an etwas, bis man es aufgezehrt hat. Der Zeitpunkt ist bei der Allianee nicht mehr ferne, wenn er nicht schon da ist. Wenigstens spricht ihr stetes Zurückgehen und'die Begründung gegnerischer Gesellschaften in anderen Landern sehr für die zweite Annahme. Man sollte nun erwarten, dass die auffällige Einbusse an Einfluss und Ansehen die Leiter dieser Körperschaft stutzig machen müsste. Weit gefehlt. Mit ihrem Unfehlbarkeitsdünkel, der ihre Freunde und Feinde oft noch viel mehr belustigte als ärgerte, mit ihrer Hartnäckigkeit, die am längst als' schlecht Erkannten festhält, um nur ja keinen Fehler eingestehen zu müssen, mit ihrer Feindseligkeit gegen alle, die der Judenheit frische Kräfte zuführen möchten, ist sie geradezu ein Schulbeispiel für eine jüdischeOrganisation, wie sie nicht sein solLWas sicYernünftiges tut, muss ihr in hartem Kampfe abgerungen werden. Kur eine Spezialität, an die Cremieux und Netter sicher nie gedacht haben, pflogt sie -mit Leidensehaft. Sie hilft der leiblichen Kot der Juden durch Gründung französischer Schulen ab. Merkwürdigerweise geht es den Hungernden in Stat oder Marrakesch nicht besser, selbst wenn in Casablanca eine solche Schule existiert. Das weiss die Allianee natürlich erst, wenn die Flüchtlinge von dorther ihre Schule umlagern, und der Direktor derselben unter anderem telegraphiert, dass er durch die Erinnerung an den furchtbaren Jammer noch immer aufs Tiefste erschüttert sei. Die Allianee hilft auch; denn für Geplünderte, Geschändete und landesflüchtige Bettler hat sie immer ein gutes Herz. Sie erlässt auch, da sie natürlich nicht einmal ein paar Hundert Menschen längere Zeit vor dem Hungertode bewahren kann, einen rührenden Aufruf. Sicherlich wird das Präsidium in der nächsten Plenar Versammlung den verehrten Vereinsmitgliederii mit Genugtuung erzählen, wie die Allianee auch bei diesem Unglücke nach altbewährtem Brauche eingegriffen habe, und wie sie wieder bewiesen habe, dass sie treu auf ihrem Posten stehe. Dann wird ein gerührtes Murmeln der wenigen während der Verhandlungen nicht Fingeschlafenen erfolgen und zum Schluss der Leitung das Vertrauen votiert werden. Wäre man acht Tage vor einer solchen voraussichtlichen oder sogar angekündigten Katastrophe zur Allianee gekommen und hätte sie zum Einschreiten aufgefordert, so hätte sie sicherlich erklärt, dass das nicht ihres Amtes sei. Das Interesse und die Tätigkeit der Allianee richtet sich nicht auf die gründliche, planmässige Verbesserung eines unhaltbaren Zustandes. Erst, wenn ein Unglück geschehen ist, sorgt sie nach ihren bescheidenen Kräften und mit unbescheidenen Anforderungen an den Säckel anderer für die Opfer. Das ist auch eine Politik, aber eine Politik, die alles eher als Anerkennung erwarten darf. Natürlich hat die Alrkmce auch bei dem Unglücke, das vor kurzem in Marokko geschah, wieder eingreifen müssen. Koch fühlt sie sich verpflichtet, solche Unglückliche nicht im Stiche zu lassen. Das ist gewiss lobenswert. Ihre Politik aber wird dadurch aufs beste gekennzeichnet, Keine Spur von Voraussieht, keine Absicht einer wirklichen Hilfe. Das Schlimmste, das ihre Untätigkeit oder ihre verkehrten Massregeln mitverschuldet haben, sucht sie dann notdürftig zu bessern. Statt einer dauernden Hilfe — ein Almosen. Die echte, rechte Politik der Bettelsuppe! W. Die nichtjüdische Kolonisation Palästinas. Von Prof. Dr. O. Warburg. Welches Kolonisten-Material steht uns zur Besiedelung Palästinas zur Verfügung, und welche Erfolge haben die bisherigen Kolonisationsversuche in Palästina aufzuweisen? Wir müssen die mohammedanische, die christliche und die jüdische Kolonisation unterscheiden, da sie sowohl der Art nach, als auch bezüglich des Nutzens für das Land recht verschiedenartig sind. Scharf kann freilich eine solche konfessionelle Einteilung nicht sein, da innerhalb der einzelnen Konfessionen oftmals die Verschiedenartigkeit in Bezug auf Kolonisationsmethode eine grössere ist, als zwischen den verschiedenen Konfessionen selbst. So steht z. B. die Kolonisation der russischen und rumänischen Juden derjenigen der deutschen Templer weit näher, als letztere der Kolonisation christlicher Maroniten; die Kolonisation der Maroniten wiederum unterscheidet sich von der Methode sesshaft gewordener arabischer mohammedanischer Nomaden weniger, als letztere von der Kolonisation der gleichfalls mohammedanischen Tscherkessen. Im allgemeinen aber kann man unter der mohammedanischen Kolonisation die im Orient allgemein herrschende Methode der Eingeborenen verstehen, man würde also auch die eine eigene Religionsgemeinschaft repräsentierenden Drusen sowie die christlichen Maroniten mit hinzurechnen müssen. Es ist die primitivste Art der Kolonisation im Orient, die aber das Gute hat, mit ganz geringen Mitteln durchführbar zu sein. Wir wissen im Einzelnen über den Umfang derselben nur wenig, wir kennen zwar eine ganze Reihe neuerer Dorfgründungen, sowohl von Maroniten und sesshaft gewordenen Nomaden, als auch von. Drusen, wir wissen auch, dass Marokkaner, Algierer und Aegypter sich gleichfalls Ende des vorigen Jahrhunderts, wenn auch in beschränkter Anzahl, niedergelassen haben. In Bezug auf den Umfang, Erfolg und die Aussichten dieser Kolonisation tappen wir aber noch im Dunkeln, und es würde eine verdienstliche Arbeit sein, diesen Wanderungen und Siedelungen im einzelnen nachzugehen. Die kulturell etwas höher stehenden Tscherkessen sind gleichfalls erst in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts ins Land gekommen, und zwar mit Unterstützung der türkischen Regierung, die ihnen dort Land angewiesen hat. Wieviel tscherkessische Dörfer in Palästina existieren und mit welcher Kopfzahl, 'ist unbekannt. Was die Resultate derselben betrifft, so gehen die Ansichten auseinander; während von einer Seite gemeldet wird, dass die Siedelungen der Tscherkessen gut reüssieren, wird von anderer Seite die Ansicht vertreten, dass die syrische Kolonisation der Tscherkessen, im Gegensatz zu der kleinasiatischen, als misslungen angesehen werden muss.1) Wer Erfahrungen in Bezug auf Kolonisation hat, weiss, dass man *) Vgl. die diesbezüglichen Angaben in A. Aaronsohn und Dr. S. S o s k i n „Die Rosinenstadt Es-Salt", Altneuland, Nr. 1, S, 21.