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Die Welt · 1904-02-26 · 9 (26.2.1904) · page 1

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Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
9 (26.2.1904)
Date
1904-02-26
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Deutschland ganzjährig Mk. 13.70, halbjährig Mk, 6.85, vierteljährig Mk. 3.45, England ganzjährig Shg. 14.—, halbjährig Shg. 7.—, vierteljährig Shg. 3.10, Russland ganzjährig R. 7.—, halbjährig R, 3.50, vierteljährig R. 1.75, Schweiz, Frankreich, Italien, Türkei, Rumänien, Bulgarien, Serbien, Griechenland, Aegypten ganzjährig Frcs. 17.—, halbjährig Frcs. 8.50, vierteljährig Frcs. 4.25, Amerika ganzjährig Doli. 3.40, halbjährig Doli. 1.70, vierteljährig Doli. —.85. Nr, 9 Wien, 26. Februar 1904 — 10- Adar 5664, 8, Jahrgang. Die Einberufung des grossen Aktionskomitees. Das grosse Aktionskomitee wurde für Montag, den 12. April, nach Wien einberufen. Die Politik der Bettelsuppe. Es wäre eigentlich ein Purimschwank, wenn nicht so viel des Tragischen mitspielte. Man könnte auch von ./unmenschlicher Tragikomödie" sprechen, wenn man die Politik der Judenheit in den letzten Jahrzehnten näher betrachtet. Der Ernst der Akteure, an den man glauben muss, trägt auch das Seinige dazu bei, den Spass zu vergrössern, und man könnte sich füglich achseizuckend abwenden, "wie von. etwas Unabänderlichem, so Unabänderlichem, wie menschliche Torheit und Kurzsichtigkeit es immer gewesen sind und immer sein werden. Wenn wir eben daran glaubten, dass es sich um Unabänderliches handelt, wenn wir aus Erfahrung wüssten, dass es gerade die Törichtesten sein müssen, die das Schicksal der Juden zu lenken berufen sind. Der Uebcrzeugung aber sind wir nicht. Wohl ist unser Goluth geeignet, komische Figuren hervorzubringen neben den tragischen, die ihm seine Signatur geben, aber nie noch hat sich bisher gerade das Törichte so sehr hervorgetan, dass es nicht mehr zu belustigen, sondern nur noch zu erbittern vermag. Den Juden in aller Welt kam es allmählich zum Bewusstsein, dass der Fortschritt, den sie nach Kräften gefördert hatten, dazu dienen musste, dass sie nicht nur von den früheren Gewalthabern, sondern auch noch von denen bedrückt wurden, die aus ihrer früheren Rechtlosigkeit zu einiger Macht emporgestiegen waren. Wenn es der Bürgerklasse, so lange sie im Kampfe stand, auch nicht an hohen Idealen gefehlt hatte, so hatte sie ihrer doch allmählich vergessen, seitdem ihre Macht gewachsen, ihre Stellung im Staate eine wichtige geworden war. In der sorglichen Berechnung, die Frucht ihres Kampfes nicht zu verlieren, machte sie bis auf wenige starre Theoretiker und solche^ die noch nichts erreicht hatten, ihren Frieden mit ihren früheren Gegnern. Es war politisch für sie kein allzu günstiger, materiell aber ein ganz annehmbarer Friede. Kaum in Sicherheit, begann sie sich ihres Besitzes, ihrer besseren Position rücksichtslos zu bedienen. Der nervenerregende Typus des politischen Parvenüs ist eine besonders angenehme Frucht dieser Emanzipation des Bürgertums. Der ganze Hochmut und die schlimmste Verachtung dieser Parvenüs traf aber vor allem ihre jüdischen Kampfgenossen. Man suchte diese Bekanntschaft, die fast zur Freundschaft ausgeartet wäre, rasch wieder los zu werden. Je nach dein politischen Besitzstande ging das bald in roherer, bald in milderer Form vor sich. Die Juden, abgedrängt von der Bourgeoisie, wendeten sich vielfach der aufsteigenden Arbeiterklasse zu. Da beginnt nun dasselbe Spiel und es müsste mit WTundern zugehen, wenn es nicht zu demselben glücklichen Ausgange führen sollte. Diese Haupt- und Staatsaktion, deren Grundlage, wie nicht abgeleugnet werden soll, bei vielen der jüdischen Führer ein grenzenloser Idealismus war, der sich mit einer grossen ünerfahrenheit in politicis vereinigte und von einem übergrosscn Vertrauen in die Wahrhaftigkeit ihrer nichtjüdischen Kampfgenossen zeigte, hat uns Juden, wie wir nun wissen, zum Schaden gereicht. Die feste Organisation im Ghetto, zu der uns der Staat gezwungen hatte, wurde missachtet, ja von den Gleichheitswütigen oft mit Absicht von grand auf zerstört. Die angeblich so praktischen und auf ihren Vorteil stets bedachten Juden hatten mit plumper Hand nach den. Tauben auf dem Dache gegriffen und den unscheinbaren Sperling, den sie sicher besassen, acht 1 os weggeworfen. Gewiss, das alles lässt sich begreifen, vielleicht auch entschuldigen. So lange wenigstens, als der Erfolg dieser Politik nicht klar zu Tage lag. Dass sie aber auch dann noch weitergeführt wurde, dass es noch jetzt gerade in sogenannten, führenden Kreisen Leute gibt, die an ihr festhalten, das ist zwar nicht für die Leute, die an der Spitze bleiben möchten, wohl aber für die anderen beschämend; denn wenn unsere Führer es auch zu ganz annehmbaren Positionen gebracht haben mögen, der Masse haben sie Bettelsuppen vorgesetzt und setzen sie ihr immer wieder vor. Hat doch diese unsinnige Politik zu dem sonderbarsten Vorgehen geführt, durch das sich die besser Situierten der weniger Gutgestellten zu erwehren trachten. Man hat es bereits so weit gebracht, dass man volkliche, landsmannschaftliche, ja sogar provinziale Abgrenzungen unter den «luden aufgestellt hat. Diese Zertrümmerung einer jeden Politik, die, grosszügig angelegt, der Gesamtheit hätte zum Nutzen gereichen können, ist konsequenterweise so weit gegangen, dass man sich nur um die Allernächsten gekümmert hat. Natürlich auch um die nur für die allernächste Zeit.

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