Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 8 (19.2.1904)
- Date
- 1904-02-19
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. § „bie * W$lt" Seite 15 Ihr müsst ihm Sehnsucht geben, grenzenlos, Und müsset lieben, lieben euer Leid, Aus dem die Sehnsucht wird, die euer Volk befreit." Ausser den „Jungen Harfen" verdienen Jnoch drei Judenliederbücher lobend erwähnt und besprochen zu werden: Theodor Zlocistis „Vom Heimweg", S i e gmund Werners „Ruth und andere Gedichte" und Heinrich Grünaus „Gedichte und Lieder". Alle drei Bücher rühren von bewusst nationalen Dichtern her, alle drei stehen im Zeichen und im Bann des Zionismus und alle drei werden ins Volk dringen, da sie nicht nur seine Träume und Wünsche deuten, sondern ihm auch Kunde vom Reich der Hoffnung und der Erfüllung Dringen. Jedes in seiner Art, jedes in seinem Ton. Und da jedes der Bücher eine individuelle Art hat, so verlohnt es sich auf diese hinzuweisen, um zu zeigen, dass der Zionismus nicht etwa nivellierend wirkt, sondern dass im Rahmen des Zionismus alle möglichen Schattierungen des Denkens, Empfindens und Träumens Raum finden. Ganze Individualitäten können wohl in einer grossen Volksidee aufgehen, ohne ihr Ureigenstes, ihr Bestes aufgeben zu müssen. Dieses Beste stellen sie eben als etwas Besonderes, Eigenes dem Gesamtwohle zur'Verfügung. Und wie mannigfaltig auch das Spiel der Einzelkräfte sei, das Zusammenklingen der Akkorde ist desto einheitlicher, je harmonischer sie waren. Die Mannigfaltigkeit und Verschiedenheit der einzelnen Töne schiiesst doch nicht die Harmonie des Ganzen aus. Nur muss der Grundton derselbe seinl Der Grundton nun, auf den all die Lieder und Gedichte gestimmt sind, ist die Li e b e zum Volke, die Liebe zum alten Vaterlande, die Liebe zur ersehnten und erstrebten Zukunft des Volkes und des Landes. Die unterscheidenden Merkmale sind in der Natur jedes einzelnen dieser drei Dichter begründet. Zlocisti ist mehr Träumer, Werner mehr tat* kräftiger Mann, Grünau mehr Anfeuerer. Zlocisti haucht seine Gedichte vor sich hin, Wern er meisselt sie, Grünau wirft sie in die Menge hinaus wie flammende, loseBlätter. Zlocisti schildert, Werner bildet, Grünau redet. Damit steht ein anderer Unterschied im Zusammenhange: Zlocisti enthüllt die inneren Vorgänge seines Wesens, gibt intime Empfindungen und löst Stimmungen aus, Wern.er schafft Gestalten, die uns zum Sinnen anregen, Grünau teilt uns Betrachtungen mit, die uns oft kalt lassen. Bei Zlocisti und Werner findet man nichts Störendes, sie sind sowohl Dichter als auch Künstler. Bei Grünau stört oft inmitten des schönsten poetischen Feuers prosaisches taubes Gestein; er ist vielleicht weder Dichter noch Künstler. Zlocisti hat das Vibrierende und Hastige von den Modernen und von Heine gelernt (Lies „Heilmittel"); er ist zuweilen Impressionist und wiederspiegelt am treuesten den jüdischen Nationalcharakter, der im Ghetto und im Golus zerrissen wurde. Werner hat seine Formgebung vielleicht an Dante oder Heyse geschult; er hat aber nicht so rein und ursprünglich die Rasseninstinkte von seinen Vätern und Ahnen übernommen wie Zlocisti, er muss oft erst in den goldenen Schacht unserer heiligen Bücher steigen, um wahre Schätze zu heben und national^jüdische Poesien zu bringen. Grünau ist der am wenigsten jüdische Dichter, denn Aufrufe an das jüdische Volk haben auch Christen gedichtet; die „Aufauf-Poesie" wird bekanntlich oft von Fremden besorgt — ich erinnere an Müllers Griechenlieder und Platens Polens lieder. Grünau ist vielleicht der heisseste Zionist, aber er redet zu laut über den Zionismus* als wollte er ihn anderen empfehlen, er agitiert gleichsam in Rhythmen, während Werner und Zlocisti aus ihrer zionistischen Ueberzcvfiug? hfjas dichun. Dm den rauschenden Stür^ ihrer Seele Genüge zu tun. Ich will damit nicht sagen, dass sie uns etwa eine wesenlose, blutleere rart-pour-l'art-Poesie geben. Nein. Sie sind von der flutenden Volkstümlichkeit jeder gesunden und dauernden Kunst überzeugt, aber erst nachdem sie ihr Lied gedichtet haben. Bei Grünau gewinnt man diesen Eindruck nicht. Eine kostbare Ware fesselt den Käufer ohne Hinzutun des anpreisenden Verkäufers, wenn es mir gestattet ist, Grosses mit Geringem zu vergleichen. Und doch wird man sich im ersten Moment von Grünau fortreissen lassen — das eine hat er vor Zlo cisti und W ern er entschieden voraus — aber man kann sich nicht lange an Worten berauschen. Man sucht doch Werte hinter den Worten; Stimmungen und Empfindungen will man herausfühlen. Bei Grünau findet man nur Gedanken. Die Tendenz hat bei ihm oft das Gefühl erschlagen. Das Gefühl für das Poetische, für das Schöne besonders. Was man aber an ihm loben muss, das ist die Glut seiner Liebe zum Volke. DieseLiebe ist keine Phrase trotz mancher langatmiger Gedichte. Und um dieser grossen Liebe willen wird man so manches unpoetische Wort und die auffallende Armut an Bildern gerne in den Kauf nehmen. Vergleichen wir zur Illustrierung des Gesagten sein Gedicht: „Der jüdische Proletarieru mit Werners „Sabbath". Werner führt uns ein bestimmtes Individuum vor, er sieht nämlich einen kranken Juden, der im Spital liegt und dem Tode nahe ist. Grünau führt uns nichts vor, weil er nichts Bestimmtes sieht; er denkt sich bloss den Typus eines jüdischen Proletariers, der gleichsam in der Luft hängt und sich von allen Seiten betrachten lässt. Werner zeichnet ein Bild, das auf sinnlicher Anschauung beruht, Grünau deklamiert. Bei Werner ist der vor Hunger zusammengebrochene Jude blass, stumm und erschöpft; Grünau häuft auf seinen Proletarier, alle nur erdenklichen Merkmale eines solchen. Das Gedicht „ Sabbat" ist einheitlich in Stimmung, Form und Sprache, während der „Jüdische Proletarier" Stellen aufweist, die einem Leitartikel nicht übel anstünden. Zum Beispiel: „Und wie du gezwungen, zu handeln, zu schachern,. Dass du mit den Deinen vor Hunger nicht stirbst, Wie dich Entbehrung, Kummer und Klage Geistig und physisch heruntergebracht . . / Der Schluss des Gedichtes ist ohne jeden Zusammenhang mit dem Ganzen, and die Vertröstung auf schönere"' Zeiten nur mit dem Satze: „Doch Mut, bald sollst du wieder gesunden" motiviert. Anders Werners „Sabbat"; er erhebt sich allmählich zu einem wemütigen Psalmenton. Der Kranke sieht vor dem Tode die Braut Sabbat und vernimmt Sang aus den Sphären und flüstert ihre Worte nach-- „(Hörst du sie singen?) Auf! Empor Aus Schutt und Staub, du Königsstätte! Genug der Schmach! Der dich erkor, Zerreisst des Leidens lange Kette. In Freuden wirst du ernten bald Mein Volk, was du gesät mit Tränen" . . * Mit seinem Gott versöhnt, stirbt der arme Jude. Und auch mit den Bedrückern und Peinigern versöhnt. Im Sabbatfrieden geht er von dannen, den man mit Steinen gejagt, mit Hass getrieben < . * Der Tod verklärt dies Leben der Leiden, des Hungers und des heimlosen Elends. Wie verhält sich Zlocisti zu diesem Problem des jüdischen Proletariers, des ewigen Wanderers, der müde und stumm auf fremder Strasse zusammenbricht? Zlocisti kennt seinen Zusammenhang mit diesem bedauernswerten Produkt des Golus und fühlt den Schmerz bei dem Q-jammervollen Anblick im Herzen brennen* Und es drängt