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Die Welt · 1904-02-19 · 8 (19.2.1904) · page 14

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Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
8 (19.2.1904)
Date
1904-02-19
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Seite 14 „bis & weit11 Nr. 8 „Garn su letauwo" hinzu. Beides finden wir hier vereinigt. Aber ein scharfer Ton — um nicht zu sagen: Misston — in der Schlussstrophe ist aus Byrons alter Rüstkammer geholt. Oder ist es ein Tropfen Heineschen Wermuts? „Es hat sich erfüllt! Wie Sand und wie Steine Zerstreut und zerstoben zu Schande und Spott! — Nun aber die Sterne mit leuchtendem Scheine, Die Sterne, die Sterne, wo sind sie, mein Gott?—a Wer fühlt nicht den bitteren Hohn und den schneidenden Schmerz aus diesen Worten: „Es hat sich erfüllt\u heraus? Anders geartet ist Bialiks Schmerz, er ist reicher, klagender und vielleicht weiter .. . „Schaurige Klaglieder pfeift wohl der unwirsche Sturmwind, Lieder von freudlosem Dasein, das schleppend sich windet.* . . . „Keime der Fäulnis, sie drücken mit wuchtiger Schwere die Knospen nieder, die aufstreben, sich zu entfalten." So klagt ein Mann, der sieht, wie alles Edle in seinem Volke niedergehalten und im Keime erstickt wird von der harten Faust des Golus. Er trägt den Schmerz der verkümmerten und verkommenen jüdischen Existenzen, Fähigkeiten und Schaffensmöglichkeiten. Aehnlich leidet Z an g will, der vor dem Käfig eines Löwen sagt: „Auch ich will Sonne, der gleich euch zum Sklaven ward. Mein Herz versteht dein Weh — ich bin von deiner Art, Du armer König hinter Käfigs gittern." Er versteht das Leid seines Volkes und fühlt es mit, während Frug, Donath, Reisen, Rosenfeld aus dem eigenen Leid heraus das Leid des Volkes zum Ausdruck bringen. Daher der volkstümliche, wahre Ton ihrer Gedichte, am reinsten vielleicht in Reisen erkennbar. Er hat uns soziale Lieder geschaffen, die in ihrer Einfachheit erhaben sind und sich den grandiosen Landstreicher- und Arbeiterliedern Rosenfelds würdig anreihen. Ich erwähne nur sein „Ghetto" mit der unübertrefflichen Schlusspointe : „Eng wirds auch im Grabe und finster sein, aber im Grabe liegt jedes allein." Abgetönter und stilisierter ist Donath. In seiner ganz prächtigen „Mirjam" findet er den Ausdruck für das soziale Leid der jüdischen Mütter, in seinem „War ein Jade und ein Krüppel" knüpft er an den Schmerz des verfolgten Juden nicht etwa Racheempfindungen, sondern Wünsche und Hoffnungen . . <. „Und die weissen Engel sangen Judas Zukunftsmelodie/ Mit diesen Versen, die sich vom dunklen Hintergrunde wie ein leuchtendes Transparent abheben, könnte man die dritte Gruppe der Dichtungen dieser Sammlung einleiten, die Gruppe der hoffenden und zukunftahnenden Gedichte. Grossangelegt, wenn auch zu geschraubt, ist „Das grosse Wecken" von Israel Auerbach, eine Vision Ezechiels : .. . „Und neues Leben wird in euch erglühen, und lebenswarmes Blut den Leib durchkreisen. Ihr werdet aufsteh'n und den Ewigen preisen" . Auch Träume tragen oft seltsamen Glanz und sind der wunderbaren Klänge voll. Da ist ein Traum von B oruchowitsch: „Es wehen die Fahnen, es rauscht die Musik! Wir kehren vereint nach Zion zurück. Und da wir uns nahen, das Land erwacht, Es glänzt und schimmert in bräutlicher Pracht" . . . Mitten im Rausche der Musik und der Heimkehr erwacht der Dichter; vom tiefen Schlaf und ruft wehmütig-enttäuscht : „O Gott, wann erfüllt sich mein goldener Traum?" — Aber bleibt diese Musik, bleibt dieses Leben wirklich nur ein Traum? Wird nicht vielmehr unser graues Leid zum Traum, wie ts Anton Lindner so schön in seinem Frühling ausdrückt? „Aus jedem Zweiglein hebt sich leise Die holde Auferstehungsweise — Und all dein Weinen war ein Traum.* Unsere Träume wieder können zu Leben werden, wenn wir hoffnungsstark und tatenfroh werden. Es tönt wie ein Schwur eines ganzen Volkes, das, im heiligen Willen entbrannt, sich erhebt, was Rafaels in seinem begeisterten Psalm ausruft: „Uns schrecken nicht die Felsen .. . Wir netzen mit unserem Schweisse Deinen heiligen Boden, Du alter starker Gott. — Wir machen zum Paradiese Die öde Wüstenei: Ein Garten ist die Heimat, Sie sei, wie sie auch sei" . . . Wie eine Ergänzung dieses Psalms ist der Gruss, den Bialik, in einem fremden Felde liegend, seinen Brüdern, den treuen Bauern in dem Lande der Ahnen, schickt, indem er fragt: „Stehen vielleicht auf Berg und Hügel sie in diesem Augenblicke, Gegengrüssend meinem Grusse, den ich weinend ihnen schicke?Ä Bauern! Was löst nicht dieses Wort für Gedanken und Stimmungen im modernen schlaffen Juden aus? Unwillkürlich denkt man an Frug's „Lied vom Cheder* und verzieht schmerzlich die Lippen-- . . . „Sei blass und müd und schwach und stumpf, Wenn du nur Thora lernst, mein Junge" . . . Wäre es möglich? Kann aus dem Chederkind ein Bauer werden? Nach einer Antwort suche ich in diesem Buche, das ja so ziemlich alles umfasst, was unser Herz bewegt und unsere Seele erfüllt, und stosse auf W e rner's gedankenreiches, feierliches Gedicht „O Väter, Ahnen": „O Väter, Ahnen! Könnt ihr Antwort sagen? . . . . . . Wart Eins ihr mit der Erde, mit dem Licht? Hob euch der Geist hinauf in Ewigkeiten?8 ... Und die Ahnenfgeben mir zur Antwort: Eins waren wir mit der Erde, mit der Heimaterde. — Und die Kräfte, die in den Ahnen waren, wirken in den Enkeln nach. . . . „ Ufer nur sind wir und tief in uns rinnt Blut von Gewesnen — zu Kommenden rollts, Blut unsrer Väter, voll Unruh und Stolz, In uns sind alle. Wer fühlt sich allein? Du bist ihr Leben — ihr Leben ist dein" — singt Beer-Hofmann in seinem stimmungsvollen tiefen Schlaflied an Mirjam. — Jawohl! Der Ahnen Leben kann unser werden. Das Leben der Arbeit auf altem Heimatboden von neuer Schönheit Übergossen! Dann werden wir nicht mehr wie Bialik schlaff und verträumt im fremden Felde liegen und weinen und auch nicht wie Bub er auf schwarzem Feldesrand ruhen und den fremden säenden Ackersmann um seinen hohen festen Gang beneiden und um seine stolze Kraft „die grüne Werdenstriebe schafft". Doch bis dahin--bis dahin wollen wir die Sehnsucht wecken, die Sehnsucht im schlummernden Volke! Und sind wir auch vorderhand die Ersten, die wir uns diesem Dienst ergeben, die Einzigen werden wir nicht bleiben. Alles was Kraft und Schönheit hat, wird unsere Reihen mehren, bis wir dastehen, ein einig Volk von Brüdern, dem Fei weis schöner Zuruf gilt: „Aus tausendjähriger Schmerzen dunklem Schoss Ein Sehnen, das hinauffliegt zu den Sternen, . Muss euer Volk, das sehnsuchtsmüde lernen :

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