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Die Welt · 1904-02-19 · 8 (19.2.1904) · page 12

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Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
8 (19.2.1904)
Date
1904-02-19
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 12 „bi* $ W*lt Nr. 8 Die erste Nummer enthält Artikel von Dr. Herzl, Brainin, Dolizki, Dr. Pordes und beiden Redakteuren. Die Zeitschrift verspricht ein tüchtiger Streiter für den zionistischen Gedanken zu werden in solchen Kreisen, wo unsere in anderer Sprache geschriebenen Publikationen keinen Zutritt haben. So viel uns bekannt ist, hat die Redaktion sich die Mitarbeiterschaffc der besten zionistischen Schriftsteller gesichert. Wir begrüssen das interessante Unternehmen aufs herzlichste. Kram er Jacob, Dr. phil. Das Problem des Wunders im Zusammenhang mit dem der Providenz bei den jüdischen Religionsphilosophen des Mittelalters von Saadia bis Niairr.üni. Strasburg i. E,, 1903. Josef Singer. 108 Seiten 8°. Ein Problem des Wunders, im Sinne einer logischen Begründung der Tatsache des Wunders, gibt es weder für die Wissenschaft, die den gesamten Weltprozess als ein ununterbrochenes mechanisches Abhaspeln von Ursache und Wirkung begreift, noch existiert es für den Glauben, der seinem innersten Wesen nach sich auf Dinge bezieht, die den mechanischen Zusammenhang von Ursache und Wirkung durchbrechen. Dis Wissenschaft erkennt die Tatsache der Wunder überhaupt nicht an; dem Glauben ist das Wunder stets das liebste Kind gewesen. Ein Problem des Wunders kann es daher erst in jener Disziplin «eben, die den Gegensatz zwischen diesen beiden sich schroff entgegenstehenden Gebieten zu überbrücken- und die Begriffe der Wissenschaft auf die Tatsachen desl Glaubens anzuwenden sucht, — in der Religionsphi-I lo sophie. Hier ist das Problem des Wunders eines der3 wichtigsten, weil eines der schwierigsten, und es ist von hoch- 1 stem Interesse, die mannigfachen Lösungen zu verfolgen, die die Tatsache des den Kausalnexus durchbrechenden Wunders mit derTatsache desgesetzmässigen kausalen Weitgeschehens in Einklang zu bringen versuchen. Die Entwicklung dieses Problems innerhalb der jüdischen Religionsphilosophie führt nun Dr. Kr am er in seiner oben zitierten Abhandlung ia gründlicher und erschöpfender Weise vor Augen. Der Verfasser hat sich auf die Zeit von Saadia bis Maimüai beschränkt, und in der Tat bilden diese beiden Persönlichkeiten die Marksteine jener denkwürdigen jüdisch-arabischen Epoche, in der die Juden mit dem gleichen Verständnis und dem gleichen Eifer ihre eigene nationale Kultur und die des eingebenden Volkes pflegten und so von vorneherein auf eine Ausgleichung beider angewiesen waren. Die Bibel und der arabisch zugestutzte Aristoteles waren die beiden absolut feststehenden Tatsachen, an die sich kein menschlicher Zweifel heranwagen durfte. Gleich zwei hochragenden Bergen standen sie sich gegenüber, durch eine tiefe Kluft von einander geschieden, doch beide gleich gewaltig und unerschütterlich. Dss einzige Mittel, sie mit einander in Verbindung zu bringen war, über diese Kluft eine mehr oder minder f-»ste Brücke zu schlagen. Durch diese Erscheinung ist der Ausgangspunkt und die Entwicklung unseres Problems gegebpn. An der Tatsache des Wunders haben die jüdischen Philosophen des Mittelalters ebenso wenig gezweifelt, wie sie ja (mit ganz verschwindenden Ausnahmen) an der Wahrheit der biblischen Beweise, in denen die Wunder überliefert werden, keinen Zweifel hegten. Der Zweifel an historischen Berichten überhaupt (das, was wir heute Literarkritik nennen) lag jener ganzen Zeitrichtung so ferne, dass die gesamte an Tragweite dem Koran gleichkommende mündliche Ueberlieferung des Islam (der sogenannte Hadith) sich auf dieser Tatsache aufbaut, und dass innerhalb der jüdischen Religionsphilosophie die biblischen Wahrheiten durch die biblischen Berichte bewiesen werden, ohne dass man sich im Geringsten einer petitio principii bewusst ward. (Der zweifelnde Chazarenkönig wird sofort von der Tatsache des Mannawunders überzeugt, als ihn sein jüdischer Opponent darauf hinweist, dass das Manna 40 Jahre hindurch für 600.000 Menschen vom Himmel fiel, aber eine so grosse Menge nicht getäuscht werde könne. Kusaril, 86.) Doch die biblischen Berichte und damit auch die Wunder allegorisch zu deuten und in eine Reihe von abstrakten Ideen aufzulösen, wie es ihre Vorganger in Alexandrien mit ihren Zeitgenossen innerhalb des Islam (die sogenannte Sekte der Batinijja) taten, — auf diesen „Blödsinn* (um den Ausdruck des Maimonides zu gebrauchen) konnten sich die arabisch-jüdischen Philosophen, die sich eines recht'gesunden Menschenverstände? erfreuten und mit der Bibel innig verwachsen waren, nicht einlassen. So waren sie von vorneherein an eine klar vorgeschriebene Marschroute gebunden und auf ein konziliatorisches Verfahren angewiesen. Und doch muss es unser Interesse und unsere Bewunderung erregen, wenn wir die Fülle von Ideen betrachten, die trotz der so eng gezogenen Grenzen eine Lösung dieses Problems zu geben versuchen. Saadia (st. 942.) Der eigentliche Schöpfer und Begründer dieser religions-philosophischen Entwicklung, zeigt noch hie und da die Widersprüche und Schwankungen, die stets ein neuer Versuch mit sich bringt. Er unterscheidet das Wunder einerseits vom Absurden, das heisst, Unmöglichen, über welches selbst Gott keine Macht besitzt, andererseits vom gesetzmässigen Naturgeschehen. Während dieses jedoch durch eine normale Kausalkette bewerkstelligt wird, geht das Wunder unmittelbar auf Gott zurück. Da die Bibel nichts Wider vernünftiges enthält (wo dieses scheinbar der Fall ist, muss eie entsprechend umgedeutet werden), können auch die Wunder nicht widervernünftig sein. Mit dieser Voraussetzung geht er an die Erklärung der Wunder heran und verbreitet sich besonders ausführlich über das künftige Wunder der leiblichen Auferstehung, die er rationalistisch zu beleuchten sucht. Die Wunder sind „sinnliche Beweise", das heisst, sie brirgen in sinnfälliger Form Wahrheiten zum Bewusstsein, die auf logischem Wege erst nach langer Ueberlegung mühsam eruiert werden. Die von einem Propheten ausgeführten Wunder sind daher die Beglaubigung s^irips Beiufes und der von ihm vorgetragenen Wahrheiten. Bachja ihn P a k u d a (ca. 1040) stimmt in der Auffassung der Wunder a^ sinnliche Beweise und als Beglaubigungszeichen der Propheten mit Saadia überein. Im Uebrigen konnte ihm, Idem tiefgläubigen Moraltheologen, der in erster Reihe di« »religiös-sittliche Weltordnung betont, und weit mehr auf fd\e Religion als auf die Philosophie Wert legt, dieses Problem keine allzu grossen Schwierigkeiten bereitem In genialer Weise hat Jeh uda Haie vi (^t. um 1140) eine Lösung desselben versucht. Jehuda Haie vi ist der einzige, der im Widerspruch mit seiner Zeit und weit über seine Zeit hinaus sich des unversöhnlichen Gegensatzes zwischen der Lehre des Judentums und der arabisch gefärbten Kultur des Hellenentums, das „nur Blüten, keine Früchte hervorbringe," voll und ganz bewusst war. Doch ist er, der philosophisch gebildete Arzt, weit davon entfernt, der Wissenschaft den Laufpass zu geben. Allein er beschränkt ihren Wirkungskreis auf das irdische Geschehen. Hier hat das Naturgesetz seine volle Gültigkeit, nicht aber in der Sphäre des Ueberirdischen. Die Gesetze der Natur gelten für die Menschen, nicht aber für die Geister und die Menschen, die ihresgleichen sind, wenn wir so sagen dürfen für die U e b e rmenseben*). Dies aber waren die in der Bibel erwähnten Gottesmä'iner, auf die sich der überirdische oder übermenschliehe Kern von Adarn's aus Gottes Hand hervorgegangener Persönlichkeit sukzessive vererbte, und die ihn ihrerseits auf das gesamte israelitische Volk übertragen, das daher ein „Uebervolk" ist. Wie die Patriarchen und Propheten, so stand und steht teilweise noch jetzt ganz Israel unter der speziellen Fürsorge Gottes, die sich ihm in Wundern offenbart. Daher sind auch nach ihm die Wunder die Beglaubigungszeichen des Propheten, denn sie bezeugen, dass er ein „Uebermensch14 sei. Abraham ibn Daud (st. 1180), der leidenschaftliche Verehrer des Aristoteles, kann nicht umhin, eine festgefügte Weltordnung anzunehmen, die ein unmittelbares Eingreifen Gottes eigentlich ausschliessen sollte. Um jedoch auch zugleich den biblischen Tatsachen gerecht zu werden, deren Wahrheit durch die Oeffentlichkeir, mit der sie in Erscheinung traten, fest verbürgt ist, hilft er sich dadurch, dass er den M i 11 e 1 Ursachen, die von der obersten Ursache zur Wirkung hinüberleiten, eine grössere Bewegungsfreiheit einräumt. Die Engel haben bei der Ausführung der göttlichen Aufträge keine fest vorgeschriebene Marschroute, so dass dadurch die Wunder möglich sind» Die Menschen, die das Materielle von sich abstreifend, sich zu der Höhe der Engel erheben, erhalten gleich diesen die Kraft, Wunder zu wirken. Daher ist auch nach ihm das Wunder das Beglaubigungszeichen des Propheten, indem er bezeugt, dass er diese Höhe erreicht hat. Dass das Problem des Wunders bei Maimonides (st. 1204) eine völlig neue, höchst originelle Beleuchtung und Begründung erhält, ist bei diesem einzigartigen Geiste von vornherein zu erwarten. Dem unerschrockenen Rationalisten gilt die Vernunft als letzte entscheidende Instanz. Aber zugleich ist er in einer Weise, die an die kritische Methode Kants er- *) Ueber einige nicht uninteressante Parallelen zwischen der Theorie des Jehuda Halevi und der Lehre von Nietzsche den Aufsatz „Nietzscheanismus und Judentum" von Achad-Haam in „Ost und West" 1902 Heft III und IV.

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