Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 8 (19.2.1904)
- Date
- 1904-02-19
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8 „bis # Welt Nr. 8 W«1t-$broi)ik- Lecky und die Juden. Der vor kurzem verstorbene berühmte englische Historiker Lecky hat sich wiederholt über den Charakter und die Leistungen der Juden ausgesprochen. „Der Heroismus der Verteidiger jedes anderen Glaubens," sagt er, „schrumpft zur Bedeutungslosigkeit zusammen vor dem Märtyrervolk, das dreizehn Jahrhunderte hindurch alle Qualen, welche der wildeste Fanatismus hat ersinnen können und die fürchterlichsten Leiden lieber ertragen hat, als seinen Glauben aufzugeben. Denn die Juden waren nicht asketische, für alle Hoffnungen und Leidenschaften abgestorbene Mönche, sondern Menschen* welche die weltlichen Güter, die sie aufgeben mussten. sehr wohl zu schätzen wussten." In seiner „Geschichte des Rationalismus44, Band II, S. 282, spricht er in den superlativsten Ausdrücken von dem Eifer, mit welchem sich die Juden der Gelehrsamkeit widmeten und mit welchem sie auf dem Gebiete des Wissens die Weit bereichert haben. „Zu höchster Blüte schwang sich der Genius dieses wunderbaren Volkes empor, während die Völker ringsherum in Finsternis und blöder Unwissenheit dahinkrochen; während Jongleurwunder und falsche Reliquien die Themata waren, über die fast das ganze Europa sich unterhielt und der Intellekt der Christenheit, in Bann gehalten durch Aberglauben in unzähligen Formen und Gestalten, in eine Art von Todesstarre gesunken war, in welcher jeder Forschereifer, jedes Suchen nach Wahrheit aufgehört hatten, verfolgten die Juden die Pfade der Wissenschaft, sammelten sie Kenntnisse und spornten sie den Fortschritt mit derselben unbeugsamen Zähigkeit an, welche sie in ihrem Glauben entfaltet hatten. Sie waren die geschicktesten Aerzte, die fähigsten Finanziers und die tiefsten Denker, während sie in der Pflege der Naturwissenschaften nur den Mauren nachstanden. Sie waren die Hauptinterpreten arabischer Gelehrsamkeit für Westeuropa.44 - Ein stolzer aufrechter Jude. Der berühmte Führer der Berliner Sezession Liebermann sagte f inem Mitarbeiter der „Frankfurter Zeitung". „Ich halte die Vermengung anderer Rassen mit der jüdischen für nachteilig. Notabene: ich meine für die Juden. Ich bin Jude, und ich bin stolz darauf, rassenreiner Jude zu sein. Ich glaube, die jüdische Rasse verliert ihre guten Eigenschaften, wenn sie sich mit anderen vermischt. Die beiden verschiedenen Hälften ergeben eben nie ein harmonisches Ganze. In der Kunst wenigstens war^n nur rassenreine Juden schöpferisch wahrhaft bedeutend. Denken Sie an Israels beispielsweise." Aus der Hochburg der Antiz>oni$ten. Die Taufen in Wien betrugen im Jahre 1897 Gesamtzahl 453, männlich 265, weiblich 188; ■ 1898 , 434, „ 252, , 182; . ■ . 1899 „ 482, , 280, „ 202; „ 1900 „ 559, „ 315, „ 244; , 1901 , 551, „ 313, „ 238; Nicht eingerechnet sind dabei die Taufen von Kindern unter sieben Jahren. Eingeweihte versichern übrigens, dass die obigen Ziffern hinter der Wirklichkeit zurückbleiben. Das englische Einwanderungsgesetz. Unter den Vorlagen, welche die englische Thronrede ankündigt, befindet sich auch die betreffend die Missständ* der Einwanderung von Verbrechern und Armen. Die Gesetzesvorlage enthält zunächst die Bestimmung, dass jeder das Gebiet des Vereinigten Königreichs betretende Einwanderer einen von der Behörde seines Landes ausgefertigten Pass vorzuzeigen hat, der eingehende Angaben über sein Vorleben enthält. Personen, deren Passausweis zu irgend welchen Bedenken Anlass giebt, sollen von der Landung ausgeschlossen und auf Kosten der Schifffahrtsgesellschaft, mit der sie die Hinreise abgeschlossen haben, sofort zurückbefördert werden. Aber auch alle übrigen Einwanderer, die zugelassen werden, sollen innerhalb der ersten fünf Jahre ihres Aufenthalts in England einem Ueberwachungsbu r e au unterstellt und verpflichtet sein, von Zeit zu Zeit der zuständigen B e z i i k s b e h ö r d e über ihre Tätigkeitetc. Meldung zu erstatten. Schliesslich solle die Bezirksbehörde befugt sein, den Zugang weiterer Einwanderer zu untersagen, falls der Bezirk nach ihrer Meinung bereits genügend Bewohner fremdländischer Herkunft aufzuweisen hat. Wird diese Vorlage Gesetz, woran leider nicht zu zweifeln ist, so hat die Agitation gegen die jüdische Einwanderung ihr Ziel, auf das sie seit Jahren mit aller Energie hinsteuert, vollauf erreicht. Die Juden in Nordamerika. Nach dem Jüdischen Jahrbuch (Jewish Year Book) leben in den 52 Staaten und Territorien der United States 1,127.268 Juden, davon über 72 Prozent in 28 Staaten östlich des Mississippi. Man kann demnach von einer Konzentration der Juden auch in ihrer neuen Heimat sprechen. Auch das flache Land hat zum Teil eine sehr zahlreiche jüdische Bevölkerung aufzuweisen. Selbst der berüchtigte „far West", darunter Staaten wie Washington, Montana, Utah und Texas, ja sogar Neumexiko und die Heimat des „Arizona Kicker* haben teilweise mehr Juden, als manches grosse Gouvernement des Innern Russlands. Weniger als 1000 Juden finden wir nur in vier Staaten, nämlich Delaware, Idaho, Nevada und Vermont mit zusammen 2228 jüdischen Einwohnern. Weitere 17 Staaten weisen 1-5000 Juden auf, So wohnen in Arizona 2000, Montana 2500, Washington, im äussersten Nordwesten der Republik 2800 und in Florida SOOOJudtn. Die Staaten Jowa Maine und Utah weisen je 5000 Juden auf. In Connecticut und Oregon leben je 5500, in Kolorado 5800, in Nord-Karolina 6000, in Alabama 7000, in Michigan 9000 und in Minnesota und Tennessee je 1000 Juden. Es leben demnach in 33 Staaten gregen 123.548 Juden. Fast ebensoviel wie die erwähnten 33 Staaten weisen die folgenden 9 Staaten mit 'einer jüdischen Bevölkerung von 11-25.000 Juden auf. Es beherbergen Kentucky und Louisiana je 12.000, Texas, Virginia und Visconsin je 15.000, Indiana und New Jersey je 25.000 Juder. Endlich zählt Maryland 26, Californien 28 und Missouri (St. Louis) gar 50.000 Juden. Sehr zahlreich sind die Juden in Massachusetts, wo sie 60.000, Illinois, wo sie 75.000 und Pennsylvanien, wo sie 95.000 Seelen zählen, und die Ghettos von Cincinnatti, Chicago und Piladelphia bilden. Diese Ghettos reichen aber bei weitem nicht an das gewaltige JudfnvierteL von Newyork heran, das mit seinen 500.000 jüdischen Bewohnern das grösste jüdische Gemeindewesen aller Zeiten und Länder darstellt. Ein so grosses jüdisches Gem^indeweseii, das zueiner anderen Zeit und unter anderen Umständen ein bedeutendes Kulturzentrum und ein grosser Segen für die jüdische Gesamtheit sein würde, bildet in einem modernen Staate am Beginn des 20. Jahrhunderts eine Gefahr für das amerikanische Judentum und eine ständige Bedrohung des gesamten jüdischen Emigrationswesens. Die weite* e Vergrösserur g diesfs Ghettos wird unvermeidlich zu einer Erschwerung der jüdischen Einwanderung in die Vereinigten Staaten von Nordamerika führen. Die Juden in Japan. Während wir mit Bestimmtheit annehmen dürfen, dass in China echon in den frühesten Zeiten Juden gewohnt haben, die sich aber im Laufe der Zeit mit den Eingeborenen ^o vermischt haben, dass es jetzt schwer ist, sie herauszufinden, haben wir dagegen über Ansiedlungen von Juden in Japan in früheren Zeiten nicht den geringsten Anhaltspunkt. Der Grund, dass fast gar keine Einwanderungen, selbst aus den nächsten Nachbarländern, in Japan stattgefunden haben, wird wahrscheinlich in der Lage des Landes zu suchen sein. Erst seitdem Forscher und Missionäre die Wege nach Japan ebneten, sind auch einzelne Juden eingewandert. Die ersten, deren Namen bekannt sind, kamen in der Mitte des vorigen Jahrhunderts nach Japan; diese waren englische Juden, welche infolge der Geschäftsverbindung zwischen England und Japan dort hinkamen. Ein Mann aus der Familie Salomon war der erste, der grössere Geschäfte mit Japan machte, und später Hess er sich dort ganz nieder und liess auch seine Bekannten und Verwandten zu sich kommen, stellte sie als Beamte in seinem Geschäfte an und bildete in seinem Hause ein eigenes Minjan. Ausser den englischen Juden finden wir jetzt auch einzelne franzödische Juden. In Tokio waren im Jahre 1880 zirka 20 jüdische Familien, indessen haben sie keine eigene Gemeinde gegründet. Die meisten sind nicht religiös, und deshalb liegt ihnen nicht viel daran, eine Gemeinde zu gründen, obwohlihnen seitens der Regierung kein Hindernis in den Weg gelegt wurde. Denn seit 40 Jahren sind alle gesetzlichen Unterschiede zwischen den Angehörigen der verschiedenen Religionen geschwunden. Zwar gibt es noch politische Ausnahmen für die Ausländer, besonders in den Hafenstädten, doch in religiösen Fragen herrscht dort völlige Freiheit. Aber die Aufhebung selbst dieser politischen Einschränkungen ist nur noch eine Frage der Ze«t. In Tokio und Yokohama finden wir gegenwärtig eine ansehnliche Zahl jüdischer Kaufleute, die das Recht und auch die Mittel dazu haben, Gemeinden zu gründen, aber der innere Trieb fehlt ihnen^ Als Ansiedlungsland für die Juden ist Japan nicht geeignet, weil das Land so klein ist, dass es kaum die Eingeborenen fassen kann. In der letzten Zelt hat Japan sich mehr der Industrie zugewandt und könnten daher jüdische Unternehmer dort ein Arbeitsfeld finden; aber es dürfte doch sehr schwer halten, den tüchtigen und auf der Höhe der Zeit stehenden Japanern Konkurrenz zu machen. Dagegen gibt es dort ein grosses Gebiet für Handeltreibende, und