Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 8 (19.2.1904)
- Date
- 1904-02-19
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite i „bi* # w>H" tragung des Finanzentrums mit keinem Worte erwähne und wiederhole nochmals meinen endgiltigen Entsehluss, dass ich dieses Amt ilcht übernehme". Mir scheinen diese klaren Worte ganz ausreichend, um mich von der Lösi^der Kassaverwaltung zu befreien, und ganz umsonst Wurde ich in den Strom der mir in der Seele verhassteü Polemik hineingeschleppt. Wilna, 31. Jänner. Mit Zionsgruss J. L. Goldberg. Pariser Briefe. iL Paris, im Februar 1904. Der vergangene Winter hat hier den Zionismus ins Blühen gebracht und neue Vereine und neue Unternehmen waren die achtenswerten Resultate zionistischen FMsses. Nicht wenig kam unfe dabei die lebhafte Diskussion der Pariser Blätter über urifeere Fragen zugute, eine Diskussion mit einem stark interessierten Publikum auch in den unteren Schichten. So zum Beispiel erhielt unser tätiger Gesinnungsgenosse Dr. Jacobsohn von der allgemeinen „Universite' Populaire de la Rue Mouffetard" den Auftrag, eine Vorlesung über den Zionismus zu halten. Mitgrösstem Interesse folgten die Zuhörer, meist Arbeiter und Kommis — gar keine Juden — seinen Ausführungen. Auch unter den französischen Juden sind einige Bekehrungen zum Zionismus zu verzeichnen. Vor allem der bekannte dramatische Schriftsteller Abraham Dreifuss, welcher sich im Rahmen eines Vortrages in der „Universite* Populaire Juive* mit unserer Bewegung solidarisch erklärte und seinen Schekel Herrn Dr. Marmorek überreichte. Es wären noch andere weniger bedeutungsvolle zu nennen. Wichtig ist aber, dass die wiederaufgenommenen Versuche, einen Verein „Poalei Zion8 aus zionistischen Arbeitern zu gründen, voraussichtlich gelungen sind, was bis jetzt fast unmöglich schien, da hier die politische und ökonomische Lage der jüdischen Arbeiter sie zu den Sozialisten und Internationalisten als ihren natürlichen Beschützern treibt. In letzter Zeit findet sich aber demgegenüber ein jüdisches Arbeiterelement hier vor, meist neue Einwanderer aus Russland, bei welchen jüdische Interessen und zionistisches Gefühl zähe genug sindt um die Wichtigkeit und Notwendigkeit des Zionismus schätzen zu können. Durch die Propaganda des Herrn E b e rlin, Mme. Pewsner u. a. hat sich schon die Pariser Gruppe ,Poalei Zion" gebildet, und ich glaube, dass sie im Bunde mit der studierenden Jugend in Zukunft eine mächtige Rolle spielen wird. Zu erwähnen ist noch die Gesellschaft der hebräisch Sprechenden, „Ivria*, welche unter Leitung des Kongressdelegierten Dr. Slouschz und der Herrn Dimant, Dobruschin und anderer zweimal monatlich Vereinsversammlungen im Studentenlokal und zweimal stark besuchte Vorlesungen in der Jüdischen Volksuniversität abhält Das ist nicht alles. Ueber Anregung unserer wackeren Gesinnungsgenossinnen Mlle. Professor Schach und Dr. Krits chevsky hat sich der erste Verein zionistischer Frauen in Frankreich gebildet. Dank der regen Tätigkeit der Mlle. Schach konnte der junge Verein schon vor 14 Tagen seine erste konstituierende allgemeine Versammlung abhalten. Die Vorsitzende erklärte, dass die Zahl der Mitglieder von ursprünglich 16 auf über 30 gestiegen sei. Der von ihr vorgelesene kommissioneile Statutenentwurf wurde von den Anwesenden angenommen. Das wichtigste Ereignis des Abends war aber das Erscheinen Dr. Nordau's auf der Tribüne, das erstemal nach dem Attentat. Der Meister wurde mit Sympathiekundgebungen begTÜsst. Nord au sprach über die Rolle der Frau im Zionismus. Was der Zionismus meint, brauche er kaum onch zu betonen in einer Versammlung, welcher eine so geschätzte und tätige Zionistin präsidiert. Der Zionismus will eine öffentlich rechtliche Heimstätte in Palästina und seiner Umgebung schaffen. Er ist eine moralische, nationale, historische und ökonomische Notwendigkeit. Das jüdische Volk will leben, und da es sich als Minorität unter den Völkern, als nationaler Organismus nicht behaupten kann, sucht es in sein altes Vaterland zurückzukehren. Millionen unserer Brüder in gewissen Ländern können sich weder ökonomisch noch politisch erhalten und werden sogar bei günstigerer politischer Lage auswandern müssen. Wohin mit ihnen? Die westlichen Länder werden eins nach dem anderen gesperrt, sogar das gastfreundliche England, und es bleibt uns nur unser historisches Vaterland, nur Palästina, das einzige, welches grosse jüdische Massen aufnehmen kann. Leider sind wir nicht die einzigen Faktoren zur Lösung dieser Frage und wir müssen, da wir nie von unserem Programme, welches bei uns auf Stein und Herz geschrieben ist, abweichen können und dürfen, verschiedene und vielseitige Mittel für unser Vorwärtskommen anwenden. Wir glauben, dass wir durch die wohlwollende Hilfe einiger Mächte und das freundliche Entgegenkommen Seiner Majestät des Sultans endlich rechtliche Konzessionen in Palästina und seiner Umgebung erreichen werden, um eine grosse jüdische Ansiedlung mit innerer Autonomie zu schaffen. Selbstverständlich körnen wir die Ereignisse nicht zwingen, aber vor allem müssen wir zeigen, dass wir wirklich im Namen des jüdischen Volkes sprechen, welches seine Wiedergeburt auf dem Boden der Väter verlangt; und deshalb wird jeder den Wert streng organisierter Vereine erfassen. Wir haben nicht so grosse Kapitalien, dass wir aus diesem Grunde bei den Regierungen schätzenswert werden könnten, wir haben nur unsere moralische Kraft, und wie anders können wir unseren Willen äussern, als durch eine streng gebundene Organisation? Jeder neue Verein ist eine neue Lanze in den Händen der Kämpfer Zions, eine Elementarkraft des Zionismus. Deswegen ist es nur eine Genugtuung, zu konstatieren, dass durch die Gründung des neuen Frauen-Vereines die Kräfte der Bewegung erstarken, da der Zionismus in hervorragendem Masse für das Wohl der jüdischen Frau streitet. Redner schildert die traurige Lage der jüdischen Frau. Er stellt sie dar, wie auf ihr im Ghetto die Last des Haushaltes und der Kindererziehung meist ohne alle Mittel lastet — wie sie jn früher Jugend altert und verwelkt. Er erzählt die Märtyrerleiden der Aguna (nsw)» die Schande der Traite Blanche (Mädchenhandel). Das vormals musterhafte jüdische Leben wird demoralisiert und es ist die Armut, die ökonomische Not, welche die traurige Lage verursacht. All dem soll der Zionismus abhelfen. Er will die jüdische Frau vor Mangel, vor Leiden, vor Schande, vor Gefahren retten; er soll dem jüdischen Volke seine Berühmtheit a's Volk der Moral zurückgewinnen, eine ökonomische, politische und moralische Besserung bringen. Man sieht also, welche Interessen die jüdische Frau im Zionismus hat. Er ist auch in diesem Punkte eine moderne, auf der Höhe der Kultur stehende Bewegung. Der Jude wusste in allen Zeiten seine Frau, Mutter, Tochter hoch zu schätzen — der Zionismus aber gibt diesem Gefühl eine moderne Prägung, da er in seinen Versammlungen, Kongressen die Frau dem Manne gleichstellt, da manche Frauendelegierten, so wie Mlle. Schach, Mme. Kahn in Wien, andere in Amerika fogar Zierden des Zionismus sind. Man spricht allgemein von dem „Retour de Jerusalem". Das Stück ist antisemitisch, falsch und gehässig. Nicht bei den reichen jüdisch unwissenden und indolenten Frauen werden wir Anklang finden, sondern bei der mittleren Klasse, wo die jüdische Frau sich noch jüdisch erhalten hat und wo ihre jüdische Propagandaerziehung viel leisten wird. Ohne die Frau hat der Zionismus keine Zukunft. Darum