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Die Welt · 1904-02-19 · 8 (19.2.1904) · page 2

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Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
8 (19.2.1904)
Date
1904-02-19
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 „bi* & W^lt Nr. 8 Und doch haben wir immer unseren Mann gestellt, wenn es galt, das Vaterland zu verteidigen. Und doch haben sich, aller antisemitischen Gemeinheit und Bosheit zum Trotz, in allen Kriegen, in denen sie kämpften, die Juden durch ihre Tapferkeit nicht minder mit Ruhm bedeckt als ihre nichtjüdischen Mitkämpfer. Und doch, das dürfen wir ruhig vorhersagen, werden auch in diesem Kriege unsere Brüder in Russland ihre Pflicht und noch viel mehr als ihre Pflicht tun. Die Erinnerung an all das Schwere, dass sie erdulden mussten und noch immer zu ertragen haben, wird verblassen, wenn ihre Pflicht sie ruft, und mit dem Einsatz ihrer Person und ihrer Habe werden sie dem Vaterlande dienen. Wie anders allerdings hätte es sein können, wenn Russland seine jüdischen Untertanen mit Liebe, mit Gerechtigkeit wenigstens, behandelt hätte! Jetzt, in den Tagen der Gefahr, hätte die Regierung keine verlässlichere Stütze, keine opferfreudigeren Helfer als die Juden; denn wir Juden sind ein dankbares Volk. Wie wir niemals Frankreich, England und Amerika vergessen werden, was unser Volk ihnen dankt, so hätte auch Russland diese überströmende, alles überdauernde Dankbarkeit erwecken können. Es hätte können —und kann es noch. Das wäre dann ein Krieg von den segensreichsten Folgen, wenn die russische Regierung den Freiheitsdurstigen den Trunk gestatten wollte! Wenn sie nur den guten Willen bewiese, es später zu tun! Dann könnte man von einem Kriege sprechen, der, wie immer er enden möge, dem Volke, der Menschheit Segen gebracht habe* Dann würde der Gzar der wahrhaftige Friedenskaiser sein, seine Regierungszeit eine epochale. Dann würde Russland nicht nur seiner Ausdehnung nach eine Grossmacht der Kulturmenschheit, «in Mitstreiter für die schönere Zukunft des Menschengeschlechtes werden, an die wir alle so gerne glauben. W. Das gelobte Land Sibirien. Herr Lucien Wolf hat eine Reise nach Russland getan. Nun kann er was erzählen. Man scheint in Russland nicht gleich die Notwendigkeit dieser Reise eingesehen zu haben, denn Mr. Wolf hatte es nur der Verwendung einflussreicher Freunde zu danken, dass man ihm endlich das bereits verweigerte Passvisum doch erteilte. Allerdings hatte man Herrn Wolf eine ganz bestimmte Route vorgeschrieben, so dass er sich nur nach Petersburg begeben konnte. Dort gelang es ihm, bei Minister von Plehve Audienz zu nehmen. In einem längeren Artikel in der „Times" berichtet Mr. Wolf über seine Unterredung und über seinen ihm später gestatteten Aufenthalt in Warschau in ausführlicher Weise. Nach dem Berichte des Mr. Wolf beteuerte Herr von Plehve, er wäre keineswegs ein Judenfeind und seine repressiven Massregeln wären nicht etwa bloss ein Ausüuss des Antisemitismus. Er entwickelte seine politische Anschauung und folgerte, dass die Juden aus „raison d'etat" gefährlich seien und unterdrückt werden müssten. Er meinte dann, es werde in Russland für die Hebung der wirtschaftlichen Lage der Juden im Ansiedlungsrayon etwas geschehen, auch für die Annäherung der »oberen Schichten8 des jüdischen Volkes an die russische Gesellschaft. Was darunter zu verstehen sei, hat er nicht näher angedeutet. Ferner sprach er sich für die Emigration aus. Es werden seitens der Regierung Anstalten getroffen werden, um den Emigranten die Auswanderung zu erleichtern. An die Erweiterung des Ansiedlungsrayons, an die Erschliessung des inneren Russlands sei nicht zu denken. Mr. Wolf blieb jedoch nicht bloss in den Grenzen eines Interviewers, sondern plädierte, wie er berichtet, vor dem Minister für das jüdische Volk. Er zeigte Herrn v. Plehve die Unzulänglichkeit dieser palliativen Mittel, die immer wachsende Unzufriedenheit im Schosse des jüdischen Volkes. Er wies ihn auf den Zug zum Konservatismus des jüdischen Volkes hin, welches nur dann revolutionär gestimmt ist, wenn es gedrückt werde. Als Beispiel führte er die englischen Juden an, die vor der Emanzipation das revolutionärste Element im Lande waren, nach der Emanzipation jedoch sich auf die Seite der Konservativen schlugen. Durch Unterdrückung aber treibe man das jüdische Volk, und speziell die jüdische Jugend, in das Lager des Nihilismus. Dann bemühte sich Mr. W o 1 f zu beweisen, wie er erzählt, dass die Auswanderung kein geeignetes Mittel zur Hebung der Lage der Juden sei. Denn gehe die Auswanderung bloss innerhalb gewisser Grenzen vor sich, dann werde sie gar keinen Einfluss ausüben, werde sie jedoch das Mass überschreiten, übermässig anschwellen, dann müsse ihr ja seitens der anderen Regierungen Einhalt getan werden, wie es ja in Amerika bereits gesshehen sei. Es wäre somit gut, so riet Mr. Wolf dem Minister, den Strom der jüdischen Emigration ins Innere Russlands selbst zu lenken, um ihn als kolonisatorische und kulturtragende Macht auszunützen- Das Gerücht über das Vorhaben der russischen Regierung, die Mandschurei mit jüdischen Emigranten zu besiedeln, sei von Plehve nicht in Abrede gestellt worden. Er sagte, er erwarte den Admiral A1 e x e j ew, um mit ihm darüber zu beraten. Mr. Wolf wies nun auf Südsibirien hin, wo man den Jaden die Ansiedlung gewähren könnte, und Herr v. Plehve sagte, wie Mr. W\olf erklärt, zu, die Sache ebenfalls mit dem Admiral Alexejew zu besprechen, da es von Wichtigkeit sei, „an den Grenzen eine Schutzmauer, wenn nicht von Russen, so doch von russischen Untertanen, gegen die immer wachsende Invasion des Landes seitens der Chinesen, zu schaffen". Beim Lesen dieses Berichtes fragt man sich unwillkürlich, was mehr zu bewundern sei, die staatsmännische Weisheit des Herrn Wolf, der einem russischen Minister rät, an der gefährdetsten Grenze des Reiches die bedrücktesten Untertanen statt der Militärkolonisten anzusiedeln, oder der Mut des Leidens, den Hr. W. mit diesem Vorschlage — für die russischen Juden an den Tag legt. Es wäre sehr erfreulich, wenn Mr. Wolf selbst sich in Südsibirien ansiedelte und auf seine Berechnung die Probe machte. Leider bekommt er aber nur einen Pass bis Petersburg und auch den nur durch Verwendung einflussreicher Freunde. Er wird also der englischen Judenheit erhalten bleiben. Der Mann, der diese Vorschläge vorzubringen wagte, ist derselbe Mr. Wolf, der unsere Bewegung so oft in unfairer Weise angegriffen hat. Mit seinen Ansiedlungsplänen mag er vielleicht den Leuten in London imponieren. Wir, die wir Mr. Wolf und die Verhältnisse kennen, brauchen unseren Freunden wohl nicht erst zu sagen, was wir von beiden halten. Eine türkische Stimme über den Zionismus, Die in Kairo erscheinende, unter der Leitung des Herrn Mahmoud Salem stehende islamitische Wochenschrift „Arafate* sehreibt in ihrer Nummer vom 4. Februar über den Zionismus in ihrem Leitartikel folgendes : »Eine der für die Menschheit nützlichsten Bewegungen ist die, welche eben jetzt die Juden Palästina zuführt. Das unglückliche, kleine Volk hat sich in der Knechtschaft verblutet* Die Tyrannei hat es gründlich verunstaltet. Es war im Begriffe, die Eigenschaften zu verlieren, die es unter den edelsten Rassen hervorragen lassen. Gott scheint endlich den Juden verziehen zu haben. Sie haben so viel und so lange gelitten! Ein Schimmer

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