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Die Welt · 1904-02-19 · 8 (19.2.1904) · page 1

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Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
8 (19.2.1904)
Date
1904-02-19
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Es wäre töricht, darüber Klage zu führen. Noch lange wird jene Zeit nicht erscheinen, von der bereits vor tausenden von Jahren unsere Propheten predigten, die Zeit des Gottesreiches auf Erden, jene Zeit, in der man die Schwerter zu Sicheln umschmieden, und in der das Menschengeschlecht nur aus alten Sagen von dem blutigen Jammer Kenntnis haben wird, den wir eben jetzt wieder sich vorbereiten sehen. Wir wollen auch nicht undankbar sein und anerkennen, dass wir jetzt wenigstens so weit sind, dass man doch nicht mehr so ohnevveiters in einen »frischen, fröhlichen" Krieg zieht, ja, dass die kämpfenden Parteien alles daran setzen, um die Verantwortung für den Krieg von sich abzuwälzen. Es sind das wenigstens schwache Anzeichen dafür, dass einmal, in ferner Zukunft, solche Gräuel überhaupt nicht mehr möglich sein werden. Jetzt aber ist Krieg und ein Krieg, der besonders auch uns Juden schwer treffen kann. Die Mehrzahl unserer Volksgenossen wohnt noch immer in Russland, und ob Russland siegt oder unterliegt, es ist noch nicht vorauszusehen, in welcher Weise das auf die Lage unserer Brüder zurückwirken wird. Wir denken dabei gar nicht an die schweren wirtschaftlichen Krisen, die im Verlaufe eines Krieges unausweichl.ch sind. Auch nicht daran, wie viele jüdische Familien durch den Tod oder d*e Verkrüppelung ihrer Angehörigen in Trauer und Elend versinken werden. Die politischen Folgen müssen in allererster Linie interessieren. Und vielleicht ist es ein Omen für diese, dass nach einem Berichte aus Moskau an dem Abend desselben Tages, an dem der japanische Gesandte seine Pässe verlangt hatte, der ganze Hof mit dem Kaiser an der Spitze im Michael-Theater m Petersburg anwesend war und sich ausserordentlich amüsierte. Das Amüsement wird erst recht verständlich, wenn man erfahrt, dass das antisemitische Schmähstück Donnays „Le retour de Jerusalem" gegeben wurde. Wir wollen aber daraus keine Schlüsse ziehen. Wird doch in allerletzter Zeit in manchen Zeitungen viel davon berichtet, dass man in russischen Regierungskrisen sich ernstlich damit beschäftige, die Lage der russischen Juden zu studieren, um die Möglichkeit gewisser Erleichterungen festzustellen. Wir haben in der „Welt" meldenkönnen, dass Gouverneurskonferenzen stattgefunden haben, die sich mit einer Revision der Judengesetzgebung befasst haben sollen. Ausser dem Vertreter des Ministeriums des Innern nahmen an diesen Konferenzen die Gouverneure von Bessarabien, Wilna, Kowno und Mohilew teil, wie man von gut unterrichteter Seite mitteilt. Es soll auch die Geneigtheit bestehen, den Ansiedlungsrayon eventuell ein wenig zu vergrössern. Der Gedanke, den Juden die Freizügigkeit im europäischen oder asiatischen Russland zu gewähren, soll von vornherein als undiskutabel verworfen worden sein. Auch über andere beschränkende Verfügungen sollen Beratungen stattfinden, von denen man eine Erleichterung erhoffen zu dürfen glaubt. Wie dem auch sei. In dem betäubenden Kriegslärm wird man wohl vorläufig an alles andere eher denken als an die Verbesserung der Lage unserer Brüder. Wenn nach einem für Russland glücklichen Kriege der national russische Chauvinismus noch kühner als bisher sein Haupt erheben sollte, so wird es mit einer Revision der Judengesetzgebung wohl noch seine guten Wege haben. Noch schlimmer kann es werden, wenn den russischen Waffen das Kriegsglück nicht lächeln sollte. Der in Kriegszeiten bis zur Glut erhitzte Patriotismus betätigt sich oft seltsam, wenn eine Unglücksbotschaft nach der anderen kommt. Es ist dann sehr bequem, wenn man einen rechtlosen Prügelknaben zur Hand hat, an dem man seine wilde Kriegsbegeisterung austoben kann. Wir Juden wissen aus früherer Zeit manches über Krieg und Kriegsnot zu erzählen, und die Sünden gar vieler anderer, die wahrlich nicht unsere Freunde waren, sind gar oft an uns heimgesucht worden.

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