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Die Welt · 1904-02-12 · 7 (12.2.1904) · page 13

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
7 (12.2.1904)
Date
1904-02-12
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. 7 „bie & w^it" Seite 13 König von einem Fisch erzählen, der ans einem Lamm herauswächst, und sich von Trauben nährt und trunken wird und —" „Das ist wohl nicht einfach genug/4 warf Daniel besänftigend ein; „es scheint, dass Misael uns ein Bild raten will." Misael hatte das Haupt, das ihm auf die Knie gesunken war, erhoben und sagte: „Ihr suchet ein vertrautes Bild. So stellet doch ein Bild, das vom Menschen die Gestalt hat, vor des Königs Seele! Welches Bild ist denn dem Menschen vertrauter als des Menschen Kopf, Brust, Arme, Füsse? Kur dass es sei, wie im Traum die Gestalten, so sei es hochragend und bunt zusammengesetzt, gleichwie im Traum Buntartiges sich zusammenreiht. Und sage dem König, es sei gar schrecklich anzusehen gewesen. Und dies musst du aus vier Gründen sagen : weil du zu einem Diener des Bei sprichst, den immer vor hohen Bildern ein Schrecken überfiel; und weil du das prüfende Sinnen und den Zweifel des Königs hemmst, wenn du ein Gefühl des Schreckens ihm zwischen die Hube des Bedenkens hineindrängst. Audi sind ja Schrecken und unbegrenzte Höhen im Traume oftmals zu Gast, so dass wieder Bekanntes dem König entgegentritt. Und sagte er nicht auch zu den chaldäischen Toren, er habe einen Traum gehabt, der ihn erschreckte? Xun, so sei Sturm und Sturz und Zermalmung in deinem Traumbild, wie wenn wir abgrundtief fallen in Träumen." „Gepriesen sei dein Rat," sagte Daniel, „und nun weiss ich auch, auf welchem Pfad meine Deutung gehen wird. Worüber sinnt doch täglich ein König? lieber Herrschaft und Reiches Schicksal. So will ich ihm denn von Königreichen und Herrschaft sprechen/' „Aber vergiss mir nur nicht," rief Asarja besorgt, „ihm zu schmeicheln und Angenehmes in deine Worte hineinzufleehten. So dass, wenn er widersprechen wollte, er auch dem Lobgesang entgegenreden. musste, den du ihm selber dichtest. Ja, an das Haupt des Traumes musst du eng ein Lob des Königs ketten, damit er um des Lobes willen Haupt und Glieder des Traumes bestellen lasse und nicht daran rüttle. Und. der Beginn deiner Rede sei eine Verehrung des Königs und auch das Ende. Und wo dir eine Lücke klafft zwischen dem Bau deiner Rede und wo du eine Brücke brauchst, dort füge ein, wogegen er sich nicht auflehnen darf: ein Lob auf den König. Und sagt1 auch da und dort mit fester Stimme, die nimmer einer Widerrede gewärtig ist, und schliesse auch damit: „Und das ist gewiss der Traum und die Deutung ist recht." „Und merk dir's wohl/' sagte Misael und erhob sich vom Boden: „Nicht du wagst es, den König zu belehren durch deine Weisheit, als wäre sie grösser denn aller, die leben, nicht du, Daniel, den sie Beltsazur nennen, sondern es spricht Einer durch, deinen Mund, der heraufkommt aus ewigen Zeiten und in ewige Zeiten geht und alle Kräfte in sich hat, die zwischen Himmel und Erde und auch anderwärts sind, darum, dass dem König werde die Wahrheit offenbar." Daniel stand ernst und hörte achtsam den Rat der Freunde und prägte sich wohl ein jedes ihrer Worte. ■, „So haben wir denn jetzt mancherlei in deine Erwägung gegeben," sagte Asarja, „doch auf dir ruht-noch das Schwerste: dass du die Macht des Redens findest, über den König zu gebieten.4' „Ach, so lasset doch auch von mir einen Rat in euer Werk kommen," bat der junge Hananja mit betrübter Stimme; „nehmet einen leuchtenden Seh immer in das Traumbild auf, ach, irgend ein Glänzen von Gold und Silber." „So wollen wir noch Gold und Silber in den Traum tun!" sagt Daniel, indem er mit Güte auf Hananja blickte. * * * Und Arioeh brachte Daniel eilends hinauf vor den König und sprach zu ihm also: „Es ist einer gefunden unter den Gefangenen aus Juda, der dem König die Deutung sagen kann." Daniel fing an vor dem Könige und erzählte Traum und Deutung. . Da fiel der König Kebucad-Nezar auf sein Angesicht und betete an vor dem Daniel und befahl, man sollte ihm Speis- und Rauchopfer tun. Und der König erhöhte Daniel und setzte ihn zum Obersten über alle Weisen in Babel. Und Daniel bat vom Könige, dass er über die Landschaften, zu Babel setzen möchte Sadraeh, Mesach, Abed- Xego, wie geheissen wurden Hananja, Misael und Asarja. E r w i n R. Zur Geschichte des Jargontheaters.*) Von Hutchins Hapgood, (Schluss.) Gordin hatte bis dahin noch keine Theaterstücke geschrieben, aber er war ein Manu von vielseitiger literarischer Tätigkeit, von ungewöhnlicher Intelligenz und Charakterstärke und hatte eine selten gute Erziehung, eine gründliche russische Bildung genossen. Auch äusserlich macht er den Eindruck eines Russen; er ist hochgewachsen, hat eine hohe Stirn und dichtes schwarzes Kopf- und Barthaar. Er war der Sohn reicher Eitern und ist in derselben Stadt Südrusslands geboren, in der auch Gogols Wiege stand, in Ubigovrod; als Kind besuchte er häufig das Theater, wurde, wie Adler, ein Lokalkritike.r und zischte alles nieder, was er nicht billigte. Er heiratete früh, wurde Schullehrer und dann Journalist, russischer natürlich, und schrieb alles, mit Ausnahme politischer Artikel, besonders aber Skizzen und kurze Novellen für Tagesblätter und Wochenschriften in Odessa. Er war ein grosser Bewunderer Tolstois, und der Wunsch, auf einem Bauerngute zu leben und die Ideen des Grafen in die Wirklichkeit zu übertragen, trieb ihn irn Jahre 1891 nach Amerika; dort wäre er fast Hungers gestorben. Endlich gab er in New-York eine russische Zeitung heraus und wurde Mitarbeiter an anderen Blättern; in seinem Blatte schrieb er heftige Artikel gegen die russische Regierung sowohl, als auch literarische Skizzen. Ein jüdisches Theater hatte Gordin nie besucht, wusste infolge dessen nicht, wie die üblichen Stücke beschaffen waren. Als er sein erstes jüdisches Stück schrieb, schöpfte er also nur aus seinem Geiste, aus seiner Vorstellung der jüdischen Volksseele, und „Sibirien" war ein Riesenerfolg: das erste jüdische Stück höherer Gattung. Das Stück schlug neue Bahnen ein, die Bahnen des russischen Realismus, der jetzt in den aufgeklärten Kreisen des Ghetto zu so grosser Bedeutung gelangt ist — Jacob Adler hatte seinen Theaterdichter gefunden. Gordin hat seither gegen fünfzig Stücke geschrieben, von denen sich viele durch bedeutende literarische und dramatische Kraft auszeichnen; zu diesen gehören: „Sibirien", „Ein jüdischer König Lear", „Salomon Kaus", „Das Gemetzel", „Eine jüdische Königin Leark* etc. etc. Der Hauptdarsteller war bis nun Jacob Adler, doch haben auch Mogalesco, Kessler und Tomaschevsky Stücke von ihm erworben. Die erste Darstellerin in den Gordin'schen Stücken war Frau Liptzen; sie ist eine bedeutende Individualität und wird im Ghetto „die jüdische Duse" genannt — die einzige jüdische Schauspielerin, die mit einer berühmten christlichen Künstlerin verglichen wurde, obwohl der Mang, sich fremde Namen und Ideen zu eigen zu machen, im Ghetto nicht unbedeutend ist. Frau Liptzen spielt nur in den allerbesten Stücken, sie ist absolut nicht dazu zu haben, eine Rolle in einem Stück zu geben, das dramatisch minderwertig ist; sie tritt infolge dessen nur selten auf, gewöhnlich, wenn ein neues Stück von *) Vide „Die Welt", Nr. 6, 1904.

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