Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 7 (12.2.1904)
- Date
- 1904-02-12
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 14 flbi$ & W^lt" Nr. 7 Jacob Gordin gegeben wird, der der „jüdischen Duse" die Stücke jetzt zumeist auf den Leib schreibt. Frau Liptzen ist in Schitomir in Südrussland geboren und hat sich von ihrer frühesten Kindheit an ausschliesslich für das Theater interessiert. Der Begründer des Jargontheaters, Abraham Goldfaden, und Jacob Adler spielten einige Abende hindurch in ihrer Vaterstadt, als sie etwa achtzehn Jahre alt war. Ihre Eltern waren orthodoxe Juden, und sie musste Ausflüchte benutzen, um nur das Theater besuchen zu können. Nachdem sie mit Goldfaden und Adler bekannt geworden war, entfloh sie aus dem Elternhause, um sich der Bühne zu widmen. Sie wirkte zuerst in operettenähnlichen Stücken mit, wie z. B. „Der Schmendrik", und blieb etwa drei Jahre in Russland; als dort das Theater verboten wurde, begab sie sich mit einer anderen Truppe nach Berlin, wo sie alle fast Hungers gestorben wären, so dass sie gezwungen waren, sämtliche Biihnendekorationen zu verkaufen; aber ein unredlicher Agent betrog sie um den Erlös. Solange die Vorstellungen stattfanden, soll Frau Liptzen eine Gage von zehn Pfennigen täglich erhalten haben; davon musste sie leben; sie zahlte fünf Pfennige für die Wohnung und für die restlichen fünf Pfennige kaufte sie sich Brot und Kaffee. Bis zum heutigen Tage hat sich die Erinnerung in ihr erhalten, wie erstaunlich billig sie in jenen Tagen in Deutschland gelebt hat. Um dieselbe Zeit befand sich Jacob Adler mit einer Truppe in London, wo er eine kümmerliche Existenz fristete; da schrieb er an den Gatten der Frau Liptzen, der damals kränklich war und in. Odessa lebte, er möchte seine Frau nach London schicken, wo sie in seiner Truppe spielen sollte. Frau Liptzen kam auch im Ja'hre 1886 nach London und spielte dort in den Stücken: „Esther von Engedi" (der jüdische Othello), „Die verlassene .Leah4', „Rachel", „Die Juden" etc etc. Sie blieb drei Jahre in der englischen Hauptstadt; als das jüdische Theater niederbrannte, begab sie sich mit Adler nach Chicago. Nach einiger Zeit erhielt sie einen Ruf an ein jüdisches Theater in New-York, wo sie erste Rollen spielte; sie trat zuerst in dem Stücke „Die verlassene Leah" auf und erhielt für drei Vorstellungen zehn Dollar. Heute beträgt ihr Spielhonorar für jede Vorstellung hundert bis zweihundert Dollar, eine Tatsache, die nicht nur beweist, wie beliebt sie ist, sondern auch, welch grossen finanziellen Erfolg die jüdischen Theater in New-York haben. Vor etwa zwölf Jahren zog sich Frau Liptzen für einige Zeit von der Bühne' zurück, und zwar einzig aus dem Grunde, weil es kein neues Stück gab, das sie zum Auftreten gereizt hätte. Professor Horowitz und Joseph Latteiner schrieben nur romantische und historische, operettenartige Dramen. Erst als Jacob Gordin als realistischer Theaterdichter hervortrat, kam auch Frau Liptzen wieder aus ihrer Verborgenheit hervor; Jacob Adler war der erste Schauspieler, der in den Gordin'schen Stücken auftrat, aber er spielte auch in anderen Stücken, Frau Liptzen dagegen verhielt sich untätig — erst als die Stücke von Gordin erschienen, die ihr zusagten, begann sie wieder aufzutreten. Den ersten Erfolg in einem Gordin'schen Stücke hatte sie in „Medea"; für dieses Stück soll der Verfasser fünfundachtzig Dollar Honorar erhalten haben, während ihm seine früheren Theaterstücke mit fünfunddreissig Dollar bezahlt wurden. Ein anderes Stück, „Medeas Jugend", war ein Misserfolg, trotzdem der Autor selbst es für so gut hielt, dass er es ins Englische übersetzen Hess. Den nächsten Erfolg hatte Frau Liptzen in dem Stücke „Eine jüdische Königin Lear" zu verzeichnen, wofür Gordin die ungeheure Summe von zweihundert Dollar bekam — ein unerhörtes Honorar für einen Jargondichter in jener Zeit. Vor zwei Jahren wurde das „Gemetzel" und im vergangenen Jahre „Der Schwur" aufgeführt, eine Uebertragung des „Fuhrmann Henschel". In jüngster Zeit hat sich eine neue Darstellerin Gordin'scher Rollen bemerkbar gemacht — sie ist jünger und ihre Begabung ist eine vielseitigere als die der Frau Liptzen — Frau Bertha Kaiisch. Jacob Adler ist in erster Reihe als unermüdlicher, stets kämpft ereiter Förderer des ernsten jüdischen Originaldramas zu nennen. Im Jahre 1893 versuchte er mit den Gordin'schen Stücken dem neuen Geist des Realismus im Windsortheater Eingang zu verschaffen, aber der alte Stil war noch immer im Volke sehr behebt und seine Truppe streikte. Da begab sich Adler nach Russland, um eine neue Truppe anzuwerben, die sich seinen Ideen gefügiger zeigen würde; das Stück, in dem die neuen Mitglieder auftreten sollten, war Gordins „Ein jüdischer King Lear", aber sie protestierten beim ersten Lesen. Doch Adler bat sie, den Versuch zu machen, indem er ihnen sagte, dass sie eigentlich gar nicht wüssten, wie ein gutes Stück beschaffen sein müsse. „Ein jüdischer König Lear" war ein grosser Erfolg und wird auch jetzt noch sehr häufig gegeben; es enthält mehrere Szenen von packender Gewalt und zeichnet das Leben des russischen Juden mit grosser Treue. Im Jahre 1894 wagte Adler ein neues Experiment: Er pachtete ein kleineres, das rumänische Theater, in welchem er ausschliesslich Stücke gab, die seine Ideen verwirklichten, aber es erging ihm damit, wie es jedem anderen Theaterdirektor ergehen würde, der nur die aileridealsten Stücke aufführen Hesse — es war ein vollständiger Misserfolg. Daraufhin waren Adler und Gordin gezwungen, einen Vergleich zu schliessen: Adler gehört einer Truppe an, die alle Arten der im Ghetto bekannten Stücke bringt, und Gordin musste derbe Spässe und gelegentlich Gassenhauer in seine Stücke einführen — selbst die besten Jargonstücke enthalten diese Auswüchse. Wenn aber Adler und Gordin auch praktisch genug sind, auch an die Kasseneinnahmen zu denken, so sind sie doch von dem redlichen Streben beseelt, alles Unkünstleriische und alles, was ihnen missfällig ist, von der Bühne zu verbannen. Vor einem Jahre gelang es Gordin, sein Stück „Das Gemetzel" ohne Vaudeville-Begleitung aufzuführen — das war ein umso grösserer Triumph für ihn, als das Stück grossen Erfolg hatte, und er war Frau Liptzen, die ihre Rolle spielte, ohne auf unwürdige Einschiebungen zu bestehen, sehr dankbar für ihre Unterstützung. Gordin gibt sich nun der Hoffnung hin, dass die Zeiten der Nachgiebigkeit auf Kosten der Kunst für ihn vorüber sind, und Adler hofft eines Tages seinen Traum zu verwirklichen und ein Theater zu besitzen, in dem er mit Erfolg nur die jüdischen Stücke höherer Gattung zur Aufführung bringen . wird. Mogalesco, der, obwohl nur Schauspieler, vielleicht der begabteste unter ihnen ist, dessen dramatische Kunst zugleich mit dem Jargontheater das Licht der Welt erblickte, ist ebenso glücklich, wenn er im einer Operette von Latteiner oder in einem Drama von Gordin auftritt; er hat keine eigenen Ideen, versteht aber die Ideen anderer wunderbar zu interpretieren und wird von dem jüdischen Theaterpublikum vergöttert. Wenn er — und das gilt auch von Adler — das Glück gehabt hätte, eine tüchtige Schulung zu erhalten und eine Sprache zu sprechen, die eine grössere Verbreitung hat, als das Jüdische, so hätte er zu den bedeutendsten Künstlern der Welt gehört. Unter den bestehenden Umständen haben Adler, Mogalesco, Gordin, Kessler, Frau Liptzen, Frau Kaiisch u. a. m. das Verdienst,, Hervorragendes auf dem Gebiete des Jargontheaters geleistet zu haben. Briefkasten. M. B„ Delatyn. Senden Sie den Kupon in geschlossenem Briefe an uns. A. H., Komarno. Die Kupons werden für Galizien bei der Firma Sokal & Lilien in Lemberg eingelöst. B. P.. Gorodeja. Gegen Einsendung von K. 120 erhalten Sie das Buch unter Kreuzband. Vinkowce, L. St. Die Nationalbank nimmt die Noten nicht mehr an. — Der Antiquar bietet per Stück 20 h. Dr. Marcuse. Besten Dank. War uns bekannt.