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Die Welt · 1904-02-12 · 7 (12.2.1904) · page 12

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
7 (12.2.1904)
Date
1904-02-12
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 12 „bi$ * w$it Nr. 7 den Herzen der Menschen zu lesen verstand. Und als des Königs Vogt Arioeh die Hand nach Daniel als nach einem der Sterndeuter ausstreckte, da wandte sich Daniel und ging hinauf zum König und bat um Frist, damit er die Deutung dem Könige sagen möchte.; Und Daniel ging kummervollen Herzens heim und zeigte solches an seinen Freunden, Hananja, Misael und Asarja. Er trat zu ihnen und sprach: „Wir müssen sterben." Die drei sassen gerade bei einer Frage der Weisheit, als Daniel ihnen den Tod verkündete, und Misael seufzte und sagte: „Schade! Ich hätte gerne noch vor dem Weggehen diese Frage gelöst." Er war nämlich dabei, seinen Freunden zu erklären, dass alles, was an Kraft sich zwischen Himmel und Erde und auch anderenorts regt, gleichen innersten Wesens sei, daher es glücken könnte, die eine Art der Kraft in die andere zu verwandeln. So die versengende Glut des Feuers in einen kühlen Lichtschein oder in ein besonderes Wirbeln der Luft, daher man in einen glühenden Ofen hineinschreiten könnte und man bliebe unversehrt. Kicht einmal das Haupthaar wäre versenget, ja, man könnte keinen Brand daran reichen. Und Misael belehrte die Gefährten, dass aus mancherlei Erzen, die in rechter Folge aneinander gelegt würden, ein Werkzeug entstehen müsste, welches Gewalt, hätte über die Weltkräfte und jede Kraft der Reihe nach in jede der anderen Schwesterkräfte umformen könnte. „Und warum sollen wir sterben?" fragte Hananja. Da erzählte Daniel von des Königs Traum, der nimmer zu deuten sei, weil er sich aus des Königs Gedächtnis in unbekannte Gegenden begeben habe. Die vier Freunde schwiegen ein Weilchen, dann schüttelte Asarja heftig den Kopf und sagte: „Wir werden nicht sterben!" Und der junge Hananja, auf dessen frischen. Wangen das Lehen in rosigsten Farben blühte, sagte langsam und halblaut, indem sein Blick sich in die AVeite richtete, wie in ein Land fernster "Unmöglichkeit: „Sterben? — AVas ist das? — Kann es denn jemals geschehen, dass ich sterbe? — Goldenes Sonnenlicht, duftende AViesen, murmelnde Bäche — ohne mich? — 0 nie, nie!'" „Du wirst dem König den Traum deuten/4 sagte Asarja fest. Daniel blickte erstaunt auf: „AVie kann ich einen Traum, den ich nicht kenne, deuten?" Ein Lächeln ging über Asarjas Gesicht und er sprach, indem er sich zu Daniels Ohr neigte: „Den Traum, nach dem der König fahndet, den werden wir jetzt hier erfinden!" Daniel sali starr auf Asarja und konnte vorerst kein Wort finden, der junge Hananja aber sprang freudig von seinem Sitze auf und rief: „Ja, ja, wir werden den Traum erfinden! Xie hast du ein besseres AATort gesprochen, Asarja!" Und der Jüngling begann erregt auf- und abzuschreiten, und tausend Bilder stiegen ihm allsogleich in seiner Seele auf, stiegen auf und tauchten unter und hoben sich wieder. „AVir müssen den Plan bedenken!"' sagte ernst und feierlich Misael. und bückte sich zur Erde und tat sein Haupt zwischen seine Knie. „Da der König seinen Traum vergessen hat/*' sagte Asarja zu Daniel, „so musst du es wagen, vor ihn hinzutreten und ihm mit der Schärfe der Rede irgend ein Traumgebilde in den Geist einzuritzen. Sein Sinn muss vor dir sein wie warmes AVachs vor der Spitze eines Griffels, du musst deine Worte tief eingraben in seine Seele, und wenn du ausgesprochen hast, so wird ihm sein, als wäre die Schrift, die er soeben in seinem Innern erblickt, schon vorher darinnen gewesen. Du bist ja ein Beherrscher der AVorte und du wirst ein so helles Bild vor sein Auge hinstellen, dass es sofort sein eigen wird und schon der nächste Augenblick dem König sagen wird: „Ist es nicht schon von früher her, dass dies Bild mein eigen ist? Mit welch bekanntem Antlitz es mich anschaut! Ja, es ist ein AV i e d e r s e h e n, und nicht zum erstenmale blicken wir einander in die Augen." —> „Du musst also zumal darauf achten," fuhr Asarja fort, „dass du dem König stark genug deine Worte einsenkest!" „Und du musst deine Blicke tief hineinsenden in sein Auge, wenn du vor ihm stehst," riet mit bewegter Stimme der junge Hananja, „und du wirst mit ihnen seinen Geist umschlingen, wie mit zwei unlösbaren Armen. — Was ist sein Geist in deinen Armen! — Es ist eine schier beängstigende Kraft in Daniels Blicken," wendete sich Hananja, wie von Bangen erfasst, an Asarja, „wenn ich im Schlafe liege und er sieht auf mich hernieder, so muss ich auffahren und etwas, das gleich einem Seil an meinen Lidern zog, abschütteln. Ich glaube, wenn man ihn zu den Löwen in die Grube würfe und wälzte einen Stein vor den Graben, er würde mit der Glut seiner Augen die Löwen erzittern machen und in die Felsnische .scheuchen, und man zöge ihn heil aus der Grube und fände keinen Schaden an ihm. Doch ich will euch jetzt gleich einige Träume vorschlagen." „Ehe wir darüber sprechen, was dem König geträumt haben soll," sagte Asarja und lächelte freundlich ob Liananjas Eifer, „wollen wir denn doch erst die Form erwägen, in der Daniel den Traum und die Deutung dem König überreichen muss. Zunächst dies: ein klägliches Massverhältnis zwischen der Wiedergabc des angeblichen. Traumes und der Ausdeutung! Bei dem Traum selbst, bei der Aufzählung dessen, was du dem König als Geträumtes hinstellen willst, wirst du in deinem Vortrag nicht lange verweilen dürfen; um so gemächlicher und ausführlicher darfst du über die Ausdeutung reden. Denn der AViderspruch IsTebucad-Nczars ist sonderlich zu fürchten, derweilen du behauptest: „Gerade dies hier, o König, hast du im Traume gesehen!" Da kann er sein Gedächtnis befragen, ob du im Rechte bist. Allein während der Auslegung, die sich nicht sowohl bloss an das Gedächtnis als an andere feinere und zusammengesetzte Geistesseiten wendet, brauchst du eine AAriderrede oder ein nachprüfendes 'Hilltasten des Königs nicht zu fürchten. Der erhabene König hat ja nicht , viel dessen, womit er hintasten könnte. Also: die Beschreibung des Traumbildes kurz, als sprächest du von AArohlbekanntein, das nicht vieler AA'orte bedarf .und die Auslegung breiter und gewichtiger, als wäre eben dies der kostbarere und begehrtere Teil deiner Botschaft,"' „Deinem Rat werde ich folgen," sagte Daniel, „doch auch dies ist zu halten, dass ich den König nicht jäh, so wie ich vor ihn trete, mit dem Trugbild des Traumes anfalle. Damit ihm nicht etwa der Klang meiner Rede, der ihm. fremd ist, den Sinn der Rede befremdlich und entlegen mache. Mit etlichen Worten, die ich der Traunibeschreibung vorhersetze, sei er hineingeleitet in den Gang meines Sprechens. Es bleibt uns nur noch, ein passendes Bild zu finden, das sich leicht in des Königs Sinn hineinschieben Hesse, also dass er vermeint, es sei schon darinnen gewesen. Mich dünkt, der Traum, an den wir ihn glauben machen wollen, wird diesen Gesetzen folgen müssen: es soll ein Bild oder ein Geschehen sein, das der König schon oft und oft sah, oder das er, ohne sich zu mühen, flugs vor seinem Sinn sehen, kann. Und auch die Deutung soll auf AVegen gehen, die des Königs Geist schon oft gewandelt ist. Und das Bild muss einfach sein, damit nicht in AVinkeln und an gekrümmten Vorsprüngen sich ein Zweifel und AA'iderspruch verfange." : „So dacht ich's auch, so dacht' ielr's auch," rief mit glühenden AA'angen Hananja: „ich glaube, du musst dem

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