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Die Welt · 1904-02-12 · 7 (12.2.1904) · page 11

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Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
7 (12.2.1904)
Date
1904-02-12
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 7 „bis * w^it Seite 11 von deren Notwendigkeit sich nur wenige wollen überzeugen lassen.*' Derselbe Kant, der Mendelssohn und seinen jüdischen Schülern mit bestrickender Liebenswürdigkeit und Herzlichkeit begegnete, gefiel sich in seiner Anthropologie*) anlässlich der Definition des Betruges darin, in einer Note darauf hinzuweisen, dass die „unter uns lebenden Palästiner" seit ihrem Exil durch ihren Wuchergeist in den nicht ungegründeten Ruf des Betruges gekommen seien. Es scheine zwar befremdlich, sich eine Nation von Betrügern zu denken, aber ebenso befremdlich ser es doch auch, sich eine Nation von lauter Kaufleuten zu denken, deren bei weitem grösster Teil nicht auf bürgerliche Ehre ausgeht, sondern den Verlust derselben durch Ueberlistung der sie umgebenden Völker zu ersetzen sucht. Es sei vergeblich, dieses Volk in Rücksicht auf den Punkt des Betruges und der Ehrlichkeit zu moralisieren, denn sein Gebahren hänge mit jenem alten, von dem Staate, unter dessen Schutz es lebe, anerkannten Aberglauben zusammen. Statt des Versuches, diese sonderbare Verfassung zu beseitigen, wolle er sie nur erklären. Palästina, das für dem Karawanenhandel sehr vorteilhaft lag, sei bis zur Zeit der Römer voller Kaufleute gewesen, die nach der Zerstörung Jerusalems überall miteinander in kaufmännischer Verbindung blieben und demnach so gut gedeihen konnten, dass ihre Zerstreuung in alle Welt gar nicht auf Rechnung eines über sie verhängten Fluches gebracht, sondern vielmehr als Segnung angesehen werden muss. „zumal der Reichtum dieses Volkes, als Individuen geschätzt, wahrscheinlich den eines jeden anderen Volkes von gleicher Personenzahl jetzt übersteigt." Wir wissen wirklich nicht, worüber wir hier mehr verblüfft sein sollen, über die von krasser Unkenntnis der Geschichte der Juden strotzende Erklärung oder über das Erklärte. Doch das Eine wissen wir, dass Hass und Verachtung für den, der diese Gefühle hegt, traurig und unerquicklich, für den davon Betroffenen peinigend und verbitternd sind. Kants Wahlspruch war fürwahr nicht das Wort der Sophokleischen Antigene: „Nicht mitzuhassen, . mitzulieben bin ich da." Das Vorgehen des praeeeptor Germaniae bestärkt uns ganz besonders darin, dass der auf den Juden schwer lastende Fluch das Ergebnis jenes sittlichen und intellektuellen Gebrechens war und ist, welches viele Jahrhunderte lang auf den Höhen der Menschheit, wie unten in der Menge, gleichmässig geherrscht hat und noch jetzt in weiten Kreisen vorhanden ist — das Ergebnis des Mangels an Gerechtigkeitssinn. Es ist nach der obigen Aeusserung Kants über die Juden selbstverständlich, dass er auch mit dem Judentum nichts weniger als glimpflich umging. Er erklärte dasselbe in der »Religion innerhalb der Grenzen der blossen Vernunft" für eine Glaubensform, welche mit ihrem bloss statutarischen, gegen die moralische Gesinnung gleichmütigen, den Glauben an ein künftiges Leben absichtlich ignorierenden, auf das jüdische Volk allein beschränkten Gesetze eigentlich gar keine Religion, sondern ein bloss politisches Institut ist. Wie ganz anders urteilte doch Lötz e! Er pries**) im geschichtspsychologischen Vergleich aller antiken Völker die jüdische Weltanschauung, weil sie zuerst und allein ihren Kernpunkt in der Richtung auf das Sittliche besitzt und dieses allein als vernünftiger Weltzweck aufgefasst ist. Es ist tief betrübend, dass der Philosoph, von dem der Dichter gesungen: „Weh! Weh! Du hast sie zerstört, Die schöne Welt, Mit mächtiger Faust — Sie stürzt, sie zerfällt; Ein Halbgott hat sie zerschlagen. Wir tragen *) Vgl. Sämtliche Werke, herausgegeben von G. Hartenstein, Bd. VII, S. 522 ff. **) Vgl. Mikrokosmus, Bd. III, S. 147, Die Trümmer ins Nichts hinüber Und klagen Ueber die verlorene Schöne44 sich von dem Banne mittelalterlicher Vorurteile nicht zu befreien vermochte, dass er das Judentum verurteilte, ohne es zu kennen. Die jüdische Sittenlehre hat wohl von Haus aus ein theologisches Gepräge, aber das Sittliche wird nicht durch den göttlichen Befehl zum Gesetz, sondern weil es auch ohne Befehl zum Gesetze werden müsste, weil es mit absoluter Notwendigkeit verpflichtend oder, um mit Kant zu sprechen, autonom ist, wurde es von Gott befohlen. Das Prinzip der jüdischen Sittenlehre ist Gott als Urquell und als Urbild der Idee des Guten, als die reale Idee der Sittlichkeit, wie Moriz Lazarus in seinem Schwanengesange ,,Die Ethik des Judentums'4 überzeugend dargetan hat. Dr. Beruh. M il n z. Daniel. Im anderen Jahre des Beiches ^Tebucad-Xezars hatte eines Abends Kebucad-Kezar den Speisen des königlichen Tisches allzn masslos zugesprochen, und da er sich ausserdem hernach auf seinem Prunkbette ungeschickt zur Nachtruhe ausstreckte, also dass er auf die linke Körperseite zu liegen kam und die Bippen wider das Herz drückten, überfiel ihn ein quälender Traum. Der König stöhnte und stöhnte, und als es ihm schien, dass er jetzt einen furchtbaren Abhang hinabstürzen müsste, ging ein jähes Zucken durch seinen Leib, davon er erwachte. Er Hess in den grossen Thronsaal die Traumaus leger, Sterndeuter und Yorausbliekenden berufen und sprach zu all den Weisen, die bäuchlings vor ihm auf dem Boden lagen und die Stirn gegen die Dielen pressten: „Ich habe einen Traum gehabt, der hat mich erschreckt, und ich wollte gerne wissen, was es für ein Traum gewesen sei.4' Da sprachen die Chaldäer zum Könige auf Chaldäisch, indem sie ein. wenig die Angesichter vom Boden erhoben: „Herr, König, Bei verleihe dir langes heben! Aber erst sage deinen Knechten den. Traum, dann werden wir ihn. deuten/' Der König antwortete und sprach zu den (.'haldäeni: „Der Traum ist mir entfallen! Ich grabe in meiner Erinnerung und kann ihn nicht heraufholen. AV erdet ihr mir den Traum nicht anzeigen und ihn deuten, so werdet ihr gar umkommen und eure Häuser schändlich verstöret werden/' Da hämmerten die Weisen mit den Stirnbeinen jammernd gegen den Estrich und klagten: „Der König sage doch vorerst seinen Knechten den Traum, alsdann werden wir ihn geschwind deuten/' Darob ergrimmte Nobucad-Xezar in den. Tiefen seines Herzens und vergass ganz die Würde der königlichen Haltung und schrie in hämischem Zorn: „Das ist keine Kunst! Das treiT ich auch! Ein vorhandenes Lamm zerlegen ist leichter, als ein verlorenes aufspüren! Solche Ausflucht sieht euch Schwaehköpfen ähnlich! Dies mein letztes Wort: Den Traum her oder das "Leben!"' — Hier besann sich der König, dass derlei Ausdrucksformen denn doch nicht allen Ansprüchen, majestätischer Getragenheit entsprächen and er stieg wieder auf eine etwas pathetischere Wortstufe hinauf: „Wahrlich, ich merke es, dass ihr Frist suchet, weil ihr sehet, dass mir's entfallen ist. So gehe das Beeht über euch! — Und jetzt hinaus mit euch!" Und das Urteil erging, dass man die Weisen töten sollte. Es zog aus Arioch, der oberste Kichter des Königs, Hinzubringen die Weisen zu Babel. Diesen Befehl vernahm auch Daniel, der mit den anderen jüdischen Männern gefangen nach Babel fortgeführt worden war und der das Verborgene in den Sternen und in

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