Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 7 (12.2.1904)
- Date
- 1904-02-12
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 10 lfbi$ $ Welt" Nr. 7 Kreisen einer gleichen Beliebtheit zu erfreuen hatte, wie ehedem die aristotelische. „Man könnte kaum drei oder vier, besonders jüngere, gebildete jüdische Familienväter finden," klagte Friedrich Schleiermacher, „unter denen jedesmal nicht wenigstens ein Kantianer wäre." Die Jünger und Getreuen Mendelssohns wurden geradezu die Apostel des tiefbohrenden Kritikers der reinen Vernunft. Einer der glühendsten Kantianer war der schon genannte ausgezeichnete jüdische Arzt Markus - H e r z (1747—1803). Kant hatte ihn als seinen Lieblingsschüler ins Herz geschlossen. Da er beim Antritte seiner Professur iim Jahre 1770 ein philosophisches Thema zu verteidigen hatte, wählte er Herz zum Respondenten bei seiner Inaugural-Diissertation: De mundi sensibilis forma et principiiis und beharrte trotz des lauten Widerspruches einiger Mitglieder des akademischen Senats bei seiner Wahl. Als Herz Königsberg verliess und sich nach seiner Vaterstadt Berlin zurückbegab, aus der er, nur mit talmudischer Bildung ausgerüstet, weggezogen war, um Kaufmann zu werden, knüpfte der Königsberger Weise einen intimen wissenschaftlichen Briefwechsel mit ihm an. Er blieb i'hm zeitlebens innig zugetan und gestand dem „auserlesenen und unschätzbaren'* Freunde im Juni 1778: „Briefe von der Art, als ich sie von Ihnen bekomme, versetzen mich in eine Empfindung, die, nach meinem Geschmack, das Leben inniglich versüsst und gewissermassen der Vorgeschmack eines anderen zu sein scheint, wenn ich in Ihrer redlichen und dankbaren Seele den tröstenden Beweis der nicht ganz fehlschlagenden Hoffnung zu lesen vermeine, dass mein akademisches Leben in Ansehung des Hauptzweckes, den ich jederzeit vor Augen habe, nicht fruchtlos verstreichen werde, nämlich gute und auf Grundsätzen errichtete Gesinnungen zu verbreiten, in gutgeschaffenen Seelen zu befestigen, um dadurch der Ausbildung der Talente die einzige zweckmässige Richtung zu geben." Es bereitete Herz grosses Vergnügen, in seinem Hause philosophische Vorlesungen, namentlich über Kant zu halten, zu denen sich ein sehr gewähltes Publikum einzufinden pflegte. Er gab seiner Bewunderung für den Meister auch in einer Reihe von Schriften, die in den verschiedensten Epochen seines Lebens das Licht der Welt erblickten, Ausdruck. Ergreifend ist sein vom 25. Dezember 1797 datierter Brief an Kant, in dem er Anlass nimmt, „meinen Namen wieder einmal in dem Andenken eines unvergesslichen Lehrers und Freundes aufzufrischen und ihm wieder einmal zu sagen, welche Seligkeit die Erinnerung an die ersten Jahre meiner Bildung unter seiner Leitung noch immer über mein ganzes Wesen verbreitet, und wie brennend mein Wunsch ist, ihn in diesem Leben noch einmal an mein Herz zu drücken. Warum bin ich nicht ein grosser Geburtshelfer, Staarstecher oder Krebsheiler, der einmal über Königsberg zu einem vornehmen Russen gerufen wird? — Ach, ich habe leider nichts in der Welt gelernt! Die wenige Geschicklichkeit, die ich besitze, ist auf jedem Dorfe in Kamtschatka zehnfach zu haben, und darum muss ich in Berlin versauern und auf das Glück, Sie, ehe einer von uns die Erde verlässt, noch zu sehen, auf immer resignieren!" David Friedländer stand in Bezug auf Schärfe des Geistes und philosophische Durchbildung Herz nach. Er war eben kein Gelehrter vom Fach, sondern ein Kaufmann, der mehr in Briefen und geselligen Gesprächen, als in Schriften seine Ueberzeugung vertrat und seine Hauptaufgabe nicht in der Mitteilung und Geltendmachung philosophischer Lehren, sondern in einem unermüdlichen, auf praktische Ziele gerichteten, mit Sachkunde und weitem, freiem Blick geführten Kampfe für die sittliche und politische Befreiung seiner Glaubensgenossen erkannte, immerhin aber vermöge seiner Verbindungen und seines Ansehens Kants Philosophie gerade selchen Kreisen vermittelte, die einer leichteren Umprägung vollwichtiger Münze bedurften, um sie in Kurs zu setzen und zu gebrauchen. Selbständiger und eigenartiger als Herz und Friedländer war Lazarus B e n d a v i d (1762—1832). Der Knabe, der von einer Talmudschule zur anderen geschickt und von halbgebildeten Lehrern unverständig und erbarmungslos behandelt wurde, entfaltete sich zu einem Manne, der von Kästner als ebenbürtig in der Mathematik gerühmt, als Verfasser einer Schrift: „Ueber den Ursprung unserer Erkenntnis" von der Berliner Akademie der Wissenschaften mit einem Preise geehrt und von Schiller als Mitarbeiter der „Hören" nach Verdienst gewürdigt wurde. Er verkündigte Kants Errungenschaften auch in Wien, wo er zuerst in einem Hörsaale der Universität, dann im Palast des Grafen Harrach mehrere Jahre vor einem zahlreichen Auditorium Vorlesungen über dieselben hielt, ohne indes auf seine Worte zu schwören. In der Vorrede zu seinen „Vorlesungen über die Kritik der praktischen Vernunft" (Wien, 1796) Hess er sich über seine Selbständigkeit also vernehmen: „Für die Welt heisst das freilich, als drängte ich mich zwischen einem Elephanten und einem Wurm durch, wo dann der Widerstand von der einen Seite nicht sonderlich gross ist. Aber ich für mich ste-he nun einmal nahe genug, um mich nicht vergrössert — bei Gott, das geschieht nicht, und jeder, der mich kennt, wird mir dies Zeugnis ablegen — doch in alltäglicher, gewöhnlicher Menschengrösse zu sehen und den Widerstand zu fühlen." Heine, der sein Genosse in dem „Verein für Kultur und Wissenschaft des Judentums" gewesen, setzte ihm ein glänzendes Denkmal in den schönen Worten: „Er war ein Weiser nach antikem Zuschnitt, umflossen vom Sonnenlicht griechischer Heiterkeit, ein Standbild der wahrsten Tugend und pflichtgehärtet wie der Marmor des kategorischen Imperativ seines Meisters Immanuel Kant. Er war Zeit seines Lebens der eifrigste Anhänger der Kant'schen Philosophie, für diese litt er in seiner Jugend die grössten Verfolgungen und dennoch wollte er sich nie trennen von der alten Gemeinde des mosaischen Bekenntnisses, er wollte nie die äussere Glaubenskokarde ändern. Schon der Schein einer solchen Verleugnung erfüllte ihn mit Widerwillen und Ekel." Gleichzeitig mit Gottlob Ernst Schulze führte Salomon Maimon (1754—1800) die Sache der Skepsis gegen Kants Kritizismus. Durch eine seltene Begabung und eine eiserne Willenskraft hatte er sich unter den ungünstigsten Verhältnissen vom polnischen Talmudisten zum deutschen Philosophen emporgearbeitet. Er trieb sich jahrelang in Deutschland als Vagabund herum, kam viermal, bald auf längere, bald auf kürzere Zeit nach Berlin, ward von Mendelssohn und den Seinen herangezogen, dann faillen gelassen, aufs neue unterstützt und dann endgiltig Verstössen, worauf ihm Graf Kalkreuth auf seinem Gute Niedersiegersdorf in Schlesien eine Zuflucht gewährte und ihn gewissermassen zu seinem Hausphilosophen machte. Trotz der Zerfahrenheit und zeitweisen Verkommenheit seines Lebens griff er durch eine Reihe geistvoller und scharfsinniger Schriften in die philosophische Bewegung ein, und er wurde von Kant selbst als der bedeutendste und verständnisvollste unter allen seinen Gegnern anerkannt. Was ihn dazu machte, war einerseits allerdings ein ungewöhnliches philosophisches Tailent, dem es nur an der ruhigen Sammlung und methodischen Ausbildung fehlte; andererseits aber wesentlich der Umstand, dass er eben nicht bloss Gegner, sondern weit mehr noch der Schüler Kants war. Während Schulze den Kritizismus von aussen angegriffen und ihm und zum Zwecke der Widerlegung seine eigenen Folgesätze vorgehalten hatte, sehen wir diese Sätze bei Maimon sich von innen, aus den von ihm selbst geteilten Voraussetzungen des Kant'schen Standpunktes entwickeln. So sagte denn auch Kant in dem siebzehnten Briefe an Herz, der sich eingehend mit Maimons Arbeit: „Versuch über die Transzendental-Philosophie" beschäftigt: „Herrn Maimons Schrift enthält übrigens so viele scharfsinnige Bemerkungen, dass er sie nicht ohne einen für ihn vorteilhaften Eindruck immer hätte ins Publikum schicken können, auch ohne im mindesten mir hierdurch zuwider zu handeln, ob er gleich einen anderen Weg nimmt, als ich; denn er ist doch darin mit mir einig, dass mit der Festsetzung der Prinzipien der Metaphysik eine Reform vorgenommen werden müsse,