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Die Welt · 1904-02-12 · 7 (12.2.1904) · page 9

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Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
7 (12.2.1904)
Date
1904-02-12
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 7 „bie & w^it" Seite 9 ftcaillctoi). Kants Verhältnis zu Juden und zum Judentum**) Moses Mendelssohn war eine Persönlichkeit, welche die schönsten und besten Züge der Zeitbildung in seltener Reinheit an sich trug und von den Schwächen derselben zwar nicht in ihrem Denken, aber doch in ihrer Gefühlsweise und ihrem Wollen fast ganz frei war. Er war der edelste Vertreter der deutschen Aufklärungsphilosophie, das Vorbild von Lessings Nathan, dem Heiden jener Dichtung, in welcher der Geist der deutschen Aufklärung sein sittliches und religiöses Ideal für alle Zeiten in der höchsten Vollendung dargestellt hat. Kant zollte dem jüdischen Philosophen, dessen Preisschrift: „Ueber die Evidenz in den metaphysischen Wissenschaften" in der Berliner Akademie der Wissenschaften der seilügen vorgezogen wurde, in seinen Briefeiii und Hauptschriften rückhaltlose Verehrung. Er schrieb ihm am 7. Februar 1766, dass ihm sein Urteil jederzeit sehr schätzbar sein werde, und machte ihm bald darauf in dem Briefe vom 8. April, der in hohem Grade beachtenswert ist, weil er durch die in demselben enthaltenen Ansichten über die Aufgaben der Metaphysik zeigt, dass dem gewaltigen Reformator der neueren Philosophie lange vor dem Erscheinen seines Hauptwerkes der Grundgedanke des darin entwickelten transzendentalen Idealismus vorschwebte, das überaus schmeichelhafte Kompliment: „Solchen Genies, wie Ihnen, mein Herr, kommt es zu, in dieser Wissenschaft (der Metaphysik) eine neue Epoche zu machen, die Schnur ganz aufs neue anzulegen und den Plan zu dieser noch immer aufs blosse Geratewohl angebauten Disziplin mit Meisterhand zu zeichnen ... Ich schicke mich allmählich an, so viel als meine übrigen Zerstreuungen es erlauben, diese Ursache der öffentlichen Beurteilung, vornehmlich aber der Ihrigen vorzulegen, wie ich mir denn schmeichle, dass, wenn es Ihnen gefiele, Ihre Bemühungen in diesem Stücke mit den mehligen zu vereinigen, etwas Wichtiges zum Wachstum der Wissenschaft könnte erreicht werden. Es gereicht mir zu keinem geringen Vergnügen, zu vernehmen, dass mein kleiner und flüchtiger Versuch das Glück haben werde, gründliche Betrachtungen über diesen Punkt von Ihnen herauszulocken." In dem vom 18. August 1783 datierten Briefe rühmte er den Scharfsinn, die Feinheit und Klugheit des „Jerusalem" und schloss daran die nicht genug zu beherzigenden und nicht laut genug in die Welt hinauszuposaunenden Worte: „Ich halte dieses Büch für die Verkündigung einer grossen, obzwar langsam bevorstehenden und fortrückenden Reform, die nicht allein Ihre Nation, sondern auch andere treffen wird. Sie haben Ihre Religion mit einem solchen Grade von Gewissensfreiheit zu vereinigen gewusst, die man ihr gar nicht zugetraut hätte und dergleichen sich keine andere rühmen kann. Sie haben zugleich die Notwendigkeit einer unbeschränkten Gewissensfreiheit zu jeder Religion so gründlich und hell vorgetragen, dass auch endlich die Kirche unsererseits darauf wird denken müssen, wie sie alles, was das Gewissen belästigen und drücken kann, von der ihrigen absondere, welches endlich die Menschen in Ansehung der wesentlichen Religionspunkte vereinigen muss; denn alle das Gewissen belästigenden Religionssätze kommen uns von der Geschichte, wenn man den Glauben an deren Wahrheit zur Bedingung der Seligkeit macht." Er bewunderte ferner seinen sonnenklaren, gemeinverständlichen und anmutigen Stil, der ihm bekanntlich den Beinamen des deutschen Piato eingetragen hatte: „Es sind Wenige so glücklich, für sich und zugleich in der Stelle Anderer denken und die ihnen allen angemessene Manier im Vortrage tieften zu können. Es ist nur e i n Mendelssohn." Desgleichen äusserte er sich in einem Briefe an Markus Herz, den gemeinsamen Freund: „Man soll zwar so wenig allen Verfassern *) Immanuel Kant, geb. 22. April 1724 .zu Königsberg i. Pr., gestorben daselbst 12. Februar 1804. einen Stil, wie allen Bäumen eine Rinde wünschen, aber dennoch scheint uns Mendelssohns Schreibart für die Philosophie die zuträglichste zu sein; so frei von aller Sucht nach blendendem Schmuck und doch so elegant, so scharfsinnig und doch so deutlich, so wenig auf Rührung dem Scheine nach arbeitend und doch so eindringend! Wenn sich die Muse der Philosophie eine Sprache erkiesen wollte, so würde sie diese wählen!44 Er schätzte sich glücklich, dass es ihm vergönnt war, Mendelssohn, der sich im Jahre 1777 auf einer Geschäftsreise nach Memel in Königsberg aufhielt, persönlich kennen zu lernen, und er bedauerte höchlichst, dass er den so seltenen Mann nur kurze Zeit gemessen konnte. Am 20. August desselben Jahres schrieb er Herz: „Einen solchen Mannt von so sanfter Gemütsart, guter Laune und hellem Kopfe in Königsberg zu beständigem und inniglichem Umgange zu haben, würde diejenige Nahrung der Seele sein, deren ich hier so gänzlich entbehren muss und die ich mit der Zunahme der Jahre vornehmlich vermisse . . . Ich habe es indessen nicht so einzurichten gewusst dass ich von dieser einzigen Gelegenheit, einen so raren Mann zu gemessen, recht hätte Gebrauch machen können, zum Teil aus Besorgnis, ihm etwa in seinen hiesigen Geschäften hinderlich zu werden. Er tat mir vorgestern die Ehre, zween meiner Vorlesungen beizuwohnen, ä la fortune du pot, wie man sagen könnte, indem der Tisch auf einen so ansehnlichen Gast nicht eingerichtet war.44 Der Vollständigkeit halber mag hier die Schilderung Platz finden, welche August Lewald in „Ein Menschenleben" (Teil I, S. 99) von der Anwesenheit Mendelssohns bei der Vorlesung Kants entwirft: „Ein kleiner, verwachsener Jude mit Spitzbart und starkem Höcker trat, ohne sich viel um die Anwesenden zu kümmern, doch mit ängstlichen Schritten in den Hörsaal •und blieb unfern der Eingangstüre stehen. Wie gewöhnlich begannen Hohn und Spott, die zuletzt in Schnalzen, Pfeifen und Stampfen übergingen; aber zum allgemeinen Erstaunen blieb der Fremde auf seinem Platze wie festgebannt, mit einer eisigen Ruhe und hatte sich sogar, um seinen Willen, den Professor zu erwarten, deutlich an den Tag zu legen, eines leerstehenden Stuhles bedient und darauf Platz genommen. Man näherte sich ihm, man fragte, er antwortete kurz und artig, er wolle dableiben, um Kants Bekanntschaft zu machen. Nur sein Erscheinen konnte endlich den Lärm beschwichtigen. Sein Vortrag lenkte die allgemeine Aufmerksamkeit auf andere Dinge, und man ward so hingerissen, so versenkt in das Meer von neuen Ideen, dass man der Erscheinung des Juden längst nicht mehr gedachte, als dieser nach beendigtem Kollegium sich mit einer Heftigkeit, die mit seinem früheren Gleichmute seltsam kontrastierte, durch die Menge drängte, um zum Katheder zu gelangen. Die Studierenden bemerkten ihn kaum, als wieder das höhnische Gelächter erschallte, das aber sogleich einer stummen Bewunderung wich, da Kant, nachdem er einen Augenblick den Fremden bedeutend betrachtet und dieser einige Worte gesagt hatte, ihm mit Herzlichkeit die Hand drückte und dann in seine Arme schloss. Wie ein Lauffeuer ging es durch die Menge: „Moses Mendelssohn! Es ist der jüdische Philosoph aus Berlin!" und ehrerbietig bildeten die Schüler eine Gasse, als die beiden Weltweisen Hand in Hand den Hörsaal verbessern" Mendelssohn hat die Renaissance seiner Glaubensgenossen, die unter schwerem Drucke seufzten, angebahnt. Es ist sein unvergängliches Verdienst, ihnen die deutsche Bildung und Kultur zugänglich gemacht und hierdurch nicht nur in ihrem sittlich-religiösen und politisch-sozialen Zustande die grösste Umwälzung, die sie seit tausend Jahren erfuhren, hervorgebracht, sondern auch der modernen europäischen Bildung und Kultur ein neues, tätiges und dauerndes Ferment zugeführt zu haben. Wie sehr sein eigenes leuchtendes Beispiel die ringenden und strebenden Geister der deutschen Juden zur Mitarbeit an der deutschen Kultur angeregt hat, erhält aus iler Tatsache, das die Kant'sche Philosophie sich in jüdischen

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