Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 7 (12.2.1904)
- Date
- 1904-02-12
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 7 „Ol* # Welt" Seite 7 WcIt-QbfOQllt. Katholische und hebräische Palmen. Wir lesen in der Münchener „Allg. Ztg.": Die Herren vorn Zentrum, die mit so viel Eifer und leider nicht ohne Erfolg darauf ausgehen, unser Volk statt nach den natürlich gegebenen nach konfessioneller Gesichtspunkten zu beurteilen und zu gruppieren, werden mit Freude vernehmen, dass auch in der Natur eine konfessionelle Scheidung; sich wenigstens in einem Falle vollzogen hat, und zwar trifft diese löbliche Scheidung zu bei den Palmen von Bordighera, denen der bekannte Botaniker Ed. Strassburger in seinem feaselnden Buche „Streifzüge an der Riviera" (2. Aufjage, Jena, Gustav Fischer) eine längere Betrachtung widmet. Das konfessionelle Moment ergibt sich bei diesen Palmen aus Ihrer rituellen Verwendung. Statt frei in den Lüften ihre Wedel zu entfalten, müssen nämlich die meisten Palmen von Bordighera zur Herbstzieit es erdulden, dass man die inneren Teile Ihrer Kronen pferdeschweifartig zusammenbindet. Durch dieses Verfahren wird eine bestimmte Ausbildung der neu hervorwachsenden Wedel bezweckt. Nicht alle Palmenstämme sind übrigens einer solchen Behandlung in gleichem Masse zugäng- Hich, und unter ihnen werden dann weiter noch solche unterschieden, die mehr für den katholischen, und solche, die mehr für den jüdischen Ritus sich eignen. Denn auch die Juden brauchen Palmenwedel bei dem Laubhüttenfest. Der Bordighcse bezeichnet kurzweg die eine Dattelpalme als „Cattolica", die andere als „Ebrea". Die Blätter der katholischen Palme sind schlanker, die der jüdischen kürzer und gedrungener. An der katholischen Palme bindet man die mittleren Teile der Krone fest zusammen, damit die neuen Wedel bei tunlichstem Liclitabschluss sich entwickeln und so möglichst farblos bleiben. Denn bei der Feier des Palmsonntages sollen sie nicht allein ein Siegeszeichen, sondern auch ein Bild himmlischer Reinheit sein. Im Dunkeln werden diese Wedel zugleich schlank und lang; sie laufen spitz an ihren Enden aus und bleiben biegsam und weich, so dass sie leicht in beliebige Formen geflochten werden können. An den jüdischen Palmen bindet man die älteren Wedel weniger stark zusammen, das Licht ist von den jüngeren Blättern nicht ganz ausgeschlossen, diese können somit auch ergrünen; sie bleiben zugleich kürzer, schliessen mit stumpfer Spitze ab und werden härter. Die Quelle Siloab, die jüngst ein englischer Altertumsforscher unter den Ruinen eines byzantinischen Tempels aufleckte, ist in den Besitz des griechischen Patriarchates übergegangen. Eine kostbare Bibel. Die königliche Bibliothek von Stockholm besitzt eine Bibel im Werte von 400.000 Mark. Dieselbe hat 160 Blätter, die 80 cm lang und 67 cm breit sind. Der TVxt ist mit prächtigen Miniaturbildern illustriert, die Buchstaben sind 1cm hoch, die Decke ist aus poliertem Eichenholz von 10 5 cm Dicke und die ganze Bibel wiegt 60 Pfund. Eine 1300 Jahre alte Synagoge. Am Fusse des Berges Mlthridates bei Feodosia (ursprünglich Theodosia) an der Südküste der Halbinsel Krim befindet sich eine Synagoge, welche dreizehnhundert Jahre zählt. In den letzten Jahren der Khanen-Herrschaft wurde sie verwüstet und mit Stein und Trümmern überschüttet. Die Kaiserin Katharina II. hai bei Annektierung der Krim die Synagoge restaurieren lassen, und im August 1788 wurden in den uralten Mauern wieder die heiligen Lieder Israels gesungen. Das Gewölbe der Synagoge wird von einer Reihe Säulen gestützt, von denen zwei aus Marmor und zwei aus Granit sind. Ursprünglich waren es lauter Marmorsäulen, aber in den vierziger Jahren unseres Jahrhunderts brachte derKaraitengelehrte Abram Firkowicz zwei Säulen nach Petersburg mit einer uralten Thora und einigen Pergamentrollen, welche er der kaiserlichen Kussischen Bibliothek verkaufte, indem er Kopien abnehmen liess. In der Seitenwand der Synagoge ist eine steinerne Quadrat-Tafel eingemauert mit einer Inschrift, welche die Entstehungszeit der Synagoge aufweist. Diese Inschrift lautet übersetzt: „Durch die Weisheit des Menschen ist dies Haus erbaut. Messias komm' und sammle Dein Volk Israel anno 678" (4678. Synagogenjahr 607 der neuen Aera). Ueber dem Almenaer befindet sich eine Aufschrift, welche ausweist, dass die Türen zum „Allerheiligsten vor 620 Jahren hinzugebaut wurden. Im Hofraume der Synagoge befindet sich eine Mikwa, an deren einer Wand von aussen eine Tafel mit der Inschrift sich befindet: „Der erleuchtetste und geachtetste und weiseste Rabbi Meier Aschkenas, die Zierde und der Stolz Israels, ruht in Gott im 389. Jahre (5389. Synagogenjahr 1328 heutiger Zeitrechnung). Die Tränen der Nachkommen von Abraham, Isaak und Jakob rinnen über seinen Staub." Die Synagoge hat einen düsteren, geheimnisvollen Ausdruck. Für die Betenden gibt es kaum 50 Plätze. Die Ortsgemeinde, welche 70 Familien zählt beabsichtigt, die Synagoge durch Zubauten von der Eingangsseite zu vergrössern. Die Grössenverhältnisse des russischen Ansiedlungsrayons. Die „Nowoje Wrenija" stellte in einem ihrer Artikel die Behauptung auf, den russischen Juden stände ein Gebiet zur Verfügung, das grösser sei als Frankreich. Demgegenüber inuss folgendes konstatiert werden: Die 25 Gouvernements, in denen unsere Stammesgenossen nominell wohnen dürfen, stellen etwa nur ein Dreiundzwanzigstel des weiten Zarenreiches dar; aber selbst auf diesem verhältnismässig beschränkten Gebiet wird den Juden nur in den kaum 2215 Quadratrneilen umfassenden 10 Gouvernements des Königreichs Polen wirkliche Bewegungsfreiheit gewährt, während sie in den übrigen 15 Gouvernements des Ansiedlungsrayons im Umfange von 16 680 Quadratrneilen auf Grund der Maigesetze nur auf städtischen Grund und Boden sich niederlassen dürfen und das flache Land ihnen streng verschlossen bleibt. Eine auf Grund amtlicher Ziffern von uns vorgenommene Berechnung hatte das überraschende Resultat, dass dieser den Juden zur Ansiedlung wirklich offenstehende Teil innerhalb der 15 Gouvernements des Rayons nur 1897 Quadratmeilen umfasst. Auf diesem beschränkten Gebiet wohnen von den 3 558 000 Juden des engeren Ansiedlungsrayons nicht weniger wie 1 802 249 unter einer lüchtjüdischeu Bevölkerung von 3 378 295 Seelen. Sie bilden da 53 Prozent der Gesamteinwohnerschaft und über 50 Prozent aller Juden. Auf die einzelnen Gouvernements verteilt, stellen sie: in Jekaterinoslaw 15, in Taurien 19, in Chersou 28, Tschernigow 29, Bessarabien 38, Poltawa 43, Kiew 49, Witebsk 51, Podolicn 62, Kowno 68, Minsk 69 und in Wolhynien 71 Prozent der gesamten städtischen Bevölkerung, Bei einer gleichmässigen Verteilung unserer Stammesgenossen über das gesamte Russland würden sie mit ihren 5 189 000 Seelen etwas über 4 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachen. Heute weisen zahlreiche Gouvernements keinen einzigen Juden auf, in den übrigen kommt e i n Jude auf — 6000 Christen. Andererseits leidet der Ausiedlungsrayon an einer furchtbaren Ueberfüllung mit Juden. In den ihnen offenstehenden Gouvernements bilden sie mit 4 874 000 Seelen 1146 und nach Abzug der jüdischen Bevölkerung Polens in den 15 Gouvernements des eigentlichen Ansiedlungsrayons mit 3 558 000 Seelen immer noch lOV. Prozent der Gesamtbevölkerung. In den wenigen Städten des Gebiets sind nahezu 2 Millionen Juden zusammengepfercht, wo sie auf einige wenige Gewerbe sich beschränkt sehen und im Elend verkommen müssen. Eine Vorläuferin der Frauenenianzipation. In einem Artikel: „Zur Geschichte der Juden in Italien" berichtet Dr. M. Landau-Wien in der „Frankfurter Zeitung" von einer Jüdin Pereira, die im Jahre 1460 die Erlaubnis erhielt, sich als Aerztin im Lande niederzulassen. Der Rothschild von Zentralasie n^Dor „Standard'4 in London bringt eine sehr interessante Schilderung des reichsten Juden Asiens, des „Rothschild von Zentralasien4', des Bucharajuden A h r o n b e u K h a s s o k Ii. Er steht in Verbindung mit Moskau und Odessa und dein übrigen Russland, mit Teheran, Schiras, Kabul, Herat, Khokand, Sarkand etc. Kurz, seine geschäftlichen Beziehungen sind ungeheuer gross. Er hat in allen diesen Orten Vertreter und Filialen und treibt einen ausgedehnten Handel. Er ist auch Holbankier des Emirs von Buchara und ist sein Geschäftsführer und Unterhändler in Geldangelegenheiten zwischen ihm und der russischen Regierung. Es ist ein traditionelles Amt der Juden in »Buchara, wie übrigens in vielen anderen Ländern, und gar häufig haben diese reichen Hofbankiers mit ihrem Leben dafür gebüsst. Ahron ben Khassokh ist auch kraft seines Reichtums und seiner Würde auch einer der angesehensten Männer der jüdischen Gemeinde in Turkestan und. übt grossen und wohltätigen Einfluss auf das Leben der Juden aus. Seine Umgangs Sprache, wie die der meisten bucharischen Juden ist hebräisch. Altes von den Sozialdemokraten, Antisemitisch geberdet sich die Sozialdemokratie wiederum im Wahlkreise Esc'iwcge- Schmalkalden. In einer freisinnigen Wählerversamrrlung in Weipenhausen bei Eschwege schloss ein sozialdemokratischer Wahlagitator seine Rede gegen den freisinnigen. Kandidaten Lehrer Merten mit den Worten: „Wählt nicht den bezahlten Judenkandidaten!" — Das erweckt die Erinnerung an f; Igendc, schon des Längeren bekannte Vorfälle; zwei von vielen: Der Berliner „Vorwärts" schrieb über den. Sieg der Bürgerschaft bei einer Wahl unter dem Titel: „Mausehe oben". Die Wiener „Arbeiterzeitung" brachte einen Gerichtsfall unter dem Titel: „Moses Wolfsohn vor Gericht" und keine antisemitische Zeitung hätte diesen Bericht übertroffen.