Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 7 (12.2.1904)
- Date
- 1904-02-12
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3315709-3316073-3316081--45446-3340254- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 7 „bi* W^Itf' Seite 5 Werke. Letztere hat tatsächlich seitdem einen ungeahnten Aufschwung genommen. Sie wird in erster Linie von unseren Zöglingen besucht, dann aber auch von Externen, wie schon oben erwähnt. Die meisten Mitglieder des Vereines sind deutsche Glaubensgenossen. Jahrzeiten verstorbener Mitglieder werden mit Kaddisch und Lernen in der Waisenhaussynagoge abgehalten. Daselbst findet täglicher Gottesdienst statt. Die Zöglinge werden zu Handwerkern erzogen, kommen aber erst zur Arbeit, nachdem sie die Schule absolviert haben. Beides, Schule und Lehrzeit, dauert in der Regel 8—9 Jahre. Dennoch ist die in den 23 Jahren seines Bestehens entlassene Zöglingszahl eine ganz beträchtliche. Ihrer meisten leben in Palästina, aber ohne Chalukah! Im Waisenhaus herrscht strenge Disziplin, ohne Einschränkung der freien Bewegung. Die Umgangssprache ist hebräisch. Das Lokal, erworben durch Dr. Herzberg hat 1898 einen Ausbau erfahren. Abermals sollte ein solcher vorgenommen werden, um den Ansprüchen, die an die Anstalt gestellt werden, gerecht zu werden. Allein dazu fehlen vorläufig die Mittel. H a z i o n i. Zur Erforschung Palästinas, Noch immer ist für uns Palästina ein wenig bekanntes Land. Und es ist in der Tat sehr merkwürdig. Ein garzes Volk, das von einem Lande, vom Lande seiner Väter, vom Lande par excellence träumt, mit dem die schönsten Ideale, die der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft aufs engste verbunden sind, hat von eben diesem Lande eine ungenaue Vorstellung. Viele träumen noch von einem Palästina, wie es in der Bibel beschrieben ist, und nur wenige kennen das heut ge Land mit seinen wirklichen Verhältnissen. Man muss viel Idealismus besitzen, um so auf den blossen Glauben hin, ohne tiefere und genauere Kenntnisse des Landes sich dorthin zu begeben, um dort endlich einmal die erwünschte Ruhe zu finden, und ein ständiges, allen Stürmen trotzendes Zelt daselbst aufzuschlagen. Ja, solange die Palästinaidee nur ein schöner Traum blieb, nur ein Ideal, welches umso erhabener ist, je weniger man an seine Verwirklichung glaubt, begnügte man sich mit der blossen phantastischen Vorstellung vom Lande. Nicht der Boden und seine Beschaffenheit, nicht die agrikolen, klimatischen und wirtschaftlichen Verhältnisse dieses Landes zogen das jüdische Gemüt an, interessierten den Zionsschwärmer, sondern der Olberg und die Klapemauer. Palästina blieb ein Land der Ruinen, der Vergangenheit. Interessieren sich doch auch Dichter nicht für die astrophysischen Eigenschaften des Mondes und der Sterne, die sie in den schönsten Worten besingen! Aber der wesenlose Traum verflüchtigt sich allzubald, wenn er nicht zur Tat wird. Palästina hat aufgehört für uns ein Land der Vergangenheit, der sentimentalen Erinnerungen zu sein, sondern gilt als eine künftige Heimat, ein künftiger Herd, eine Brutstätte eines neuen, gesunden und tatkräftigen Geschlechtes. Ebenso, wie das jüdische Volk auferstehen, sich verjüngen, die lähmenden Fesseln von sich abschütteln muss, um sich freier bewegen zu können, so muss auch das Land Palästina sich verjüngen. Und ein Land ist leichter zu beleben als ein Volk. Ein wenig Mühe, viel Energie, Beharrlichkeit, und der spröde Boden öffnet wieder seinen Schoss und das Land wird wieder fruchtbar wie vorher, „fliessend von Honig und Milch*. Ich möchte z. B. hinweisen auf die Versuche der Engländer in Egypten, die das alte Nilreich, welches unter der Herrschaft der Seldschuken und Mameluken arg verwahrlost wurde, wieder aufleben machen. Von Jahr zu Jahr steigt die Wohlfahrt des Landes unter der schützenden Aegide der Briten und „Vidi viridem Aegyptum" wird wieder der Reisende ausrufen, wie einst der alte Römer. Auch in Babylon, in Mesopotamien werden solche Versuche angestellt. Sr. W i 11 c o c k s, ein bekannter und um die Restauration der egyptischen Bewässerungsanlagen viel verdienter englischer Ingenieur, bespricht in einer vortrefflichen Schrift (The Restoration of the ancient Works ofthe Tigris, or the Re-creation of Chaldaea, Cairo, 1903) die Möglichkeit, das alte, öde Babylonierland wieder zu beleben. Bewässerung, fleissige Bebauung, rationeller Betrieb, sind die Haupterfordernisse zur Restauration ein<*8 Landes. Dass Palästina in keiner Beziehung den beiden genannten Ländern, seinen Rivalen von jeher, nachsteht, sagt uns schon der geschichtliche Analogieschluss, sagt uns noch deutlicher die Praxis. Die jüdischen Kolonien in Palästina, die bei weitem nicht alle nötigen Mittel besitzen, beweisen uns, was man aus dem brachliegenden, verwahrlosten Boden Palästinas machen könnte. Was ist somit zur fruchtbaren, zukunftsreichen Arbeit in Palästina nötig? Vor allem Arbeiter, Kapital, Energie, und ein Absatzmarkt für die Produkte des Landes. Wenn diese Anforderungen erfüllt wären, dann kann man getrost einer blühenden Zukuft Palästinas entgegensehen. Wir wollen in diesem Aufsatz nicht auf die Frage eingehen, wie und mit welchen Mitteln dies alles zu beschaffen wäre. Aber das scheint mir vor allem wichtig, dass allen Arbeiten in Palästina eine, und im gegebenen Momente, vielleicht die wichtigste, vorangehen muss, nämlich — die sorgfältige Erforschung des Landes. Erforschung und Bekanntmachung. Denn unsere Propaganda darf sich nicht bloss darauf beschränken, dem jüdischen Voike die Liebe zu Palästina beizubringen, oder die schlummernde Flamme zu einer hellen Lohe zu entfachen, wir müssen auch zum praktischen Sinne des Volkes reden, ihm die materielle Lage klar legen. Enthusiasmus allein genügt nicht. Und wie kann das Volk mit dem Lande seiner Träume wirklich vertraut werden, wenn es dasselbe nicht kennt? Verschiedene Vereine haben sich zur Aufgabe gestellt, Palästina zu erschließen und zu erforschen. Ich spreche nicht von den zahlreichen christlichen Vereinen, wie z. B. dem „Palestine-Expioration-Fund", dem deutschen Palästinaverein u. s.w. Allediese Vereine verfolgen ganz andere Ziele. Ihre Aufgabe ist, Palästina eher als ein Land der Vergangenheit, als ein Ruinenland zu studieren. Und darum dürfen wir Juden gerade nicht neidisch sein auf die Erfolge dieser Gründungen —- denn die Wissenschaft als solche ist international. Aber auch für die Erforschung Palästioas.in der Gegenwart haben sich bie und da Vereine» u. zw. jüdische, gebildet. Es wurden Zeitschriften herausgegeben, die sich mit dieser Fraue speziell befassien. So z. B. die Zeitschrift „Palestine" in London und „Palästina1* in Berlin. Aber die Resultate all dieser Forschungen wnrvn sehr gering. Auch diese dürftigen Nöthen &\wi nicni zu den breiteren Massen des jüdischen Volkes gedrungen, und haben somit ihr Ziel verfehlt. Und nun beginnt wieder die Notwendigkeit der detaillierten Erforschung Palästinas minier fühlbarer zu werden. Die „Kommission zur Erforschung Palästinas", weiche vom VI. Kongress eingesetzt wurde, hat deshalb die Tätigkeit bereits begonnen. Vor uns liegt das vrste Heü, das Probeheft der neuen Zeitschrift, die von der genannten Kommission herausgegeben wird: „A 11 n e u 1 an d"*.) Die Zeitschrift hat sich zur Aufgabe gestellt: „Sammeln und sichten, was die besten Kenner des Landes über sein Klima, seinen Boden, seine Früchte und Erzeugnisse, über die *) Altneuland. Monatsschrift für die wirtschaftlich« Erschliessung Palästinas. 0»van der zionistischen Kommission zur Erforschung Palästinas. Herausgaben von F. Oppeoheimer, S. Soskin, 0. Warburg, Berlin.