Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 7 (12.2.1904)
- Date
- 1904-02-12
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 „Ol* & Welt11 Nr. 7 langen Abschliessung der Gradmesser für das. Fühlen der Umgebung abhanden gekommen ist. Ich glaube, zwei Drittel aller begangenen politischen und persönlichen Taktlosigkeiten kommen auf die Rechnung dieses. Umstandes. Alle Völker ohne •lebhaften Verkehr mit der Aussenwelt verlieren den Sinn für Wahrnehmungen von Persönlichkeitsäusserungen anderer. Sie werden in ihrem Denken rein deduktiv. Das zeigt Sombart in seiner Wirtschaftsgeschichte, das kann man täglich an den Völkern des Orients beobachten. Sicherlich war Herr L. fest davon überzeugt, dass die ganze gebildete Umgebung dachte wie er. Und sicherlich war er über den traurigen Erfolg seiner Worte entsetzt. Sogar die eigenen Amtsgenossen in Breslau protestierten kürzlich in scharfen Worten. Und dass die Antisemiten zur Stelle sind, kann nicht wundernehmen. Leider kommen sie zu spät. Er ist einer der ihren geworden. Und da redet man noch über mangelnde Toleranz der christlichen Kirchen! Sie nehmen ja sogar, wie das Beispiel zeigt, Juden auf, die öffentlich erklären, dass sie nichts vom Christentum glauben! Mehr kann man wirklich nicht verlangen. So weit würden wir selbst nie gehen! Ein anderes, auf den ersten Blick erfreulicheres Ereignis bildet die Ernennung des jüdischen Landgerichtsrates Sommer in Frankfurt a. M. zum Oberlandesgerichtsrat. Seit 15 Jahren hatte keine Beförderung von Juden zu dieser Stellung mehr stattgefunden. Aber bei näherer Betrachtung bleibt die Freude gering.Herr ß. steht dem König persönlich nahe, er hat mit ihm gemeinsam das Kasseler Gymnasium besucht und da hat man denn eine Ausnahme gemacht. Mit Recht meint die „Frankf. Ztg.", dass diese Schwalbe keinen Sommer machen wird, dem Namen zum Trotz. Eher wird der Beförderte „der Winter des Missvergnügens'4 der vielen Uebergangenen bleiben! Ben Aron. Aus Frankreich, General de Boisdeffre erreichte am 6. Februar die Altersgrenze und trat mit diesem Tage in die Reserve über. Es ist wohl überflüssig, auf die nichts weniger als ruhmvolle Rolle hinzuweisen, die der ehemalige Chef des grossen Generalstabes in den verschiedenen Phasen des Dreyfushandels gespielt hat und die nunmehr der Geschichte angehören, nachdem er und seine Mitschuldigen durch die .Amnestie der gerechten Strafe entzogen worden sind. Dass General de Boisdeffre sich seiner schweren Vergehen vollständig bewusst war, geht aus der Mitteilung hervor, die Josephe Reinach in seiner Geschichte des Dreyfusprozesses macht: Vor dem Prozesse von Rennes hielt Generai de Boisdeffre sich für verloren und er äusserte sich seinem Beichtvater, dem Jesuitenpater Dulac gegenüber, dem er bekanntlich auch alle Geheimnisse der Nationalverteidigung anvertraute: „Ich komme zu Ihnen wie einer, der auf den Richtplatz geführt werden soll." Aus Anlass des Rücktrittes des Generals Boisdeffre aus dem aktiven Dienst verweisen verschiedene Blätter darauf, dass dieser General durch nahezu 'fünfeinhalb Jahre zur Disposition gehalten wurde, ohne dass es dem Kriegsminister möglich gewesen wäre, ihn in die Reserve zu versetzen, so lange er nicht das vorgeschriebene Alter von 65 Jahren erreicht hatte. — Wieder hat der Fürst Albert von Monaco, dieser erklärte Widersacher der französischen Generalstäbler, einen Mann, der im Dreyfushandel für den unschuldig Verurteilten persönlich und amtlich eingetreten ist, in seine Dienste genommen, in denen sich bereits der Fürsprecher Dreyfus', der ehemalige Direktor des Militärgefängnisses Forzinetti befindet. Er hat nämlich den Zentralkommissär von Orleans, Louis Tomps, der zugunsten Dreyfus' Ermittlungen im Auslande anstellte und deshalb von den Nationalisten in Acht und Bann getan worden war, zum Leiter des Polizeiwesens des Fürstentums ernannt. „Frkf. Ztg." Das deutsch-jüdische Waisenhaus zu Jerusalem. Zu den eminenten Wohltaten, welche die auswärtigen Glaubensgenossen ihren Brüdern im hl. Lande erweisen, gehört unstreitig in erster Linie die Erhaltung des Waisenhauses, das gegenwärtig von 34 internen Zöglingen bewohnt wird und einer noch grösseren Anzahl Tagesschüler die Mittagskost gewährt. Was ein Waisenhaus in Jerusalem zu bedeuten hat, wird am besten daran ermessen, wenn man bedenkt, dass ein Zehntel der jüdischen Bevölkerung von Almosen lebt, welches ebenfalls im Auslande aufgebracht wird. Wie soll nun diese imstande sein, eine derartige Institution selbst zu erhalten, wenn sie nicht einmal ihren Mitgliedern das tägliche Brod gewähren kann? Die jüdische Einwohnerzahl Jerusalems wird allerdings gewöhnlich weit überschätzt. Eine Statistik ergiebt nicht mehr als 28 Tausend Seelen. Und diese Statistik ist umso untrüglicher, als sie von den crbb'D aufgestellt ist. Diese, beziehungsweise deren Vorsteher müssen doch wohl ihre Mitgliederzahl genau kennen. Ihre Listen sind daher zuverlässiger, als etwaige divergierende Berichte. Aber auch schon diese Zahl lauter armer Leute macht die grosse Notwendigkeit des Bestehens unseres Institutes begreiflich. Dazu kommt noch, dass dasselbe sich durchaus nicht auf Jerusalem allein erstreckt. Auch Waisen aus anderen Ortschaften des hl. Landes finden, soweit Raum und Einnahmen es gestatten, darin Aufnahme. Dass es mitunter auch verlassene Kinder gibt, für die gesorgt werden muss, ist selbstverständlich. Die daheim, namentlich im Osten Europas Bedrängten und Gefährdeten, flüchten teilweise hierher und sehen sich in ihren Erwartungen getäuscht, was nur zu oft der Fall ist, wandern wieder aus, ihre Familie hier zurücklassend; teils weil ihnen die Mittel fehlen, sie mitzunehmen; teils und hauptsächlich aber deshalb, weil sie selber noch lange werden umherirren müssen, ehe sie eine Existenz gefunden haben werden. In den letzten Jahren hat tatsächlich die Auswanderung erschreckende Dimensionen angenommen. Und dies macht sich zumeist unter der Arbeiterklasse bemerkbar. Hier muss doch oft helfend eingegriffen werden. Würden auch nur die Mittel ausreichen! Das Institut ist eine Schöpfung des Professors G r a e t z. In den Siebzigerjahren bereiste er gemeinschaftlich mit dem ebenso gelehrten wie verdienstvollen M. Gottschalk Lewy (gest. Berlin 1893) das hl. Land. Der Zustand der Gemeinden war erschreckend. Namentlich gebrach es vornehmlich an den nötigen Gemeindeinstitutionen, wenngleich die Chalukahgelder damals reichlicher flössen, als heutzutage. Jüdische Kranke suchten in der Regel fremde Hospitäler auf, während elternlose Kinder sich einfach in den Strassen umhertrieben, bis sie schliesslich von der Mission aufgelesen wurden. Da nun zugusten der ersteren der damalige Würzburger Row bereits einen Aufruf erlassen hatte, machten es sich die beiden genannten Herren zur heiligen Aufgabe, für das letztere zu sorgen. Und ihre Bemühungen, unterstützt von dem für alles Edlere sich so leicht begeisternden Rabbi Azriel Hildesheimer (^) und ähnlicher namhafter Persönlichkeiten, trugen die schönsten Früchte. Schon Anfangs der Achtzigerjahre konnte an die Eröffnung, allerdings vorerst mit nur 4 Zöglingen, geschritten werden, welche Zahl unter der Leitung Dr. Herzberg s, Verfassers der „ Familienpapier eu, bis auf 17 gestiegen ist. 1884 erlangte der Verein, der sich zu diesem Zwecke unter dem Namen „Verein zur Erziehung jüdischer Waisen in Palästina" gebildet hatte, die Rechte einer juridischen Person. Der Verein hatte Anfangs seinen Sitz in Berlin, später überging er nach Frankfurt a. M. Dem Vorstande desselben gehörten Gr ätz und Lewy bis zu ihrem Lebensende an. 1887 vereinigte sich der Verein mit der Lämel-Stiftung, gegründet 1857 von Frau Elisa Herz, geb. L ä m e 1, die eine Schule unterhielt, welche aber nicht recht gedeihen wollte, zu einem gemeinsamen