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Die Welt · 1904-02-12 · 7 (12.2.1904) · page 3

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Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
7 (12.2.1904)
Date
1904-02-12
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 7 „bie & Weit11 Seite 3 Zwei Ansichten über die russischen Juden. In der englischen Zeitschrift „Monthly Review" wurde im vorigen Monat ein Artikel des bekannten russischen Nationalökonomen Prof. Tugan-Baranowski über die Judenfrage in Russland publiziert. In einer wissenschaftlichen und präzisen Weise, mit statistischen, ökonomischen Belegen an der Hand beweist er, dass das Grundübei der Judenfrage in Russland bei weitem nicht der Antisemitismus des Volkes ist, wie es die interessierten Personen in Russland glauben machen wollten. Er weist mit kühner Hand auf den wahren Ursprung des Judenhasses hin .... Nun kommt die Widerlegung dieser „falschen" und „böswilligen44 Behauptungen, und zwar seitens des Feuilietonisten der „Nowoje Wremja" H. M e n s c h i k o w. Er meint vor allem, die russische Judenpolitik sei eine Vergeltung, ein Racheakt des slavischien Elementes gegen die fremden Einwanderer. So hätte Russland von den Mongolen, Polen von den Juden sehr viel gelitten, letztere hätten Polen zugrunde gerichtet. Dann skizziert er eine Geschichte der Juden in Russland, die den Zweck hat zu beweisen, dass die russische Judenpolitik seit Jahrhunderten dieselbe blieb. Er sagte unter anderem: „Unsere Regierung hat nicht das mindeste gegen ein fremdes Volk, das in das Land seine Talente, Kenntnisse und Geldmittel bringt. Aber bei den Juden ist dergleichen nicht der Fall, noch wollen sie sich mit der eingeborenen Bevölkerung assimilieren. Es ist eine Tatsache, dass in den fünfhundert Jahren, welche die Juden in Polen und Lithauen zugebracht haben, die Juden doch nicht Polen oder Weissrussen geworden sind. Ausserdem sind die Juden als Ganzes betrachtet, eine ignorante und nichts weniger als begabte Masse. Mit zwei oder drei Ausnahmen haben sie Russland keine ausgezeichneten Männer geliefert. Feindlich dem Christentum und der russischen Unabhängigkeit, sind sie ein Auflösungsstoff für die nationale Kultur und den Volksorganismus.44 Dann kommt Menschikow zu folgendem Schlüsse: Die Juden sind Opfer ihrer eigenen Geschichte. Sie sind die einzige Rasse in Europa, die nicht vom Christentum assimiliert wurde. Entweder müssten sie ein eigenes Königreich — ausserhalb Europas! — gründen, wie die Zionisten vorschlagen, oder ihr Volkstum aufgeben. Das wirkliche Ghetto der Juden ist das Judentum selbst, ein alter Glaube, der seine Anhänger in einer schlimmeren Knechtschaft hält, als die von Aegypten. Mir scheint es, dass das einzige Kanaan für alle, die Juden selbst eingeschlossen, das Christentum ist, wie auch die Assimilation der Juden mit den Völkern, zwischen denen sie Jeben. — So Menschikow! Was davon zu halten ist, werden unsere. Leser wissen, denen ja die Person Menschikows genügend bekannt ist. Ein englischer Sozialist über den Zionismus. Mr. Herbert B u r r o w, ein bekannter englischer Sozialist, der am meisten im Eastend Londons unter denJuden tätig ist, hielt vor einigen Tagen in der South Place Ethical Society einen sehr interessanten Vortrag über den Zionismus. Er leitete seinen Vortrag ein mit der Schilderung von Reiseeindrücken aus dem Prager Ghetto. Das Ghetto hat ihm den Zusammenhang der jüdischen Geschichte gezeigt, in den Tönen der Thoraworte, die er in der alten Prager Synagoge vernahm, hat er das Lied der langen, grandiosen, martervollem Geschichte Israels gehört. Er hat sich überzeugt, dass die Juden ein Volk sind, obwohl sie über die ganze Erde zerstreut sind. Dann schilderte er die Lage der Juden in allen Ländern, das Gespenst des Antisemitismus, das überall herumschieicbe, Grausen erregend, hier ein Kischenew, da eine Affäre Dreyfus und dort eine fremdenfeindliche Bewegung an den Tag fördernd. Es wäre ja sehr gut, wenn die Juden ein eigenes Heim gründen könnten, obwohl er selbst (Redner) kaum an die Möglichkeit glaubt. Das neue Heim müsste jedenfalls auf sozialistischer Basis beruhen. Und nun eröffne sich eine weite Perspektive: Die kapitalistische Gesellschaftsordnung umzuändern und die sozialistische an ihre Stelle zu setzten. Dies sei der wahre Zionismus, dafür müsste das jüdische Volk eintreten. Aus dem deutschen Reiche. Seit wir uns zuletzt in Basel zusammenfanden, wo die deutsche Landsmannschaft bereits 64 Delegierte zählte, ist in Deutschland ^fieberhaft gearbeitet worden. Das Ostafrikaprojekt hatte uns die Sympathien weiter, bisher gleichgiltiger Kreise verschafft und wir haben uns bemüht, das heisse Eisen zu schmieden. Dr. Klee in Oberschlesien, Dr. Friedemann in Kassel und Hamburg, Herr Auerbach in Essen haben zahlenmässige Erfolge erzielt, über die sie selbst bisweilen gestaunt haben mögen. Tosender Jubel in den Versammlungen, viele Dutzende neuer Mitglieder, reiche Nationalfondsspenden — welcher Gegensatz zu früheren Jahren! Zögernd, wie Schuldbewusste, schoben sich ein paar Leute an den Vorstandstisch und trugen sich in die aufgelegten Listen ein. Die alteingesessenen Kreise besuchten überhaupt kaum die zionistischen Abende. Tempora mutantur. Die sichersten Burgen des Assimilantenftums sind im Belagerungszustand. Schon heute kann man sagen, dass ausser Russland und Rumänien wohl kein Land eine so grosse Zahl autochthoner Zionisten besitzt, wie das deutsche Reich, und doch stehen wir erst am Anfang des Aufschwunges. Zu dem erreichten Resultat hat erheblich das Berliner Bureau beigetragen, das unter der trefflichen Leitung Dr. Hantkes viele tausende von Broschüren über ganz Deutschland verbreitet hat. Auch die anderen Distriktsbureaus haben 'tüchtig gearbeitet und sich im grossen ganzen bewährt. Den besten Beweis dafür liefert der Umstand, dass die ränderen jüdischen Organisationen, die Logen, der Zentralverein, der Hilfsverein deutscher Juden, der „Esrau sich veranlasst fühlen, in der gleichen Art und Weise zu arbeiten. Ueberall hört man plötzlich von Vorträgen, Ortsgruppengründungen etc. Uns kann's nur recht sein. Vor allem gilt's, die Juden aus ihrer Lethargie aufzurütteln und jüdische Interessen in ihnen wachzurufen. Den Weg zu uns finden sie nachher schon ganz von selber! Das erwachende Verlangen nach Organisation findet am (besten seinen Ausdruck in dem stets von neuem auftauchenden Gedanken von der Einberufung eines allgemeinen deutschen Judentages. Wir haben diese Forderung seit Jahren vertreten (und hoffen, dass diesmal endlich das Ziel erreicht wird. Es muss ein Forum geschaffen werden, von dem laut und deutlich die Wünsche der deutschen Juden verkündet, das Zusammengehörigkeitsgefühl proklamiert werden kann. Aber dieser Vertretungskörper sollte mit Ruhe und Würde Forderungen geltend machen, nicht als Bittsteller seinen Lebensgang antreten. Das praktische Ergebnis wäre sicherlich unbedeutend und der moralische Halt würde sicherlich von vornherein erschüttert. Wer um sein gutes Recht „schnorrt", der begibt sich der Achtung auf der Gegenseite, das sollte man bei Zeiten bedenken! Was wir uns vom Judentag versprechen, das ist überhaupt nicht sowohl praktischer als moralischer Natur. Ohne Selbstgefühl, Selbstachtung und geeinten Willen werden Erfolge nicht erkämpft, und leider fehlen noch vielfach diese Vorbedingungen. Einen schönen Beweis dafür bietet der Fall Ladenburg. Es wird gewiss in den weitesten Kreisen bis zum Herbst vorigen Jahres unbekannt gewesen sein, dass ein Professor dieses Namens an der Universität Breslau schlecht und recht dahinlebte. Diesem traurigen Umstände hat Herr L. abgeholfen, indem er auf dem Kasseler Naturforschertage eine Rede von wissenschaftlich anfechtbarem Werte hielt, die in die Behauptung ausklang, die Naturwissenschaften hätten die Nichtigkeit aller religiösen Ueberzeugungen klar erwiesen. Diese Rede war psychologisch interessant insofern, als sie von neuem beweist, wie sehr den Juden in der jahrhunderte-

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