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Die Welt · 1904-02-12 · 7 (12.2.1904) · page 2

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Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
7 (12.2.1904)
Date
1904-02-12
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 „bis * W$lt Nr. 7 irgend einem Lande der Welt wichtige Dinge vorgehen. Man denke nur an den Konflikt, der gegenwärtig im fernen Asien aufgetragen werden soll. Die Beunruhigung bleibt nicht auf die beiden Staaten beschränkt, sie verbreitet sich über die ganze Erde, und die Konsequenzen können heute nicht einmal die erprobtesten Staatsmänner voraussehen. Aber wir wollen nicht einmal den Krieg als Beispiel anführen. Man denke nur an die Folgen, die eintreten müssten, wenn England sich zum Schutzzollsystem bekehren würde! Ja, an die Wichtigkeit, die selbst Erlisch1 iessungen kleiner Staaten für alle anderen haben müssen! Kann man da wirklich glauben, dass eine Frage von solcher Bedeutung wie die Judenwanderung, an der so viele Staaten interessiert sind, durch Palliativmassregeln von der Tagesordnung abgesetzt werden kann? Nein, alle Beschränkungen, alle Fremdengesetze sind nur geeignet, die Judenfrage noch komplizierter und akuter zu machen. Dazu wird auch die in der englischen Thronrede angekündigte Absicht beitragen, gewisse Vorschläge der Fremdeneinwanderungs-Kommission dem englischen Parlamente zur gesetzlichen Beschlussfassung vorzulegen. Vielleicht, dass die in England ansässigen Juden, wenn sie naturalisiert sind — denn die anderen geraten jetzt in eine sehr unsichere Stellung — mit den geplanten Gesetzen einverstanden sind, ja sie sogar freudig begrüssen. Das wird eine kurze Freude sein. Der Strom der Auswanderer wälzt sich immer bedrohlicher heran. Auch die schönsten Gesetze werden von der Verzweiflung nicht respektiert. Nicht durch Fremdengesetze, durch Schaffung einer Heimstätte wird die Judenfrage einer Lösung näher gebracht werden. Wenn die Juden, auch die Englands und Amerikas, das nicht hören wollen, so werden sie es fühlen müssen. Und das kann dann für die Judenheit eine Katastrophe werden, wie sie selbst unsere Leidensgeschichte bisher nicht aufzuweisen hat. W. -.-.-'-1-*->-. ■ : \ t\ Die zwei jüngsten Kongresse in Petersburg. In der russischen Hauptstadt tagten vcr kurzem zwii Kongresse, welche das Leben unserer Volksgenossen im Zarenreiche tief berührten. Der neunte Kongress der Aerzte, der sogenannte Pirogow-Kongress, welcher in der zweiten Hälfts des Monats Jänner in Petersburg tagte, hat ein abschreckendes Biel aus dem Leben unserer Volksgenossen in Russland entrollt und Beschlüsse gefasst, welche in ganz Russland lebhaft besprochen werden. Auf diesem Kongresse, welchem 220 Aerzte beiwohnten, gelangten Referate zur Verlesung, Welche über die unter den Juden im Niederlassungsgebiete herrschenden Krankheiten und über die Ursachen derselben Licht verbreiteten. Dr. Makower schilderte in seinem Referate, anknüpfend an die den Kongress unterbreiteten Daten über die /Immer wachsende Sterblichkeit unter den Juden in Wilna, die schrecklichen Souterrainwohnungen dieser Stadt und wies auf die unmöglichen Wohnungsverhältnisse hin, welche durch die gewaltsame Konzentrierung der Juden in den Städten hervorgerufen worden sind. Eine tiefgehende Bewegung rief der Bericht des Dr. Blumenthal unter dem Titel „Die sozialen Faktoren der Tuberkulosekrankheit14 hervor. Während der Verlesung dieses Referates wurde darauf hingewiesen, dass die Städte Westrusslands, wo die jüdischen Massen Infolge der Zusammenpferchung in den schlimmsten gesundheitsschädlichen Verhältnissen leben, die Stätte vieler ansteckenden Krankheiten bilden und ein grosses Kontingent von Tuberkulosekranken (liefern. Die jüdischen Tuberkulosekranken, betonte der Referent, sind aber noch deshalb dem sicheren Untergange geweiht, weil das Gesetz ihnen das Heilmittel nimmt, welches die Medizin bei dieser Krankheit so häufig vorschreibt: Luftveränderung. Durch die drakonischen Gesetze vom 3. Mai 1882 jst den Juden im Niederlassungsgebiete die Möglichkeit gekommen, auf dem flachen Lande, in den Sommerfrischen und in Sanatorien sich aufhalten zu dürfen; ihnen ist sogar verboten, die Kumyskur in den Steppen zu gebrauchen und Kurorte zu besuchen» Alle diese Umstände verurteilen die kranken Juden tzum sicheren Tode und versetzen die Aerzte in eine traurige Lage. Diese Ausführungen wurden von dem Kongress mit grosser Aufmerksamkeit angehört und mit Teilnahme begleitet. Alle russischen Aerzte erhoben sich wie ein Mann, um gegen diese Zustände zu protestieren und Mittel und Wege zu empfehlen, welche diese Zustände ändern könnten. Der Kongresss fasste hierauf einstimmig folgende Resolution: 1. Der Pirogow-Kongress lenkt die Aufmerksamkeit auf den Schaden und auf die Gefahr, welche der künstlichen Konzentration der Juden in den Städten und Städtchen Westrusslands erwachsen und erachtet es für notwendig, den Juden das Recht der Freizügigkeit einzuräumen; 2. der Pirogow-Kongress erachtet es als schädlich und gefährlich, kranken Juden den Aufenthalt auf dem flachen Lande, in den .Sommerfrischen, in den Sanatorien und in Kurorten zu verbieten. Zum Schluss erhob der Kongress, den Ueberlieferungen des grossen Pirogow treu, welcher seinerzeit auf dem Gebiete der Verbesserung der Lage der Juden viel arbeitete, Protest gegen die Beschränkungen, welche bei der Aufnahme von jüdischen Aerzten in den Dienst der Gemeinde-Institutionen bestehen. Der Kongress fasste in dieser Frage folgende Resolution: Der Kongress erachtet es als der Gemeinde-Institutionen und der angestellten Aerzte unwürdig, Beschränkungen aufrecht zu erhalten, welche durch nationale und religiöse Vorurteile hervorgerufen sind, Auf dem dritten technischen Kongresse, welcher in Petersburg dieser Tage abgehalten wurde, wurden ebenfalls viele Fragen aufgeworfen, welche das Leben unserer Brüder in Russland berühren. Hauptsächlich würden der gegenwärtige (Stand der professionellen Bildung unter den Juden Iii Rtissland und die Faktoren, welche die Entwicklung dieser Bildung behindern, besprochen. Die Ursachen bestehen, wie der Kongress konstatierte, hauptsächlich darin: 1. dass die in Russland bestehenden professionellen Schulen für Juden bei Absolvierung derselben keine wie immer gearteten Rechte oder Privilegien gewähren; 2. dass durch die Einengung' des Zutrittes von Juden in die Mittel- und Hochschulen ein grosser Mangel arf »fachmännisch gebildeten Leitern der professionellen Schulen eingetreten ist. Auch dieser Kongress fasste die einstimmige Resolution, die Regierung möge den Juden den Zutritt in alle Lehranstalten des Reiches ohne jedwede Beschränkung freigeben. Grosses Interesse bot jedoch die Rede des bekannten russischen Professors Brandt, welche er tn der ersten Sektion fiir die höheren technischen Lehranstalten gehalten hat. Er wies auf die erschreckende Lage der Juden hin und bezeichnete die bestehenden Verbote gegen die Juden auf dem Gebiete der Bildung als ein Mittel, den HasS äet russischen Studentenschaft gegen die Juden zu wecken und ihf£ Verachtung den Angehörigen anderer Nationalitäten gegenüber zu entfachen. Die hervorragendsten russischen Professoren der technischen Wissenschaften, wie Zernow, Lutugin und Bobow beteiligten sich an dieser Debatte, worauf auch diese Sektion den Beschluss fasste, für die Aufhebung der bestehenden Beschränkung der Zahl der Juden in den russischen Lehranstalten einzutreten, Ob die Beschlüsse der zwei Kongresse, welche von hervorragenden Russen besucht waren, eine Besserung der Lage (unserer Volksgenossen in Russland herbeiführen werden, wird die Zukunft lehren; dass sie aber einen tiefen Einblick m die lunsäglich schwere Lage unserer Brüder in diesem Reiche gewährt haben, ist unbestreitbar. Cty

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