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Die Welt · 1904-02-05 · 6 (5.2.1904) · page 13

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
6 (5.2.1904)
Date
1904-02-05
Page
– (sequence 13)
Language
German
Belongs to
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Nr. 6 „bie & weit Seite 13 Meine, Moses Silbermann, Frau Karb und der Theaterdichter Joseph Latteiner. Das erste Jargontheater in New-York hiess das Orientalische Theater und war eigentlich eitne Singspielhalle in Bowery, die man zu diesem Zwecke adaptiert hatte. Ein Jahr später kamen Mogaiesco, Kessler und Professor Horowitz mit ihrer Truppe nach New-York und eröffneten das Rumänische Theater, Bemerkenswert ist, dass — mit einer einzigen Ausnahme — diejenigen Schauspieler, die an der Begründung des Jargontheaters lebhaften Anteil nahmen, noch heute anerkanntermassen die besten sind. Diese Ausnahme ist Jacob Adler, der nach Mogaiesco der beste jüdische Schauspieler ist; beide sind Charakterdarsteller, aber Mogaiesco ist wesentlich Komiker, während Adler alle Rollen, von burlesken angefangen bis zu tragischen, gibt. Mogaiesco ist von Natur hochbegabt, genial, aber er hat gar keine Erziehung genossen und hat kein geistiges Leben überhaupt; Adler dagegen, der eine Kampfnatur ist und eine ungeheure Energie besitzt, ist von einer grossen Idee erfüllt, die ihm zur Leidenschaft geworden ist und einen Markstein in der Entwicklung des Jargontheaters bedeutet: sein ganzes Leben und Streben geht dahin, natürlich, wahr zu sein, das Leben seines Volkes darzustellen, wie es tatsächlich ist. Bevor er auf den Brettern erschien, hatte man keine ernsten Stücke, sondern ausschliesslich komische Opern, Melodramen, historische Stücke in jüdischen. Theatern aufgeführt, und Joseph Latteiner und Professor Horowitz beherrschten besonders mit ihren historischen Dramen die jüdische Bühne — sie sind heute noch die populärsten Bühnendichter des Ghetto von New-York. Joseph Latteiner lässt sich in seinen Stücken nur von einem Gedanken leiten: er will dem grossen Publikum gefallen. Er ist der Typus des jüdischen Geschäftsmannes; trotzdem er wohlhabend ist, wohnt er in einer sehr unsympathischen Umgebung und erscheint viel ärmer als er ist. Von Geburt ein rumänischer Jude, war er ursprünglich zum Rabbiner bestimmt, aber zu arm, um dieses Ziel zu erreichen; er steht im achtundvierzigsten Jahre und versteht viele Sprachen, die ihm gute Dienste leisten, denn er übersetzt und adaptiert viele Stücke für das Jargontheater. Als Knabe hatte er keine Vorliebe für das Theater, aber eines Tages wohnte er der Aufführung eines deutschen Einakters bei, und da kam ihm der Gedanke, ihn für die jüdische Bühne zu adaptieren. Das Stück hatte Erfolg und Latteiner hat seither gegen hundert Stücke geschrieben — er ist im Thaliatheater als regelrechter Theaterdichter dieser Bühne engagiert und nennt sich einen Volksdichter. Latteiner schreibt seine Stücke zumeist dem beliebtesten Jargonschauspieler, Boris Tomaschevsky, auf den Leib; Tornaschevsky ist ein grosser beleibter Mann mit ausdruckslosen Zügen und krausem schwarzem Haar, das wie eine Löwenmähne sein Haupt umgibt. Er ist der jüngste unter den bedeutenderen Schauspielern und pflegte als Knabe in Dilettantenvorstellungen weibliche Rollen zu geben; als aber die Schauspieler von Beruf kamen, hörte man lange Zeit nichts mehr von ihm. Doch ist aus dem hübschen Jungen ein schöner Mann geworden und er hat sich mit Hilfe Jacob Adlers eine bedeutende Stellung auf der jüdischen Bühne errungen; er und Adler sind die beiden hervorragendsten Schauspieler im Volkstheater, aber sie treten niemals zusammen auf, denn Tomaschevsky gibt die Hauptrollen jener Stücke, welche für den Pöbel berechnet sind, während Adler nur in ernsten jüdischen Originaldramen spielt. Jacob Adler wurde im Jahre 1855 in Odessa geboren, seine Eltern gehörten dein Mittelstande au; Jacob besuchte die öffentliche Schule; das Lernen fiel ihm aber schwer, und so wurde er von seinen Lehrern nicht gerade glimpflich behandelt. So hatte denn die Schule, wie er selbst sagte, einen schlechten Einfluss auf ihn gehabt, und er verliess sie, um sich dein Geschäfte zuzuwenden. Da ging es ihm jedoch nicht besser; er vermochte das herrische Wesen seiner Vorgesetzten nicht zu ertragen; während er immerfort aus einem Geschäft ins andere trat, spielte er doch infolge der Güte eines reichen Onkels, der ihn unterstützte, eine gewisse Rolle in Odessa, wo er bald für einen Stutzer und Damenhelden galt. Er stand damals erst im achtzehnten Lebensjahre, aber sein Gemüt war bereits von den ernsten Gedanken erfüllt, die er später in New-York mit solchem Eifer zu verwirklichen suchte. Es gab damals noch kein jüdisches Theater, aber er besuchte das russische Theater sehr gern; ganz besonders taten es ihm die realistischen Stücke an. Er bildete seinen Geschmack an den russischen Tragöden Kozelski und Miloslowski und erlangte bald einen Namen als Kritiker auf der Galerie. Das russische Publikum drückte sein Gefallen oder Missfallen an Ort und Stelle aus; auf den Galerien gab es zwei Lager mit entgegengesetzten künstlerischen Grundsätzen: eine Partei zischte, während die andere Beifall klatschte, und in den Pausen, manchmal sogar auch während der Vorstellung, wurde dann lebhaft debattiert. Adler war bald einer der glühendsten Führer einer solchen Partei: er stand auf Seite des Realismus, den er für den unmittelbaren Ausdruck des Volkslebens hielt. Alles andere zischte er nieder und so erfolgreich, dass die Schauspieler sich ihn geneigt zu erhalten versuchten, so zum Beispiel die Schauspielerin Kozlowski, eine Art nissischer Sarah Bernhardt. Es lastete schwer auf seinem Gemiite, dass er eine so mangelhafte Erziehung genossen hatte, auch schienen gerade die hohen Ideale, die er von der Schauspielkunst hatte, ihm diese zu verschliessen, doch sagten ihm Freunde, denen er seine Lieblingsszenen vortrug — er hatte ein sehr gutes Gedächtnis — dass er Talent habe. „Ich hätte ihnen ja so gern geglaubt,'4 sagte Adler, „aber ich war der Meinung, ein Schauspieler müsse, um ein Bühnen- Dolmetsch der menschlichen Natur zu sein, alles wissen." Um diese Zeit — Adler war dreiundzwanzig Jahre alt — hörte er, dass in Rumänien von einem russischen Juden namens Goldfaden ein Theater gegründet worden sei, in welchem die Schauspieler im Jargon sprachen und sangen. ,Jch war aufs Höchste erstaunt," sagte Adler; „wie konnte man Stücke in einer Sprache aufführen, die" — wie er glaubte — „gar keine Literatur hatte? Wer mochten die Schauspieler sein?" Als aber Goldfaden im Jahre 1879 mit seiner Truppe nach Odessa kam, da sah Adler mit eigenen Augen, was er kaum für möglich gehalten hätte: ein jüdisches Stück, im Jargon von jüdischen Schauspielern gespielt. Die Stücke und nicht minder die Darstellung kamen Adler freilich sehr armselig vor, aber er unterhielt sich doch vortrefflich bei dem Witze, den Israel Rosenberg — Adler beschreibt diesen als einen Juden mit langem Gesicht, vorstellenden Zähnen, grossen Augen und einem Mund, der von einem Ohr zum andern reicht — in seinem Spiel entfaltete. „Er ist noch ungebildeter als ich," sagte sich Adler, „und doch hat er sehr viel Erfolg." Er befreundete sich mit Rosenberg, und dieser sowohl, als auch Fräulein Oberländer redeten ihm eifrig zu, sich de!* Bühne zuzuwenden — Rosenberg, weil Adler damals ein wohlhabender Mann war, und Fräulein Oberländer, weil sie den kraftvollen jungen Russen liebte (sie wurde später auch seine Frau). Adler, der die Empfindung hatte, dass seine Erziehung der Rosenbergs doch überlegen war, beschloss, den Versuch zu wagen und, obwohl er sich sagen musste, dass er mit den Brettern auch die Armut erwählte — im Geschäft ging es ihm jetzt recht gut — zögerte er nicht, sondern verliess seine Verwandten und Freunde und ging mit der Goldfaden'schen Truppe auf eine Gastspielreise. Als er das erstemal auftrat, hatte er solches Lampenfieber, dass er seine eigenen Worte nicht hörte, seine kritische Fähigkeit verliess ihn vollkommen und er spielte nur instinktiv. Es dauerte lange, bis er besser spielte als die Durchschnittsschauspieler, und diese standen damals auf keiner sehr hohen Stufe, aber endlich, in Elizabetgrad. gingen ihm die Augen auf. Ein

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