Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1904-02-05 · 6 (5.2.1904) · page 12

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
6 (5.2.1904)
Date
1904-02-05
Page
– (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3315709-3316073-3316080--45432-3340239
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Seite 12 „bis & Welt Nr. 6 eingeräumt bekommen sollen. Wir aber fühlen: Erst müssen wir unser eigenes, kleines Haus so erbauen, dass uns die anderen Völker als gleichwertig anerkennen. Unsere Augen sind offen. Weit ist das Ziel, doch nicht so weit, wie das der jüdischen Revolutions- und Emanzipationsschwärmer. Und eines haben wir voraus: Wir ahnen eine neue mögliche Zukunft. Reift doch grünes Leben ringsherum u»d drängt sich in Fülle, ein heimlicher Segen, zur Sonne! Zur Geschichte des Jargontheaters. Von Hutchins Hapgood.*) Das Jargontheater wurde im Jahre 1876 von Abraham Goldfaden in Rumänien begründet und hat seine Blüte in New- York erreicht; dort gibt es nicht weniger als achtzig Jargon- Schauspieler und -Schauspielerinnen, gegen ein Dutzend jüdischer Schauspieldichter, die im Jargon schreiben — drei von ihnen haben zusammen mehr als dreihundert Bühnenstücke verfasst. Das Publikum, das sich aus der russisch-jüdischen Kolonie zusammensetzt, ist ein ungeheures, das Bedürfnis nach Jargonstücken ein so lebhaftes, dass sich aus dieser starken Nachfrage eine eigenartige, in sich geschlossene und hochinteressante Volkskunst herausgebildet hat. Der erste jüdische Schauspieler war ein Sänger in der Synagoge von Bukarest, der erste jüdische Theaterdichter ein Liederkomponist; die Entstehung des Jargontheaters ist also in der Synagoge von Bukarest und in der volkstümlichen Singspielhalle zu suchen. Selig Mogalesco, der bedeutendste Komiker im New- Yorker Ghetto, hat, obwohl noch nicht vierzig Jahre alt, die Geburt des Jargontheaters erlebt. Er ist in Kolorasch, einem bessarabischen Städtchen unweit der rumänischen Grenze, geboren; sein Vater war ein armer Krämer. Selig besuchte niemals die Schule, war aber von der Natur mit einer prachtvollen Stimme und einem vorzüglichen Gehör ausgestattet, so dass er mit Leichtigkeit komponierte. In der Stadt, deren Bevölkerung ausschliesslich orthodoxe Juden waren, gab es natürlich kein Theater; das musikalische Bedürfnis der Bewohner fand also nur in der Synagoge Befriedigung; doch engagierten sie, da sie sehr arm waren, stets den allerbilligsten Kantor, den sie bekommen konnten, und der verstand zumeist nicht viel mehr als zu singen, oft jedoch war ein solcher Kantor eine Berühmtheit und reiste von Stadt zu Stadt — nicht selten musste, wer ihn hören wollte, Eintrittsgeld bezahlen. Als Mogalesco etwa neun Jahre alt war, kam der berühmteste Kantor Südrusslands, Nissy, von Beltsy nach Kolorasch, und die Freunde des stimmbegabten Kindes redeten ihm zu, den grossen Mann zu besuchen und ihm etwas vorzusingen. Selig befolgte den Rat und Nissy war verblüfft. „Geh' nach Hause, mein liebes Kind, und hole deine Eltern," sagte er zu dem Knaben. Und Nissy verpflichtete sich kontraktlich, Selig, der ihn drei Jahre lang als eine Art Chorknabe begleiten sollte, mit Kost, Quartier und Kleidern zu versorgen und ihm ausserdem im ersten Jahre fünf, im zweiten zehn und im dritten fünfzehn Rubel zu zahlen. Bald hatte Selig Mogalesco einen Ruf unter den Kantoren von Südrussland erlangt; nach sechs Monaten konnte er ausgezeichnet vom Blatt singen und nach weiteren sechs Monaten begab sich der Oberkantor von Bukarest, Israel Kupfer, eigens nach Russland, um sich der Dienste Mogalescos zu versichern. Nun blieb Selig, der insgeheim Kupfer nach Rumänien folgte, einige Zeit in Bukarest, und als er vierzehn Jahre alt war, leitete er einen Chor von zwanzig Sängern. Einige Zeit darauf wurde er Chordirigent in der Oper, und dort regte sich in ihm der heisse Wunsch, zum Theater zu gehen, aber man verweigerte dem begabten Juden den Zutritt zur Bühne. *) Aus „Spirit of the Ghetto". Die Entstehung des Jargontheaters fällt in das Jahr 1876. Mogalesco war damals zwanzig Jahre alt, als Abraham Goldfaden nach Bukarest kam. Dieser war ein wohlhabender Kaufmann in Russland gewesen, aber dort zugrunde gegangen; er war ein Dichter und begann nun seine Begabung zu verwerten und sich sein Brot damit zu verdienen. Schon in Russland hatte er viele jüdische Lieder gedichtet, die er dann im Kreise seiner Freunde und Bekannten vortrug; sich in seiner alten Umgebung einen Erwerb damit zu verschaffen, hielt er unter seiner Würde, er ging also nach Bukarest und sang dort von der Bühne herab seine eigenen Lieder. Doch befriedigte ihn dies nicht auf die Dauer, und so beschloss er, ein jüdisches Theater zu gründen. Er begab sich zum Oberkantor Kupfer, der ihm Mogalesco als Schauspieler für das neue Unternehmen empfahl; Mogalesco hatte anfangs keine Lust, sich von Goldfaden anwerben zu lassen, denn sein Ehrgeiz strebte nach Betätigung auf einer nichtjüdischen Bühne, aber als Goldfaden sich erbot, ihn zu adoptieren und ihn fremde Sprachen zu lehren, willigte er ein und wurde so der erste Jargon-Schauspieler. Seinem Beispiele folgend, traten noch einige Sänger aus dem Kupfer'schen Chore in Goldfadens Truppe ein. Während es Goldfaden damals unmöglich war, weibliche Schauspielerinnen zu gewinnen, so dass, wie zur Zeit der Königin Elisabeth in England, Männer die weiblichen Rollen spielten, gelang es ihm, noch einige andere Schauspieler zu engagieren, darunter Moses Silbermann, der noch heute an einem Jargontheater in New-York wirkt. Das erste Stück, das Goldfaden schrieb, war: ,,Die Grossmutter und ihre Enkelin", das folgende: „Der Schmendrik" (Mogalesco spielte im ersten Stücke die Grossmutter, im letzteren einen verwöhnten kleinen Jungen. Sein Erfolg war ungeheuer, und er gibt heute noch in New-York die Rolle des verwöhnten Knaben.) Die ersten Vorstellungen fanden in Bukarest zur Zeit des russisch-türkischen Krieges statt, und es wimmelte in der Stadt von russischen Lieferanten und Arbeitern, die sich ins Theater drängten und Mogalesco mit Beifall überschütteten. Von der Zeit ab war das Gelingen des Unternehmens, die Existenz des Jargontheaters gesichert. Nun versuchte Goldfaden, sich die Erlaubnis zu verschaffen, auch in Russland Vorstellungen geben zu. dürfen, anfangs ohne Erfolg, endlich aber spielte er in Odessa, ohne die Befugnis dazu erhalten zu haben, und schliesslich gelang es ihm auch, sich diese zu erwerben. Neue jüdische Theater wurden gegründet, Mädchen begannen im Chor zu singen, weibliche Rollen darzustellen. Die erste jüdische Schauspielerin war die nachmalige Frau Karb, die noch heute im jüdischen Volkstheater in New-York spielt; sie ist die populärste jüdische Schauspielerin, war eine ausgezeichnete Sängerin und ist jetzt eine bedeutende Künstlerin. Bevor sie zur Bühne ging, schneiderte sie und erfreute ihre Gefährtinnen in der Werkstätte mit ihrem Gesang. Sie trat zuerst in dem Stücke „Der böse Blick" auf und hatte sofort einen Riesenerfolg; dieses, das dritte jüdische Stück, hat in Goldfadens Abwesenheit sein Soufflleur, Joseph Latteiner, geschrieben, der mit Ausnahme des Professor Horowitz, der um dieselbe Zeit zu schreiben begann, jahrelang der populärste Theaterschriftsteller im Ghetto von New-York gewesen ist. Im Jahre 1884 wurde das Jargontheater in Russland verbeten; die Regierung hielt es für eine Brutstätte politischer Intrigen, die jüdischen Schauspieler aber glauben, dass die Ursache der Sperrung der Neid christlicher Schauspieler war. Da zwei Jahre zuvor eine grosse Anzahl jüdischer und rumänischer Juden nach Amerika ausgewandert war, hatten die verbannten Künstler eine grosse Zuhörerschaft in New-York zu erwarten, und so kam denn im Jahre 1884 die erste jüdische Theatertruppe nach New-York — dies war aber weder die Truppe Goldfadens noch Mogalescos, sondern eine, die sich nachher gebildet hatte. Zu ihren Mitgliedern gehörten Moses

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.