Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 6 (5.2.1904)
- Date
- 1904-02-05
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 6 „bi$ * Welt Seite 11 geleistet hat, veranstaltet auch in dieser Saison jeden zweiten Sonntag eine Kinderjause, bei der durchschnittlich 150 Kinder aus der Brigittenau, dem ärmsten Judenquartier Wiens, bewirtet, unterhalten und beschenkt werden. Die nicht geringen Kosten bringt der Ausschuss durch Spenden von Geschäftshäusern und Privatpersonen herein. Leider wird für diesen eminent wohltätigen Zweck nicht in dem Masse gespendet, wie man erwarten sollte. Um so höher ist das Verdienst des Ausschusses anzuschlagen, der bisher seine Kinderjausen zu sehenswerten Veranstaltungen gemacht hat. Am Schlüsse des Vereinsjahres beabsichtigt der Ausschuss durch eine eigene kleine Publikation, die auch eine Aufzählung der eingelaufenen Spenden und der Namen der Wohltäter enthalten soll, einer grösseren Oeffentlichkeit über seine Tätigkeit zu berichten. — Der am 31. Jänner veranstaltete Kindernachmittag zählte zu den gelungensten. Von den Vortragenden seien vor allem Frl. ReneeLingg, die einige reizende Lieder prächtig vortrug und der kleine Goldschmidt, der als Sänger und Deklamator sein Bestes bot, hervorgehoben. Frl. Berliner hatte mit ihren Grammophon -Vorführungen den grössten Beifall des jugendlichen Auditoriums. Peuilletot). Karl Emil Franzos. Von Dr. M. Scherlag. Wenn man von Czortkow nach Chorostkow fährt, sieht man, so weit das Auge reicht, nichts als Himmel und .Felderflächen. Die braune, kräftige Ebene Podoiiens hat etwas Einschläferndes an sich, wenn man sie an Sommertagen, da die Sonne hoch im Zenith glüht, betrachtet. Und reift doch grünes Leben rings herum und drängt sich in Fülle, ein heimlicher Segen, zur Sonne. Bei diesem Anblick geht einem so recht das Verständnis für Franzos' Natur Schilderungen auf, und man begreift, dass er in der Landschaftszeichnung und -Belebung seinesgleichen sucht. Gelangt man nun in ein winkeliges podolisches Städtchen und sieht die niedrigen Schindeldächer, die engen, unsauberen Gässchen mit den wenigen Leutlein in seltsamen Trachten, dann weiss man, wie scharf Franzos seine Gestalten ins Auge fasste und wie lebenswahr er sie vor uns hinzustellen suchte. In jedem Strich verriet er den Künstler, um nicht zu sagen: Dichter; denn man sah in ihm eher ein bewusstes Können, als ein urwüchsiges Schaffen. Doch nicht der Künstler Franzos ist es, mit dem wir uns hier befassen wollen, der Jude Franzos interessiert uns hier. Dem verstorbenen Künstler werden so viele deutsche Zeitungen mehr oder minder gerecht werden; unbeachtet wird ihn keine lassen, denn er hat sich durch rastloses, vielseitiges, nachhaltiges Wirken nicht bloss das Bürgerrecht in der deutschen Literatur erworben, sondern sogar eine Ehrenstelle unter den Besten errungen. Ob man nur auch dem Juden Franzos gerecht werden wird? Viele werden seine Abstammung nur so nebenbei erwähnen oder sie aus den Titeln seiner Werke erraten lassen. Allein wir haben die Aufgabe, auf das Spezifische an diesem Mann hinzuweisen und den wahren Kern aus der Schale zu lösen. Franzos hat ein Wort geprägt, das uns keineswegs als günstige Einführung in die europäische Kulturwelt dienen konnte. Das Wort: „Aus Halbasien". Der Westeuropäer brauchte es nur zu hören und gleich sah er Barbaren vor sich und als Barbaren reinster Art selbstredend die östlichen Juden. Das Schöne und allgemein Menschliche, das Franzos aus den kaftanbedeckten Gestalten hervorholte, blieb schier unbeachtet. Man hatte zu deutlich den barbarischen Juden vor sich, der mit zahnlosen Pferden handelte oder Schmuggel trieb oder Getreide kaufte, man sah förmlich seinen schmutzigen Kaftan, seinen ewigen Kolpak, seinen wirren Bart und seine wehenden Seitenlöckchen — mehr brauchte man nicht. Der Welteuropäer zog lächelnd die Brauen zusammen, schmunzelte vergnügt und dankte Gott, dass diese asiatischen Juden so weit, hinter allen Bergen, leben. Man liest so gern von den seitsamen Tieren der Tropengegenden und fühlt sich sicher im gesitteten Lande, wo solche Geschöpfe bloss iin Museen oder Menagerien zu sehen sind. Solch ein Gefühl der Sicherheit nistete sich auch m den westlichen Juden ein, als sie von den östlichen lasen. Und aufs Kerbholz dieses Gefühls ist das zu schreiben, was später so betrübend zu Tage trat. Ais nämlich allmählich der Osten seine Ueberproduktiou an jüdischen Elementen nach dem Westen abgab, da entstand nebst dem gesteigerten Antisemitismus der christlichen Westler die verlegene und verlogene Politik der Verleugnung bei den jüdischen Westlern. Sie verleugneten nicht etwa sofort ihre Religion, nein, sie verleugneten ihre Zusammengehörigkeit mit den östlichen Brüdern. Eine Landsperre vor dem Eindringling war ihr heissester Wunsch. Damit wähnten sie auch den Antisemitismus aus der Welt schaffen zu können. Dass dieses Heilmittel gegenüber der gefürchteten Krankheit machtlos war, erkannten zuerst einige östliche Juden, die unglücklicherweise auch durch Erscheinungen der antisemitischen Epidemie zu neuem, tatkräftigem, nationalem Bewusstsein aufgerüttelt wurden. Smolenski und Leo P i n s k e r dachten an neue Wrege für den Abfluss der überschüssigen Elemente des östlichen Ghettos, keineswegs aber an eine Abschaffung des Antisemitismus, denn alle, die an der Abwehr des Antisemitismus arbeiteten, hatten eine Sisyphusarbeit zu verrichten. Ein Sisyphus war auch Franzos. Er gemahnt auch an den Goetheschen Zauberlehrling. Die Geister, die er, unbewusst, zu rufen mithalf, vermochte er nicht zu bannen. Umsonst träumte er den alten Traum von Kosmopolitismus und Menschentum. Er geriet mit sich selbst in Widerspruch. Einerseits hielt er das Banner von 1848 hoch und sang von einer Zukunft, wo alle Unterschiede der Nationalität, der Religion und der Rasse verschwinden würden. Andererseits schilderte er so handgreiflich die mannigfaltigsten Kämpfe und Konflikte, die aus den erwähnten Unterschieden hervorwachsen., so dass er damit ad oculus demonstrierte, wie unerreichbar die Verwirklichung seines alten Traumes sei. Und als er sich endlich der Erfolglosigkeit seiner Arbeit bewusst wurde, hüllte er sich in den Mantel der stillen Resignation und kämpfte nur mehr aus einer Art Pflichtgefühl, und nicht um des Sieges willen. Ein Einsamer, stand er da. Seine Genossen im Streite: L o r m, K o ynpert, F r a n kl, Hart mann ruhten längst im Grabe, und begraben lagen auch ihre Ideale. Was hatten sie nicht alles von der Revolution erwartet? Wieviel für die Menschheit erträumt? Und wieviel — eigentlich wie wenig — für ihr VoIk? Was wollten sie denn für dieses? Doch nur die Menschenrechte, wie Gleichheit mit anderen. Aber als Preis dafür hätten sie vieles geopfert: die Eigenart des Volkes. Im Deutschtum sollte es aufgehen nach Wegräumung aller Schranken zwischen Deutschen und Juden. Die Tore der Ghettos wurden von den revolutionären Träumern weit geöffnet, aber die Tore in die deutsche Kulturwelt wurden von den rassenstolzen Germanen schroff verrammelt. Der Rassenantisemitismus stand davor mit gezücktem Schwert. Und ernüchtert, verschüchtert machten die Träumer kehrt und verkrochen sich in ihre Studierstuben und verhüllten ihre Augen. Und so sahen sie nicht, wie andere ihrer Brüder sich innerhalb der Ghettomauern zu schaffen machten, und wie dann ein westeuropäischer Jude die Losung der Smolenski und Pinsker aufnahm und zu neuer Geltung brachte. H erzl nahm die stolze Losung aus dem Bereich der Träume in das Bereich des Lebens hinüber. Ihm schlössen sich neue Männer an. Mit Sturmschritt eroberte der politische Zionismus das jüdische Volk in seinen Massen. Nun ward es sich bewusst, dass eine Gleichheit nicht durch Aufgeben der Eigenart und Aufgehen in einen Fremdkörper m erreichen sei. Die Revolutionäre von anno dazumal schliefen und sahen nichts, Sie waren grosse Männer, lautere Männer, aber kurzsichtige Männer im besten Fall. Ein Haus wollten sie bauen für die ganze Menschheit, ein Riesenhaus, ein u n - mögliches Haus, darin auch wir ein Winkelchen hätten