Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 6 (5.2.1904)
- Date
- 1904-02-05
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 6 flbie # weit" Seite 7 Gesetzes, welches den Juden den Aufenthalt in den Dörfern untersagte, das Recht besitzen, dortselbst Grund und Boden zu erwerben, um Wohnhäuser zu bauen oder andere notwendige Bauten aufzuführen. Diese Entscheidung ist deshalb von Bedeutung, weil in vielen Dörfern die Juden keine Wohnung miethen konnten und daher oftmals die denkbar schwersten Bedingungen solcher Bauern akzeptieren mussten, die sich herbeiliessen, einem Juden eine Wohnung zu vermiethen . . . * * * Askhobad. (Transkaspigebiet). Die offizielle „Zakaspiiskoje Oboszenje" publiziert folgende Meldung: „Auf Grund eines von hoher Stelle herabgelangten Erlasses wurde seit langer Zeit in Merow, Peudschensk, Kachaka, Seraeies und in vielen anderen Ortschaften lebenden Juden persischer Staatsangehörigkeit das Recht des Aufenthaltes auf russischem Territorium entzogen und ihnen bedeutet, im Jänner 1904 nach Persien auszuwandern. Die Unglücklichen, welche in ihren bisherigen Wohnorten geboren wurden, wandten sich mit Bittschriften an den Chef des Gebietes und sogar an den Kriegsminister, aber die Antwort fiel ablehnend aus. Nun richteten die in ihrer Existenz bedrohten Juden eine teleg*apbische Bitte an den Kaiser Nikolaus JI. selbst, ihnen Gnade zu erweisen. Vor wenigen Tagen langte die Antwort herab, dass der Zar die Ausweisung der Jaden bis zum 1. Jänner 1905 verschoben hat. * * * Petersburg. Den getauften Juden hat der Senat wie die „Petersburgskija Wjedomosti" melden, eine moralische Ohrfeige versetzt. In den fassen solcher neugebackener Christen wird immer der Vermerk, „übertreten aus dem Judentum" gemacht. Das wollten die Ueberläufer nicht und ersuchten den Senat, die Behörden anzuweisen, künftighin in den Pässen getaufter Juden derartige Vermerke nicht zu machen. Der Senat wies diese Bitte zurück und erklärte ausserdem, dass die Behörden verpflichtet sind, in den Pässen getaufter Juden nicht nur den Vermerk „Vom Judentum zur Orthodoxie übergetreten" zu machen, sondern sogar den Namen zu bezeichnen, welchen der Getaufte früher trug ... Es wird somit den getauften Juden in Russland nichts nützen: Man wird sogar ihren früheren jüdischen Namen kennen. * * * Kasan. Einen Beitrag zur schrecklichen Armut der Juden im Niederlassungsgebiete liefert der Tagesbefehl des kommandierenden General des Kasan er Militärbezirkes, Generals Kossitsch. Er konstatirt in diesem Tagesbefehle, dass die von ihm vorgenommene Besichtigung der Rekruten ihn abermals überzeugt habe, dass die Juden infolge unzulänglicher Nahrung und eingeengten Lebens grosse physische Schwäche aufweisen . . . * * * Uman. In dieser alten jüdischen Stadt wurde vor kurzem, wie die „Kiewskaja Gazeta" meldet, die alte Synagoge durch eine Feuersbrunst eingeäschert. Es wurden 70 Thorarollen und die bekannte historische Pergamentchronik, wo ein Augenzeuge die Schreckenstage von Uman unter den Judenmördern Sonta und Schelesnjak schilderte, verbrannt. Gt. Zur Revision des Dreyfus-Prozesses. Brüssel, 31. Jänner. Der „Soir" meldet aus Paris, die Denkschrift Baudouins über das Dreyfus-Verfahren verzeichne über sechzig Fälschungen, welche die Unterdrückung der Wahrheit bezweckten. Diese Fälschungen seien eben so viele Verbrechen, und die Kriminalkammer werde festzustellen haben, wer ein persönliches Interesse an der Unterdrückung der Wahrheit besass, wer die Fälschungen veranlasste und bezahlte. So sei beispielsweise die berühmte Fälschung H e n ry s als authentisches Schriftstück im Eingangsbuch des Auskunftsbureaus angeführt und bezahlt worden. Jüdische Statistik, Am 20. Jänner fand im „Mönchshof" zu Berlin die erste Plenarversammlung des „Vereins für jüdische Statistik" und im Anschluss an dieselbe eine grössere Versammlung der jüdischen Intelligenz statt, welche die Herren Prof. Dr. M. Philippson, Justizrat Timendorfer, Dr. Paul Nathan, Sanitätsrat Maretzki. Dr. H. Hildesheimer, Reichbtagsabgeordneter Eduard Bernstein, Dr. A. Nossig in Angelegenheiten der Statistik einberufen hatten. In seiner kurzen Eröffnungsansprache hob der Vorsitzende des Vereins, Dr. A. Nossig, auf eine vom Abg. Ed. Bernstein hin gegebene Anregung hervor, dass der V. f. j. St. keinerlei separatistischeTendenzen verfolge, sondern sich im Sinne von Zunz mit der Statistik der Juden als einer geschichtlich gegebenen Kollektivität befasse. Innerhalb des Judentums hänge der Verein ebenfalls nicht mit dieser oder jener Gruppe zusammen, er stehe als wissenschaftliche Organisation jenseits aller Parteien. Der Geschäftsbericht fasste die aus den früheren Mitteilungen bekannten Tatsachen der Ausbreitung des Vereins in den verschiedenen Ländern zusammen. Aus dem Rechenschaftsbericht ging hervor, dass in dem Zeiträume vom 1. Mai 1902 bis 31. Dezemoer 1903 die Einnahmen des Vereins 6173*33 Mk., die Ausgaben 4855*75 Mk. betrugen, woraus sich am Jahresschlüsse ein Ueberschuss von 1317*58 Mk. ergibt. An dem Ankaufe der ersten Vereinspublikation „ Jüdische Statistik B. P nahmen die jüdischen Organisationen und Grossgemeinden in folgender Weise teil: Jewish Colonisation Association 2800 Mk., Alliance IsraeMite Universelle 200 Mk., Bnei-Brith Logen Deutschland 376-65 Mk., Bnei-Brith Logen Oesterreich 100 Mk., Deutsch- Israelitischer Gemeindebund 120 Mk., Jüdische Gemeinde Warschau 350 Mk., Jüdische Gemeinde Berlin 140 Mk., Jüdische Gemeinde Wien 100 Mk., Israelitische Allianz Wien 70 Mk. In der Diskusion über die Tätigkeit des Vereins gab zunächst Sanitätsrat Dr. Maretzki unter warmer Anerkennung des bisher Geleisteten wichtige Anregungen betreffs des weiteren Arbeitsplanes. Er wies namentlich auf die Gesundheitsstatistik als jenes Gebiet hin, auf welchem das reichhaltigste Material bereits vorliege und durch eine systematische Bearbeitung gehoben werden müsse. Ferner betonte er die Notwendigkeit, auf die iandes- und reichsstatistischen Aemter einzuwirken, damit dieselben der jüdischen Statistik schon in ihren Fragebogen grössere Aufmerksamkeit zuwenden mögen. Herr Eliasberg sprach von der Wichtigkeit der jüdisch-statistischen Arbeiten in Russland, wobei er auf das einschlägige Werk des Staatsrates Bloch hinwies, lieber denselben Punkt äusserten sich Dr. Heinrich Meyer-Cohn und Herr Leo Mo tzkin. Dr. Nossig teilte mit, dass der Vorstand sich bereits bemüht hatte, in dem vom Sanitätsrat Maretzki angegebenen Sinne die offiziellen statistischen Arbeiten zu beeinflussen. Daneben halte jedoch der Verein an seinem Hauptprogramm fest, welches darin bestehe, zunächst auf Grund des vorhandenen Materials eine Gesamtstatistik des Judentums herzustellen. Nach Erteilung des Absolutoriums wurden die vom Vorstand entworfenen Satzungen des Vereins verlesen und mit geringen Aenderuugen angenommen. Es folgte nun eine längere und angeregte Debatte über die finanzielle Basierung des Vereins zum Zwecke der Schaffung dauernder Aemter für Statistik der Juden und Anstellung fachmännisch gebildeter Beamten. Das diesbezügliche Referat des Vorsitzenden gipfelte, nach kritischer Prüfung verschiedener Projekte in dem Gedanken, dass die Organisation für jüdische Statistik eine gemeinsame Schöpfung aller jüdischen Vereinigungen und Grossgemeinden werden müsse. Dr. S. Bernfeld unterstützt in beredter Ausführung diesen Vorschlag, der hierauf von der Versammlung einhellig angenommen wuide. An der Diskussion über die Durchführung des Projektes beteiligten sich insbesondere Dr. Klee und Dr. Alfred Waldenburg. Man beschloss, zur Verwaltung der für die Jüdische Statistik bestimmten Fonds ein Kuratorium aus Berliner Notabein zu wählen und entwarf eine Liste der Herren, denen Sitze im Kuratorium anzubieten sind. In den darauffolgenden Wahlen wurde die Mehrzal der Mitglieder des abtretenden Vorstandes wiedergewählt : zum Vorsitzenden Dr. Alfred Nossig, zum Generalsekretär Louis Leopold, zu Beisitzern Berthold F e i w e 1, Martin Bub er, Davis Trietsch, Dr. Theodor Z1 o c i s t i. Ferner wurde S. Eliasberg zum Schatzmeister gewählt und dem Vorstand aufgetragen, nach Bedarf weitere Beisitzer zu kooptieren. Bis jetzt wurde Ingenieur Stefan Perez kooptiert. Zu Revisoren wählte man S. Cassel und Dr. Robert H a n t k e. Mit Dankesworten des Vorsitzenden an die Erschienenen schloss die äusserst zahlreich besuchte Versammlung, welche den erfreulichen Beweis erbracht hatte,