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Die Welt · 1904-02-05 · 6 (5.2.1904) · page 6

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Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
6 (5.2.1904)
Date
1904-02-05
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seite 6 „bie # weit« Nr. 6 werk zu gewinnen — nur sehr kleine Geister werden sich ohne die Kampagne der Gewissenlosen diesem Projekt entgegenstellen. Gewissenlos, weil bei ihrer Zuwartepolitik die moralische und materielle Kraft des Judentums immer stärker einschrumpfen. Weil sie brutal für ihre Herrschaft bedacht sind, nicht für die Beherrschten. Die jetzigen Machthaber haben persönlich meist die allerbesten Zeiten; deswegen fällt es ihnen leicht, bessere zu erwarten. Diese Leichtfertigkeit muss in einer so schweren Zeit aufhören., die den Juden den Satz aus der Kinderfibel der Volksschule und der Politik gebieterisch ins Gedächtnis ruft: Einigkeit macht stark. Mögen unsere Gegner sagen, was sie gegen unser Unglück tun, nicht was sie hoffen wollen. So lange wir aber die einzigen reellen Iiilfspläne vertreten, ist es Pflicht aller offiziellen Stellen, durch ihre Prediger und Redner, Zirkulare und Schriften die Juden zur geistigen und materiellen Hilfeleistung anzurufen. Man hat es aber im Gegenteil verstanden, den Durchschnitt sbürger die heischende Hand des Zionismus in vielfacher Vergrößerung sehen zu lassen. Das Gefühl in ihm zu erwecken, als hätte er eine Ersparnis gemacht, wenn er bei der Kultuswahl für den Antizionisten gestimmt hat. Zur Antwort wollen wir vorerst die Forderungen einer anderen politischen Partei besprechen, deren praktische und agitatorische Arbeit auch'nur von ihren Anhängern finanziell ermöglicht wird: Der Setzer dieser Zeilen ist in einer Fachorganisation. Er hat einen Wochenlohn von zirka 34 K. Das genügt ihm, um mit Frau und drei Kindern irgendwo an der Peripherie der Stadt zu leben und ausserdem folgende Beiträge abzuliefern für: Yereinsbeitrag 1 K 24 h, Tarifschutzfonds 30 h, Wohltätigkeit 10 h, Geselligkeitsverein 10 h, Streikfonds 10 h, Agitationsfonds 4 h^ Pressfonds 4 h, Inhaftiertenfonds 4 h, Krankenkassa 56 h, Fremde-Streikfonds 4 h, Hauskassa 10 h, Wahlrechtsfonds 10 h, Bildungsverein 16 h, als unterstützendes Mitglied der Hilfsarbeitervereinigung 20 h. Summe 3 K 32 h 10% des Einkommens. Wohlgemerkt: jede Woche! Aus dem Vereinsbeitrag wurde ein riesiges Vereinshaus und Erholungssitze auf dem Lande und eine freigebige Krankenversicherung fundiert, „Wohltätigkeit", ist der Beitrag für durchreisende Faehgenossen, teilweise auch „Hauskassa", letztere noch für interne Feiern. Die anderen Beiträge erklären sich aus dem Titel. Wär wollen alle als rein praktisch gelten lassen, bis auf die 4 letzten Eubriken, zusammen 60 h wöchentlich, die für rein ideale Zwecke erlegt werden. So aufopfernd tritt ein Mann aus dem Volke für das als richtig Erkannte ein. Nicht er allein, alle Buchdrucker Wiens! Fast alle haben Familiensorgen. Aber sie wissen, dass die Masse Gleichgestimmter den Einzelnen besser schützt als er sich allein, wenn er einsam steht. So stützt er denn unter Opfern die Sicherheit seiner Arbeit gegen Bedrücker und Krankheit. Sorgt für die unverschuldet Armen. Für seine Bildung. Sogar für die in der Nähe Stehenden. * Der Zionismus ist eine Versicherung gegen Arbeitslosigkeit und dadurch verschuldete Armut. Kommt unseren Volkskrankheiten zu Hilfe. Will für ein Gemeinwesen sorgen und Schule und Haus musterhaft herstellen. Um wie viel mehr will er als die Organisation der Wiener Setzer, und wie viel weniger verlangt er von seinen Anhängern! Er kann mit Wenigem arbeiten, weil er es von Massen verlangt. 2 h wöchentlich für den Schekel, um seine politischen Geschäfte betreiben zu können, ein Weniges für die Bank, 2 h wöchentlich für seine Erde, für den jSTationalfonds. i Mit diesem finanziellen Programm treten »wir vor die jüdische Oeffentlichkeit und stossen auf hartnäckigen Widerstand der Offiziellen, statt ihre Hilfe zu finden. Dieser Widerstand muss die zionistische Arbeit verdoppeln. ^Ticht nur die Organisationen müssen arbeiten. Halten wir uns für uns selbst an den Zangwill'sehen Witz, wonach jeder glaubte, er könne wohl unbemerkt in den vielen Wein Wasser schütten, und der Rabbiner dann ein Fass Wasser erhielt. Für die anderen Juden aber merken wir uns das Elberfelder System der Agitation: Jeder Zionist wählt sich zur nationalen Kleinarbeit einige Personen und bringt sie uns als Genossen und Mitarbeiter. Unser Fleiss gegen die Offiziellen! Dann wird die Neuzeit auch für unser Volk anbrechen. J. U p r i m n y. Judenverfolgungen in Marokko. Wie wir einem hier eingelangten Privatbriefe entnehmen, der uns von einem Freunde unseres Blattes zur Verfügung gesteht wird, fanden in Stat in Marokko Unruhen gegen die dortige jüdische Bevölkerung statt. Während die Juden in der Synagoge waren, überfielen berittene Kabylen die Frauen und minder, plünderten die Behausungen der Juden und führten die Familienmitglieder mit sich fori, nachdem mehrere Juden getötet worden waren. Mehr als 300 Häuser wurden verwüstet und die Einrichtungen der Geschäftslokale zertrümmert. Da diese Zerstörungswut namentlich gegen die ärmere Bevölkerungsklasse sichrichtete,herrscht in Stat fürchterliche Not. Kinder wurden von ihren Eltern getrennt, Frauen wussten nicht, was mit ihren Männern geschah; Männer konnten den Aufenthalt ihrer Fraaen nicht finden. Die Kabylen verlangten nun für die Auslieferung der von ihnen Weggeschleppten ein enormes Lösegeld, das sie zum Teile auch für die mit ihnen gemeinsame Sache machenden Araber benötigen. Stat ist ein grösserer Marktflecken, etwa 50 Kilometer von der Küstenstadt Gasablanca (Dar-el-Beida) entfernt „N. Fr. Pr." Aus Russland. Petersburg. Der Senat hat in seiner jüngsten Sitzung, wie die „Petersburgskija Wjedomostia melden, eine Entscheidung gefällt, welche die Rechte jener Jaden einschränkt, die Kauüeufce ersten Ranges sind und bis jetzt das Recht hatten, in Moskau Immobilien zu erwerben, Handel zu treiben und dort ständigen Aufenthalt zu nehmen. Nach dieser Entscheidung können die in Moskau lebenden jüdischen Kaufleute erster Kategorie künftighin Immobilien und mit Zustimmung der Minister des Innern und der Finanzen und die Zertifikate selbst, welche den Juden das Wohnrecht in Moskau geben, nur durch Zustimmung des Generalgouverneurs von Moskau erwerben. Da die jüngsthin vollzogenen neuen Beschränkungen der Rechte der Juden in Moskau auf die Anregung des Generalgouverneurs von Moskau, Grossfürsten Sergius, zurückzuführen sind, so dürfte es künftighin einem Juden erster Gilde kaum gelingen, das Wohnrecht in Moskau zu erlangen. * * * Jekaterinoslaw. Wie die „Kiewskoje Slowo" meldet, fand unlängst in Jekaterinoslaw ein Kongress der Bezirkshauptleute statt, auf welchem folgende Massnahmen zur Ausweisung der Juden, welche sich widerrechtlich in den Dörfern angesiedelt haben, beschlossen wurden : Die Polizei muss diese Juden zuerst schriftlich verpflichten, binnen zwei Wochen den betreffenden Wohnort zu verlassen, wird aber diese Verpflichtung nicht eingehalten, so hat die Polizei das Recht, die Juden auf dem Schub wege auszuweisen. Juden, welche zu Handelszwecken das flache Land besuchen, müssen eine Erlaubnis des Gouverneurs dazu besitzen, widrigenfalls sie sofort zurückzuweisen sind. * * * Kiew. Wie die „Kiewskaja Gazeta" meldet, hat der Petersburger Senat unlängst die Entscheidung getroffen, dass Juden, welche auf dem flachen Lande vor dem 3. Mai 1882 sich angesiedelt haben, d. h. vor der Publikation des

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