Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 5 (29.1.1904)
- Date
- 1904-01-29
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 16 „bie * weit Nr. 5 und Hessen sich in Cranganore nieder, das damals den Namen Mahodraptna führte. Sie wurden geduldet und ihre kleine Kolonie hat sich, von ihren indischen Nachbarn ebenso isoliert, wie von der übrigen Welt, bis auf unsere Tage erhalten. Da sie die überlieferten Gebräuche ihrer Ahnen unversehrt erhielten, bilden sie gleichsam eine historische Merkwürdigkeit in einem Museum. Matancheri, welches man ganz durchqueren muss, um zu der Niederlassung dieser „weissen Juden4' (wie man sie nennt) zu gelangen, ist ein grosser Marktflecken mit durchwegs eingeborener Bevölkerung, wo alle Gesichter und alle Körper unvermischt bronzefarben sind und alle Läden aus Holz, mit weitgeöffneten Veranden und sehr niedrig im Vergleich zu den grossen biegsamen Palmen, die sie umgeben. Wenn sich nun das Auge auf der langen Fahrt an diese ganz indische Umgebung gewöhnt hat, erscheint plötzlich, ohne Uebergang, an einer Strassenwendung, wie eine Ueberraschung, eine alte, düstere Strasse, beunruhigend, wie etwas, das nicht herenipasst; hohe, steinerne, eng aneinandergedrängte Häuser mit düsteren Fassaden und schmalen Eingängen, wie in den kalten Ländern. Gleichzeitig erscheinen überall jüdische Gesichter, an den Fenstern, an den Türen und in der kleinen, dunklen Strasse. Ihr Erscheinen befremdet ebenso, wie der plötzliche Wechsel der Szenerie. Das altertümlich düstere Aussehen und die Abschliessung der Umgebung gegenüber passen schlecht zu den Palmen der Nachbarschaft und diesem Himmel; bei der plötzlichen Krümmung der Strasse glaubt man nicht mehr in Indien zu sein; man verliert die Orientierung, man weiss nicht, was man denken soll; am ehesten könnte man sich in eine von der Tropensonne durchglühte Ghettoecke in Leyden oder Amsterdam versetzt glauben. Zweifelsohne haben, zur Zeit der ersten Kolonisation, Holländer dieses Viertel nach dem Muster der heimatlichen Häuser gebaut. Man hatte damals noch nicht gelernt, die Bauart dem Klima anzupassen. Später dürften dann die Juden von Cranganore diese von den Holländern verlassenen Häuser bezogen haben. Da sieht man Juden und nur Juden. Ein blosses Judengeschlecht, gebleicht durch Indien und die allzu geschlossenen Häuser. Der zweitausendjährige Aufenthalt in Maiabar hat an dem ursprünglichen Typus nichts geändert, ja, ganz im Widerspruch zu den herrschenden Theorien, nicht einmal die Gesichter gebräunt. Und so begegnet man hier denselben Gestalten, denselben langen Kleidern, wie man sie in Jerusalem oder Tiberias hätte treffen können. Man sieht junge Frauen mit feinen Zügen, und alte, schmächtige mit stark gekrümmten Nasen, Kinder zu weiss und zu rosig, lymphatisch, mit verschmitztem Gesichtsausdruck, mit einer kleinen Schläfenlocke jederseits, so wie sie ihre Brüder aus Chanaan tragen. Die Leute kommen vor die Türe, um den vorbeigehenden Fremden zu sehen, denn Fremde kommen selten nach Matancheri; sie lächeln und sehen gastfreundlich aus, so dass wir wohl in jedem Hause höflich empfangen würden. Es sind kaum einige Hundert von diesen Exilierten geblieben, von denen nach der Ueberlieferung einst 10 000 gekommen waren; in dem Zeitraum von fast 10 000 Jahren haben niederdrückende Wohnungsverhältnisse diese widerstandsfähige Rasse entkräftet. Sic leben, wie es scheint,") von verbotenem Handel und Wucher und wenn sie reich sind, verheimlichen sie es. Der Einladung folgend, trete ich bei zwei oder drei Notabein ein. Ueberall bietet sich derselbe Anblick: Verfall, Unordnung und alte Schränke in Halbdunkel gehüllt und Moderduft; einige alte, an Europa erinnernde Möbelstücke, die von den Holländern stammen dürften, sind ganz wurmstichig; an den Wänden hängen mosaische Bilder mit hebräischen Inschriften. Die Synagoge ~) Pierre Loti sieht, wie auch aus anderen Stellen hervorgeht, mit den Augen eines antisemitisch angehauchten Europäers. Deshalb genügt mm „der Schein4', um ohneweiters die Behauptung aufzustellen: Der Jude ist ein Wucherer. befindet sich am Ende der Strasse. Sie hat ein kleines, melancholisches, von der Hitze und dem Alter ganz rissiges Türmchen. Nachdem wir die erste Türe durchschritten, befinden wir uns in einem Hofe mit starken Mauern, die so hoch sind, wie die eines Gefängnishofes. Das Heiligtum befindet sich in der Mitte. Die 8 Uhr-Morgensonne überschwemmt es mit Licht und der weisse Glanz seines Kalkbewurfes blendet den Blick. Es gibt vielleicht keine andere Synagoge auf der Erde, in der sich eine so altertümliche Ausschmückung, von so unbekanntem Stil, erhalten hätte. Die barbarische Nebeneinanderstellung der von der Zeit gebleichten Farben ist von eigenartigem Reiz: da gibt es grüne, mit fremdartigen Blumen bemalte Türen, einen Fussboden von wunderbarem, blauem Porzellan und milch weisse Mauern. Um das Tabernakel herum herrscht flammendes Rot und Gold. Eine Anzahl zierlicher Säulen und Gitter aus Kupfer umgeben dasselbe. Sie sind im Laufe der Zeit durch die Menschenhände bis zum Spiegeiglanze abgeschliffen worden. Vom Plafond hängen eine Anzahl kristallener Armleuchter herab; sie sind gleichfalls vielfärbig und sehr altertümlich. Sie dürften zur Zeit der ersten Ansiedlungen aus Europa gebracht worden sein. Einige Leute mit fahlem Teint, in langen Gewändern und mit langen Nasen murmeln aus hebräischen Büchern eben ihre Gebete. Sie hören auf, um mich zu empfangen. Ein Rabbi, der das Aussehen eines Hundertjährigen hat, kommt mir greisenhaft zitternd entgegen. Nachdem ich den Luxus der kupfernen Säulen, sowie deren zierliche Arbeit und den ganz ungewöhnlichen Schliff bewundert, lenkt man meine Aufmerksamkeif auf das blaue Porzellanpflaster, das tatsächlich von unschätzbarem Werte ist und so wunderbar, dass man kaum den Fuss darauf zu setzen wagt. Es wurde vor 600 Jahren in China bestellt und mit grossen Kosten auf Schiffen herübergebracht. Schliesslich wird für mich das Tabernakel enthüllt, das ein langer, golddurchwirkter Schleier bedeckt. Hier befinden sich mit Steinen besetzte Tiaren, von einer ebenso primitiven Form, wie die Krone des Königs Salomon. Mit diesen wird bei gewissen Gelegenheiten der hundertjährige Rabbi gekrönt.3) Dort befinden sich auch die heiligen Bücher. Pergamentrollen von unbekanntem Alter, die in schwarzseidene, silberdurchwirkte Behälter eingehüllt sind. Zum Schluss bringt man mir die Reliquie aller Reliquien, ein. unschätzbares Dokument. Es sind, das die Bronzetafeln, auf welchen etwa vier Jahrhunderte nach der Ankunft der Juden in Indien, im Jahre 4139 der Schöpfungsära und 319 christlicher Zeitrechnung, die Rechte und Privilegien aufgezeichnet wurden, die ihnen der Beherrscher von Maiabar verlieh. Der Inhalt der Schriftziige, die auf diese ehrwürdigen Täfelchen eingegraben sind, lautet: Mit Hilfe des Gottes, der die Welt geschaffen und die Könige eingesetzt, verleihen wir, Ravi Vurma, Beherrscher von Maiabar, im 36. Jahre unserer glücklichen Herrschaft, im Tort von Maderecatla zu Crangamore, dem guten Joseph Rabban folgende Rechte: 1. soll er in allen 5 Kasten Proselyten machen dürfen; 2. kann er aller Ehren teilhaftig werden; er darf auf Elephanten und Pferden reiten und an Zeremonien teilnehmen. Er darf seine Titel von Herolden ausrufen lassen, am hellen Tage Licht gebrauchen und allerlei Musik halten. Er darf sich eines Schirmes bedienen und vor seine Türe weisse Teppiche auflegen lassen. Schliesslich darf er, unter einem Prachtbaldachin sitzend, sich Ehrenmärsche aufspielen lassen. Diese Rechte verleihen wir dem Joseph Rabban und zweiundsiebzig jüdischen Besitzern mit ihm. Joseph Rabban soll sein eigenes Volk regieren, das verpflichtet ist, ihm zu gehorchen, ihm und seinen Erben, so lange die Sonne die Erde bescheint. ") Offenbar ist das ein Missverständnis. Mit diesen Kronen werden die Thorarollen gekrönt.