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Die Welt · 1904-01-29 · 5 (29.1.1904) · page 15

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
5 (29.1.1904)
Date
1904-01-29
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Nr. 5 „bis & weit Seite 15 Dichtung des Lebens, aber die Brücke, die diese beiden Gebiete vereinigt ist eine zu zarte und nur für leicht beschwingte Dichterfüsse zu betreten. Um nun vom künstlerischen Teil zum gedanklichen überzugehen, muss man bemerken, dass er nicht besonders reich ist. Dr. Klausner ist vertreten durch die Artikel: „Die konventionelle Lüge", (früher die Ostafrikafrage), „Hebräische Enzyklopädie", „Uscher Ginzberg" (Achad-Haam) und „Oft. N. Bialik". Dr. Klausner ist ein sehr fleissiger und begabter Schrifsteller, man kann ihm aber übermässiga Originalität nicht vorwerfen. Er ist Deuter und Popularisator des Achad-Haamismus. Aber sein russischer Artikel über denselben Gegenstand im „Woschod" war bedeutend besser. Seine Achad-Haambiographie ist sehr interessant. Dr. D. Neumark in seinem Artikel, der einen kaum übersetzbaren Namen trägt, hat vollkommen Recht, wenn er sagt, dass im jüdischen Leben eine gewisse Verwirrung herrecht, ein „emharras des richesses". Zuviel Versuche und keine Resultate .... Sehr interessant, am meisten für den gegenwärtigen Moment, ist der Artikel von M. b. H. Kahan über die Kolonisation Palästinas in den Jahren 1890—91. Es wundert mich nur, dass der Schlusspassus sehr pessimistisch klingt. Es wundert mich nicht die Tatsache selbst, sondern dass auch Kahan, der behäbige und selbstzufriedene Schriftsteller einen solchen Ton anschlägt. Dr. Thon erörtert die eigentlich für jeden denkenden Menschen längst entschiedene Frage über Parteidisziplin. Er spricht die bekannte Wahrheit aus, dass eine Partei nur dann das Recht auf Gehorsam seitens ihrer Anhänger hat, wenn sie nicht ihre Rechtsgrenzen überschreitet, wenn sie nicht despotisch wird. Es ist ja ganzjwahr, aber ist das nicht ein jeder Partei inhärentes Uebel? Das Ideal von Stirn er, eine Vereinigung „freier Männer" würde auch vielleicht in eine despotische, überindividuelle Partei ausarten. Denn das ist das Wesen einer Partei, dass das Individuum der Gesamtheit geopfert wird. Ludvipols Essay über Bernard Lazareist sehr warm und feinfühlig geschrieben. Auch die Essays von „Isch-Iwri" über die Dichter Dolitzki und Dr. S Rubin sind gut, erinnern an ßrainins literarische Essays. Die. beiden Artikel von ßoruchow über „Unsere Literatur" und über den sechsten Kongress sind nicht schlecht, sagen aber nichts Neues . . . Alles in aliem ist das Jahrbuch sehr befriedigend. A. Coralnik. peuilletoi). Heimkehr. Lass dieses Tages Glanz entschweben Und Sterne über unsern Träumen steh'n, Lass uns die Hände still zusammengeben Und geh'n. Und mehr als auf das Rauschen in den Zweigen Hör', wie der Sturm durch unsre Herzen zieht, Wie unsre Seelen sich in Demut neigen Dem Lied, Das wir geahnt in glückeshellen Tagen, Um das die Väter in der Nacht geweint Des Leids . ., Vom Traum zur Tat soll es uns tragen Vereint. Alexander Mercy. Ueber den merkwürdigen Aberglauben der Juden Palästinas hielt Miss Goodrich-Freer einen interessanten Vortrag vor der „Folk Lore Society4' in London. Während ihres Aufenthaltes in Palästina hatte sie reichlich Gelegenheit, die Einheimischen genau zu beobachten. Die Juden, so führte sie aus, haben verschiedene Methoden, den bösen Mächten auszuweichen. Ein Mann, der das Unglück hatte, nicht weniger als sechs Frauen hintereinander zu verlieren, verfiel auf einen sinnreichen Plan, um dem Todesengel zu entgehen. Als er zum siebentenmale heiraten wollte, kaufte er eine Kuh, mit der er die Hochzeitszeremonie durchmachte. Der Vertrag wurde in der richtigen Form aufgesetzt und der Ring dem Tiere auf das Horn gesetzt. Darauf heiratete er sofort die wirkliche Braut, während das unglückliche Tier getötet und das Fleisch unter die Armen verteilt wurde. Das Paar lebte nachher auch stets glücklich. Wenn der Würgengel das Leben eines Juden nimmt, so glaubt man, dass er sein Schwert in dem Wasser von sechs Häusern wäscht; daher muss bei jedem Todesfall jeder Tropfen Wasser in je drei Wohnhäusern rechts und links fortgegossen werden. Das ist eine sehr ernste Sache in einem Lande, wo jeder Liter Wasser seinen bestimmten Geldwert hat. Als im vorigen Jahr Wassermangel Krankheit und Tod im Gefolge hatte, nahm der Brauch die Bedeutung einer wichtigen sozialen Frage an. Die abgeschnittenen Nägel müssen in den Spalten der Wände verborgen oder verbrannt werden; manchmal geben die Jüdinnen ihre abgeschnittenen Nägel oder Haare ihrem Manne in einem Pudding zu essen, damit seine Liebe wächst. Die Nägel müssen auch zu Anfang der Woche abgeschnitten werden, damit sie nicht am Sabbat zu wachsen anfangen. Rührend ist der Brauch, einem verstorbenen Kinde ein Ende Wolle mit den Massen seiner liebsten Spielgefährten mit in den Sarg zu geben. Dadurch soll vermieden werden, dass das Kind sich einsam fühlt und in die Versuchung gerät, sie zu rufen, damit sie ihm in das Jenseits folgen. Bis auf den heutigen Tag verlassen sich die palästinensischen Juden sehr auf die Gegenwart der „Hand der Macht'4, damit sie vor dem gefürchteten bösen Blick bewahrt bleiben. Dieses Amulett wird von Frauen, Männern und Kindern getragen und schmückt ausserdem die Vorderseite fast jedes jüdischen Hauses. Manchmal erscheint es nur, als ob die Hand eines Menschen in blaue Farbe getaucht und auf dem Oberbalken aufgedrückt worden wäre, während es manchmal auch sehr gross und deutlich sichtbar ist. Die Frauen und Mädchen schmücken sich ausnahmslos mit Arm- und Halsbändern, die ganz aus Händen bestehen; dies ist auch die Lieblingsform des jüdischen Trauringes. Wenn möglich, ist die Farbe immer blau. Die Pferde, Kamele und Esel tragen auch blaue Halsbänder, manchmal in Form von Perlenschnüren, manchmal auch kunstvoll gestickte Perlenbänder oder wenigstens einen grossen blauen Zierrat, der vom Halse herabhängt. Die Kinder tragen auf den Köpfen Amulette aus einem Stückchen Alaui;, das in blaues Tuch eingenäht ist. Die Bedeutung des Blau erstreckt sich so weit, dass selbst, wenn einige Körbe in dem christlichen Dorfe Ramallah geflochten werden sollten, einige blaue Perlen sorgfältig eingefügt wurden. Ein ziemlich „gewichtiger" Aberglauben der jüdischen Hausfrau in Jemen besteht in dem Tragen eines Halsbandes, das ihr den. friedlichen Besitz aller ihrer gewöhnlichen Habe sichert. Das Halsband ist eine Sammlung seltsamer Zierrate in Form zweier kleiner Frösche, eines an jedem Ende, zweier kleiner Schuhe, eines Kammes (gewöhnlich aus Holz), eines Kaffeeröstofens, eines Schlosses, eines Hundes, einer Taube, einer Mörserkeule zum Kaffee, eines Hammers, einer Axt, eines Säbels, eines Schlüssels, einer Scheere, eines Hammers für Zeltblöcke, einer Spitzhacke zum Ausroden von Baumwurzeln, eines Kamels, einer Pistole, einer Henne und. einer Kaffeekanne. Anmiete werden auch bei Augenkrankheiten getragen, und zwar grüne bei schweren Fällen und braune bei vorübergehenden Entzündungen. Kinderamulette bestehen aus Alaun in einem zierlichen Netzwerk aus Perlen; sie werden, in gleicher Weise von den Moslims, Christen und Juden Jerusalems getragen. Wenn die vorstehenden Mitteilungen genau den Tatsachen entsprechen, dann muss es mit der Unbildung der palästinensischen Juden sehr schlimm bestellt sein, denn das Judentum verpönt jeglichen Aberglauben. Die Juden in Malabar.1) Aus Pierre Loti: L'Inde (sans les Anglais). Uebersetzt von Dr. Moscovitz. Nach der Zerstörung des zweiten Tempels von Jerusalem im Jahre 3828 der Schöpfungsära und 8 der christlichen Zeitrechnung kamen etwa 10 000 Juden und Jüdinnen nach Malabar *) Als ich vor kurzem las, dass ein französischer Gelehrter mosaischer Konfession eine lange Rede gehalten, durch welche er beweisen wollte, wie wenig die Juden eigentlich miteinander gemein haben, dachte ich daran, dass die Geschichte der Juden von Malabar geeignet sei, manches Argument, das dort gebraucht wurde, zu widerlegen. Denn diese Juden bilden nach den Worten Pierre Lotis gleichsam „eine historische Merkwürdigkeit in einem Museum". Für die Leser der „Welt" wäre es allerdings eine Beleidigung, wollte man ihnen zumuten, dass sie noch besonderer „wissenschaftlicher" Beweise für die gemeinsame Abstammung und für die Zusammengehörigkeit des jüdischen Volkes bedürfen. Doch bietet die Schilderung der Geschichte und des Lebens dieses versprengten Teiles des jüdischen Stammes so viel des Interessanten, dass auch aus diesem Grunde die Mitteilung berechtigt erscheint.

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