Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 5 (29.1.1904)
- Date
- 1904-01-29
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 14 „bie * weit11 Nr. 5 Aus der Wiener jüdischen Toynbee-Halle. XX., Karajangasse 20. Vortragsordnung: Samstag, 30. Jänner. Konzert. Sonntag, 31. Jänner. Dr. Leopold Kahn: Israels Wanderung in der Geschichte. Montag, 1. Februar. Medicus: Moses• Maimonides als Arzt und Forscher. Dienstag, 2. Februar. Diskussion. Mittwoch, 3. Februar. M.ßerkowicz: Hebräische Literatur IV. Donnerstag, 4. Februar. H. Steinschneider: Aus einer Judengemeinde am Beginn des XIX. Jahrhunderts. Freitag, 5. Februar. Dr. Kosenmann. Bibelvortrag. Samstag, 6. Februar. Konzert. Anmeldungen zu Vorträgen wolle man freundlichst an Herrn Dr. Siegmund Werner, IX. Nussdorferstrasse 16, Mitgliedsanmeldungen an Herrn Joh. Krern enezky, IX. Eisengasse 5, richten. Bucherweit. „Achiassaf", illustrierter, literarischer Kalender für das Jahr 1903/4. Unter der Redaktion des Dr. Josef K 1 a u s n e r-Warschau, Verlag Achiassaf 1903. Elfter Jahrgang. TDin rwb /Dn'pan rnsiön nv nn&D spKö — ♦tp^rm ♦KttHNn ,mw nnK rw pmbp *\ov t-t *piyn Ziemlich spät erschien das diesjährige Jahrbuch des Achiassaf. Spät, aber nicht verspätet, sondern aktuell und zeitgemäss. Hat doch das jüdische Leben kein so rasches Tempo, keine so rasende Hast, wie das der übrigen modernen Menschheit. Beinahe dieselben Fragen bewegen seit Generationen die jüdischen Gemüter, dieselben Hoffnungen und Zweifel ringen nach ihrem Ausdruck, und wenn auch die Namen, die Termini sich ändern, das Wesen der Sache bleibt doch dasselbe. Also, wie gesagt, trotzdem das Jahrbuch eine Spätfrucht ist, ist es deshalb nicht auch darnach geartet. Das Jahrbuch an sich ist schon für uns keine Neuheit mehr, und wir brauchen nach den ersten zehn Jahrgängen nicht mehr das Wesen und die Bestimmung des Achiassaf überhaupt zu erklären. Auch die literarischen Formen haben ihre Zeiten, unterliegen wesentlichen Wandlungen. So ist z. B. die Form eines literarischen Jahrbuchs eine ziemlich veraltete. Nur in den Anfängen einer Literatur, wo die literarische Produktion und Konsumtion noch gering sind, hat es seinen Platz. In den modernen europäischen Literaturen, die täglich StÖsse von Büchern auf den Markt werfen, wo der Leserkreis ein ausgedehnter und das Schriftstellerkontingent ein grosses ist, ist diese literarische Form überflüssig geworden. In der hebräischen Literatur aber, die unter beiden Mängeln, dem am Leserpublikum und an literarischen Kräften empfindlich leidet, wo der geistige Verkehr zwischen den einzelnen Literaten kein sehr reger ist, wo sich noch keine gesunde, fördernde literarische Kritik herausgebildet hat, ist ein Jahrbuch sozusagen ein Sammelpunkt aller jungen und strebsamen literarischen Kräfte, ein Tummelplatz und ein Forum zugleich. Und unter diesem Gesichtspunkte betrachtet ist der vorliegende Jahrgang des Achiassaf mehr als befriedigend. Wir vermissen hier die älteren, bewährten Schriftsteller, wir finden dafür eine Fülle von „homines novi", von neuen, aufgehenden Sternen. Und man muss dem Redakteur, Dr. J. Klausner, zu seiner bewussten und gewissenhaften Auswahl, die, ob in allen Punkten gelungen oder nicht, jedoch überall von einem einheitlichen Gedanken durchdrungen ist, Beifall zollen. Und der das Ganze beseelende einheitliche Gedanke war — der Moderne in der hebräischen Literatur, nicht die phrasen- und geckenhaften der ersten Hälfte des jetzigen Dezeniums, sondern der neuen, wahren und künstlerischjüdischen, das Wort zu erteilen. Und ich werde mit dem belletristischen, künstlerischen Teil des Buches beginnen. Unter den vielen kleineren und grösseren Skizzen und Erzählungen ist es schwer, eine eigentliche Erzählung, in der eine dramatische Handlung, ein Stück des Lebens in seiner ganzen Allseitigkeit dargestellt wird zu finden. Wir haben lauter Skizzen, Studien, Impressionen, lauter Torsi und kein abgerundetes, formvollendetes Kunstwerk. Die Ur sache dieser Erscheinung liegt vielleicht im Leben selbst in der jetzigen Zeit, oder in den Schriftstellern selbst, denn schliesslich Ansätze zu einer dramatischen Erzählung haben wir schon in der hebräischen Literatur gehabt Diesem Typus nähert sich am meisten J. Ch. Brenner in seinen zwei Skizzen: „Dort" und „Zweimal11. Dass Brenner nach Bersc hadzki der beste „Romancier" in der hebräischen Literatur zu werden verspricht, sieht man sowohl in seinem Roman im „Haschiloah", „Im Winter", als auch aus den in Rede stehenden Skizzen. Er ist ein feiner Beobachter, wenn auch kein Analytiker, ein Kenner des Milieus, wenn auch nicht der Seele. Die poetischeste und mir persönlich sympathischeste Skizze ist die dichterische Skizze von Salman E p s t e i n : „Die Kindheit,,. Ich weiss nicht ob sie einem westeuropäischen Leser, der einen geschulten literarischen Geschmack hat, gefallen wird. Sie hat eigentlich sehr wenig von einer Erzählung an sich. Es fehlt ihr das Wesentlichste: die dramatische Handlung. Aber wer im Osten geboren und erzogen ist, wer in seiner frühen Kindheit die sagenumwobene, durch und durch poetische Lehre des Judentums, wie sie in den „Chedarim" gelehrt in den „Klausen* selbständig gelernt wird, in sich aufgenommen hat, bei dem erweckt diese Skizze eine mächtige, traurig-süsse Erinnerung an die alten Jahre, die nicht zurückkehren, an die alte Lehre, von der man so weit, so fern ist. Asch und Steinberg stehen diesmal nicht auf ihrer Höhe, am wenigsten der letztere. Asch schrieb eine psychologische Studie «Was liegt ihm d'ran", die im Stile der Erzählungen von Tschechow „Die trüben Menschen" vorgetragen ist, die aber nicht tief durchdacht, nicht künstlerisch durchwärmt ist, Mit einer gewissen eisigen Kälte haucht uns Asch in allen seinen Erzählungen an. Steinberg, der jüdischer ist, als die meisten der neuen Novellisten, wollte diesmal seine eigentliche Sphäre verlassen, wollte sich zu einer höheren Konzeption, der des allgemein menschlichen Kampfes zwischen dem starken, offenen Charaktermenschen und der tartüffischen Umgebung emporschwingen. Dieser sein Versuch „Ein Waisenkadisch" ist ihm jedoch nicht gelungen. Nicht schlecht ist auch die Erzählung von B e n - Z i o n : „Die Frühlingsbrunst% eine sehr poetische Psychologie eines jüdischen Kindes, eines Kindes des Ghettos, mit seinem ganzen, unbewussten, instinktiven Drange zum Lichte, zur Sonne, zum Leben und dem ganzen Ballast der schweren, lähmenden Erbschaft des Volkes. Die Schatten kämpfen mit dem Lichte, die Gespenster mit dem Leben. Und nicht nur dem kleinen Helden der Erzählung Ben-Zions ist dieser unbewusste Kampf eigen ... Die Erzählung von Li p man Lewin „Messias" ist eine sehr gute psychologische Studie, wäre aber viel besser, wenn der Autor auch bewusst diese psychopathischen Seelenvorgänge kennen würde. Die Skizze von Goldfarb aus Palästina ist sehr interessant. Die Erzählungen von Jafe, Gonzar, Ben - Eli es er, Slutzki, Nagel sind mittelmässig. Dagegen die von Tscherni chowsky schlecht. Tschernichowsky ist ein feines dichterisches Talent, hat aber gar keine Beobachtungsgabe. Die reine Lyrik ist im Jahrbuch ziemlich stark vertreten. Das beste Gedicht ist das von Bialik: „Mit der Sonne", das ein sonnendurchwärmtes, mit Herzblut geschriebenes, schwungvoll lyrisches Kampf- und Lebenslied ist. Wie eines der besten Lieder von P e t ö f i klingt es. Per ez hat ein kleines Gedicht geliefert. Eigenartig, trotzig, originell. Es behandelt den Kampf des Dichters gegen das Alter, den Kampf des Geistes mit dem Leib. Und diese subjektive Färbung verleiht dem kleinen, einem Gedichte von Arno, Holz dem Aufbau nach ähnlichen Verse einen besonderen Reiz. Das Gedicht von Tscherni c h o w s ky: „Nähmamsell-Lenchen" ist sehrschön, aber furchtbar unjüdisch. Unjüdisch in dem Sinne, dass der rein jüdische Tonfall, der bei anderen jüdischen Dichtern hörbar ist, hier fehlt. Dagegen vernehmen wir eine jauchzende Lebenslust, eine unbändige Freude am Sein. Eine Stelle in diesem Gedichte erinnert an den bekannten Vers von D e h m el: „Drei Ringe", ist aber nicht so schön und formvollendet ausgedrückt. Das religiösmystische Gedicht von J. Kahn, das von J. K atzen elsohn, Oppenstein, Schneier u. s. w. sind bei weitem keine Perlen.' Das Gedicht von Boruchow its ch ist sprachlich ausgezeichnet. Zeitlin^ der die Mitte zwischen Poesie und Philosophie halten will, ist seiner Aufgabe nicht gewachsen. Zwar ist auch Philosophie eine grosse Dichtung, eine