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Die Welt · 1904-01-29 · 5 (29.1.1904) · page 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
5 (29.1.1904)
Date
1904-01-29
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 „bi* j> W^lt11 Aus einer ungeschriebenen Broschüre. Eine Lebensklugheit aller Spekulanten auf Gefühle — der Frauen und der Politiker — ist das Sprichwort: „Der Weg der Liebe geht durch den Magen." Aus Vergleichen ergibt sich offenkundig ein Nutzen, wenn man dem kommenden Freunde goldene Brücken baut. Die zionistischen Zirkel sind mit geringen Ausnahmen rein politisch. Ihre angestrengte Arbeit fördert nur das Gemeinwohl, niemals das Behagen Einzelner und trägt keiner kurzsichtigen Eigenliebe Rechnung. Wird dieser Egoismus nicht vom jüdischen Gefühle aufgewogen, wie das in Westeuropa der Fall ist, so ist er das stärkste Hindernis unserer Agitation und hält uns wertvolle Elemente in gleichgiltiger Ferne. Es wäre aber die Annahme verfehlt, dass die Juden des Westens politische Pfahlbauern wären, die nur zur Jagd ums Brot im öffentlichen Leben erscheinen und dann wieder unzugänglich in ihren Wohnugen verschwinden. Im Gegenteil; es ist die Zahl ihrer Organisationen Legion, nur dass diese nicht auf unserer, sondern auf vorwiegend egoistischer Grundlage aufgebaut sind. Sie offenbaren zwar den angeborenen idealen Zug der Juden durch ihre Freigebigkeit gegen grosse und kleine Arme und Kranke. Der Hauptsache nach aber dienen sie den Bedürfnissen des Alltags: Sie bieten eine gegenseitige Krankenversicherung, eine ebensolche Hilfskasse, eine Los- und Spargruppe und wiederholte gesellige Feiern. Eine endlose Liste solcher jüdischer Zweckorganisationen beweist, dass die Juden auf;hrer Grundlage leicht zusammenzuscharen und zu halten sind. Diese allgemein gütige Regel hat für alle politische Parteien eine Befehlsform für die Anwerbung geschaffen. Noch keine hat ihre Hauptmacht etwa aus Wählervereinen gezogen, die zur Wahlzeit künstlich belebt wurden, sondern sie sahen die Notwendigkeit ein, ihre Leute eng zusammenzuhalten, um sie mit ihren Ideen zu durchtränken. Dazu gründeten sie Vereine mit allgemeinen Zwecken. Die nationale Kleinarbeit bei den Mitgliedern und geschickte Redner wussten doch herauszubekommen, was die Gründer wollten. Und so haben die Parteien ihr Gängelband um wenige politische und sehr viele Fach- und Hilfsvereine, Radfahr- und Sportklubs, um Synagogenvereine, Krankenkassen und Gewerkschaften geschlungen. Weswegen sollte gerade der Zionismus diese Ausbeutung der Eigenliebe für ideale Zwecke nicht energisch betreiben? Er braucht ja, um zu siegen, nur ein Publikum, das ihn hört. Wenn Nebenzwecke Leute anlocken, bringt es ebensowenig Schaden, als die Vorteile, welche die eigenen Mitglieder aus ihnen ziehen. Ein unbegrenztes Feld von Möglichkeiten, sowohl für bestehende Gruppen, als für neuzugründende, ist hier offen. Jede Organisation wird schon dann zur wirtschaftlichen Macht, wenn sie sich als Kranken- und Hilfskasse konstituiert. Das tat schon vor zwei Jahren ein zionistischer Fach verein rumänischer Schneider, der noch dazu als Konsumverein gemeinsam und dadurch billiger Waren bezog. Diese Anregungen sind aber nur wenige Zeilen aus einer noch ungeschriebenen Broschüre, deren Verfassung unseren Gesellschaftslehrern, den Sozialogen und Nationalökonomen obliegt, und die den Titel führt: „Was können zionistische Gruppen zwecks Vorteils der Bewegung und der eigenen Mitglieder tun?" Zu dieser Broschüre ist bereits ein Kapitel geschrieben worden, grundlegend und von solcher Bedeutung, dass dem Verfasser der allgemeine Beifall sicher ist. Herr Dr. K r e n - b e r g e r, der Obmann des österreichischen L.-K., dieser musterhafte zionistische Arbeiter, ist aber nicht bei der Idee stehen geblieben, sondern hat die hauptsächliche praktische Arbeit bereits geleistet, die unserer Agitation unberechenbare Vorteile bringen kann. Die Grundlage seiner Schöpfung ist der Bildungstrieb der Juden und ihr Ziel ist die Schaffung von materiellem Mitteln für unsere Werbearbeit. Die Absichten jüdischer Väter für ihre unmündigen Söhne zielen bekanntermassen meist auf akademischen Boden hin, und nur die blanke Unmöglichkeit kann diese Pläne durchbrechen. Auf dieser Familienliebe und diesem Ehrgeiz fusst Dr. Krenbergers Plan. Kaum ein Vater wird sich der vernünftigen Forderung widersetzen, seinen Sohn für spätere Fährlichkeiten zu wappnen, indem er ihn materiell ausstattet, und zwar auf Grund einer Studiengelderversicherung, Wir müssen die Vorarbeiten zu dieser Versicherung erwähnen, so wenig sich auch der Initiator ihrer Grösse rühmt, um die Notwendigkeit ihrer äusseren Art zu begründen. Versicherungsmathematiker, von denen man Pläne für eine selbstständige Einrichtung verlangte, veranschlagten das. Grundkapital auf 40 000 K. Von Versicherungsgesellschaften wollten zwar einige diesen Zweig einrichten, sich aber auf niedrige Versicherungen nicht einlassen. Ausländische, die schon auf diesem Gebiete arbeiteten, hatten nur für kleine Gebiete Autorisation. Endlich kam mit der bekannten Versicherangsgesellschaft „Universale'* folgender Vertrag zustande: Das österreichische Landes-Komitee ist die Agentschaft; alle Abschlüssse von Juden erfolgen dort (direkt an die „Universale'4 gerichtete werden an das L.-K. zurückgeleitet); ebendort werden alle Prämien ausgezahlt. Die „Universale" steWt vielsprachige Prospekte auf eigene Kosten her, führt kostenlos die Bücher und rechnet in vierteljährlichen Bilanzen ab. Die Bedingungen der Versicherung sind: 1000 K werden in 5 Jahresraten ä 200 K fällig. Dafür sind durch zehn Jahre wöchentlich 1 K 70 h zu leisten. Nach beendeten Einzahlungen müssen diese acht Jahre lang in der Gesellschaft liegen gelassen werden. Will jemand nach dieser Zeit die 1000 K auf einmal ausbezahlt erhalten, so kann er sie mit Abzug von 4 Prozent erhalten. Der Wert der eigentlichen Versicherung beruht in folgendem: Wenn der Einzahlende im ersten Jahre der Versicherung stirbt, so erhält die Familie die eingezahlten Gelder zurück. Stirbt ersterer im zweiten Jahre, so erhält das versicherte Kind nach der normalen Zeit 500 K, stirbt er im 3. Jahre, 1000 K ohne weitere Nachzahlung. Stirbt das Kind, so sind seine Rechte auf ein anderes übertragbar. Der Abschluss erfolgt ohne ärztliche Untersuchung. Ohne eingehend den Wert dieser Bedingungen zu besprechen, wollen wir uns diesbezüglich an das Urteil unparteiischer Kenner halten, welche sie als günstig bezeichnen. Das Landes-Komitee hat sich materielle Vorteile gewahrt. Durch letztere Tatsache ist eine brennende Frage zu lösen, welche sich Agitationsmittel nennt. Wanderredner, Agitatoren aus der Fremde sind unbedingte Notwendigkeiten. Es ist hier nicht der Raum, auszuführen, was mau leisten könnte, wenn täglich in der Zentrale auch nur ganz wenige Fälle zum Abschluss gelangen. Das L.-K. wird in seinem Kreise gewiss eine intensive Agitation entfalten. Wir wollen nur dringlichst auffordern, dass dem Problem die grösste Aufmerksamkeit zugewendet werde, die zionistische Agitation durch korrekte, wenn auch geschäftsmässige Art in unmessbarer Weise zu fördern. Wir halten dafür, dass dieser Idee von all unseren Organisationen nähergetreten werde und sie auf der ganzen Welt in gedeihliche Wirksamkeit überführt werden könnte. Wir geben hierzu die Adresse des österreichischen L.-K., „Wien, Türkenstrasse 9". Ausser für diese weitumfassenden Pläne arbeitet der verdienstvolle Dr. Krenberger auch in speziellen Einrichtungen, von denen wir einige als allgemein giltige Muster beschreiben wollen. Da ist erstens die Lektionenverm-ittlung der Wiener Studentenschaft, welche alle hauptstädtischen zionistischen Organisationen als wichtiges Anziehungsmittel wertvollen Materials einrichten sollten. Als leitendes Prinzip hat Herr Dr. Krenberger mit pädagogischem Scharfblick richtig erkannt, dass die Misere der bürgerlichen Vermittlungen darauf beruht, dass sie von Leuten geführt werden, denen die Verhältnisse

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