Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 5 (29.1.1904)
- Date
- 1904-01-29
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 5 „bis & weit" Seite 3 Die palästinensische Krise*). Die Krise in den palästinensischen Kolonien, die man schon überwunden zu haben glaubte, scheint von neuem ausbrechen zu wollen. Es hat ein Telegrammaustausch zwischen den Kolonisten und der Administration der Ica stattgefunden, aber weder die Gründe, noch die Bitten der Kolonisten machen in Paris einen Eindruck und die verzweifelten Leute in den Kolonien sind ratlos und wissen nicht, was zu unternehmen sei, um die ihnen drohende Gefahr abzuwenden. Die Ursache dieser plötzlichen Verschlimmerung der Lage der palästinensischen Kolonien ist der Entschluss, den die Ica neuerdings gefasst hat, den Preis der Trauben, die sie den Kolonisten abkauft, weiter herabzudrücken. Um die ganze Tragweite dieses Entschlusses und die unheilvollen Folgen, die er nach sich ziehen könnte zu begreifen, muss man sich daran erinnern, dass die meisten palästinensischen Kolonien ausschliesslich Weinkultur besitzen, und dass die Trauben das einzige Einkommen des Kolonisten liefern. Nun, dieses Einkommen war immer schmal, da die Ica allmählich die Preise der Trauben so herabgedrückt hat, dass der Kolonist vom Ertrag seiner Weinlese kaum leben kann. Auch konnten es nur die Besitzer der grossen Weinberge, die kleineren Kolonisten waren von Anfang an auf ein Einkommen angewiesen, das für die Lebensmittel eines Jahres nicht ausreicht. Die Ica begründet nun diesen ihren unheilvollen Entschluss folgendermassen: Der palästinensische Wein bringt noch keinen Profit ein; wir verlieren vielmehr an jedem Hektoliter, den wir verkaufen. Aus diesem Grunde können wir für die Trauben nicht denselben Preis zahlen, wie im vorigen Jahre. Angesichts der grösseren Weinlese und des daraus folgenden grösseren Verlustes, den wir am Weine haben werden, sehen wir uns gezwungen, den Preis der Trauben herabzudrücken, um nicht die Summe, die wir in unserem Budget zu diesem Zwecke bestimmt haben, zu übersehreiten. Die Argumentation scheint unwiderleglich zu sein. In der Tat, wenn einmal der Wein unter seinem Preise verkauft wird, mit welchem Rechte verlangen dann die Kolonisten von der Ica einen höheren Preis für die Trauben, als den von ihr angebotenen? Sogar der gegenwärtige Preis ist bereits unter dem Marktwerte der angebotenen Ware. Wir wollen aber die Frage sorgfältiger betrachten. Wir wissen, dass der ganze Wein, der in Palästina produziert wird, verkauft wird, und zwar zu Preisen, die gar nicht so schiecht sind, wenn man sie mit dem Preise der Trauben vergleicht. Wir wissen andererseits, dass die deutschen Kolonien in Palästina, die ihren Wein zu gleichem Preise wie die Ica verkaufen, es verstehen, nicht nur den Preis nicht herabzusetzen, sondern ihn sogar zu erhöhen. Und während die Ica für französische Trauben keine 20 Frcs. zahlen will, zahlen die Deutschen in Sarona 30 Pres, und verdienen noch dabei. Wie ist dieser Widerspruch zu erklären? Wenn der Wein einmal Abnehmer findet, wenn die Kolonisten nicht mehr an ihm verdienen als alle anderen Weinbauern in den entsprechenden Ländern, wie ist ein Defizit in der Kassa der Ica entstanden? Aber es genügt, nur über die Vorgänge in Rischon und in Sichron informiert zu sein, um die Ursache dieser Verluste der Ica zu begreifen. Der Preis für die Trauben spielt hier weniger mit. Die schwer ausfüllbare Lücke im Budget *) Aus dem „Echo Sioniste" Nr. 1, 1904. Ohne in dieser Sache ein endgiltiges Urteil abgeben zu wollen, hoffen wir. dass die Publikation genügen wird, um die Ica zur Aufklärung dieser Angelegenheit zu veranlassen. Die Redaktion. wird aber durch die aus der Herstellung des Weines entstehenden Kosten geschaffen. Diese Herstellung geht mit solcher Nachlässigkeit und Verschwendung vor sich, dass, wenn man auch für die Trauben die Hälfte ihres momentanen Preises zahlen würde, auch dann ein Defizit entstünde. Die Weinkellereien werden von einer völlig unfähigen und kleinlichen Administration verwaltet. Jedes Werkzeug, jedes noch so kleine Instrument wird aus Paris oder aus anderen Orten bezogen. Es ist mit enormen Frachtkosten belastet, und hat ausserdem erst nach der Ankunft Reparaturen nötig, die höher zu stehen kommen, als der Gegenstand selbst. Wollen Sie ein Beispiel? Da ist ein sehr typisches: Alle Fässer, die man für den Wein aus dem Keller in Rischon-le-Zion nötig hat, kommen aus Frankreich und kosten 30 Frcs. per Stück, während dasselbe Fass, wenn es im Lande gemacht wird, nicht mehr als 15 Frcs. kostet. Ausserdem langen die Fässer in total ruiniertem Zustande an, und man muss sie reparieren. Nun stiegen die Kosten der Fässer heuer, laut den Daten, die von Jemandem, der in den Geschäften des Kellers in Rischon le-Zion bewandert ist, geliefert wurden, auf 84.000 Frcs. und die Reparaturen kosteten 142.000 Frcs. Diese Zahlen brauchen keinen Kommentar. Dieselbe Erscheinung trifft man überall an. Ueberall eine solche Verschwendung und Schlamperei. Von der Administration selbst reden wir lieber nicht. Zusammengesetzt aus Leuten, die der Kolonisation ganz fremd sind, ist sie schon durch ihre Existenz selbst schädlich, da sie keinen Nutzen bringt und bloss das Budget schwer belastet, da ihr Personal das wirklich nötige um das Zehnfache übertrifft. Unter solchen Bedingungen wird es begreiflich, warum die Herstellung des Weines so sehr verteuert wird. Ein Weinbauer in Frankreich oder in Algier würde es nicht glauben, wenn man ihm erzählte, dass man für die Bereitung eines Hektoliters Wein in Samarine sechzehn Franken ausgeben muss. Dieser Wein wird dann zum Preise von 25 Frcs. bezahlt und nach allen Berechnungen müsste die Administration, um keinen Schaden zu tragen, dem Kolonisten nur 8 Frcs. für die Trauben zahlen. Nun haben die Kolonisten in einer Kolonie in Judäa versucht, selbst ihren Wein herzustellen. Sie verkaufen ihn ebenfalls zu 23 Frcs., wobei ihnen für die Trauben nicht 8 Frcs, übrigbleibt, sondern mehr als doppelt soviel. Nehmen wir ein anderes Beispiel. Der Preis eines Hektoliters Kognak bei der Administration ist 240 Frcs. Die Kolonisten von Chedera haben selbst ihren Kognak fabriziert und verkaufen ihn nun um 140 Frcs., welcher Preis für sie noch sehr vorteilhaft ist. Die Schlussfolgerung ergibt sich von selbst: Die Kolonisten müssen ihren Wein selbst herstellen. Seitdem die Ica in Palästina tätig ist, hat sie viel Gutes geleistet; sie hat sicherlich viel beigetragen zur Verbesserung der Lage der Kolonien des Baron Rothschild. Sie hat sofort begriffen, wo die Wurzel aller Uebel liegt, sie hat begriffen, dass es die Administration ist, die durch ihren verwickelten Mechanismus, ihre chinesische Routine und absolute Unkenntnis der wahren Bedürfnisse des Kolonisten die Arbeit der Kolonisation unmöglich macht. Kaum hat man die Administration abgeschafft, kaum hat man die innere Verwaltung der Kolonien den Kolonisten selbst übertragen, da spürte man sofort eine Besserung und die Kolonien begannen sich frei, normal zu entwickeln, ohne etwas von der Ica zu verlangen und sind aus eigener Kraft so fortgeschritten, wie es sich die Administration nie träumen liess. Möge man nun eine Reform, wie die in der inneren Verwaltung, auch bei Herstellung des Weines, die das einzige Existenzmittel der Kolonisten bildet, durchführen. Möge ihnen die Ica anstatt, der Trauben den bereits fertigen Wein