Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 5 (29.1.1904)
- Date
- 1904-01-29
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 „bis & W^lt1' Nr. 5 tigkeit der antisemitischen „Weltanschauung" überzeugt werden. Und wir sind so verprügelt, dass wir wirklich Individuen unter uns haben, die uns bereits mit den Augen der Antisemiten ansehen. Natürlich sieh selber nicht. Sie sind bereits so Aveit, dass sie selbst jedem Streben nach einer Erlösung aus diesem jammervollen Zustand die erbärmlichsten Motive unterschieben. 'Leider sind sie noch nicht alle aus unserer Mitte ausgestossen. Leider, denn sie bilden eine ewige Ansteckungsgefahr auch für diejenigen, die sich nns dieser Misere zu einer höheren Lebensform erheben wollen. Aber gerade solche Anlässe, wie z. B. Dowlais sollten uns zeigen, dass wir eine Besserung von aussen nicht so bald zu erwarten haben, dass unsere Hoffnung nur auf einer Festigung unserer eigenen Kraft beruhen könne. Daruni müssen gerade solche Angriffe für uns Zionisten ein neuer Ansporn sein, uns mit aller Kraft unserer Arbeit zu widmen. Lernen wir endlich, dass wir einig und fest dastehen müssen, damit uns kein Unglück von aussen her erschüttern könne. Es ist seit dem letzten Kongresse auch in unserem Lager eine Reihe von Missverständnissen zutage getreten, die nicht andauern dürfen. Unsere Feinde sind am Werke, die äusseren und die inneren. Da darf es kein Sehwanken geben. Wir müssen unsere Reihen schliessen. Wer sich nicht unserer Organisation fügen will oder kann, der muss daran gehindert werden, sie zu schädigen. Ob die Aengst Ii eben darüber auch klagen, ob die Männer des ewigen ..Nein" darüber auch entrüstet sind, ob sieh die Schreier imd Schreiber auch die Kehlen wund schreien und die Finger krumm sehreiben, das darf uns nicht stören. Eine feste, unzerstörbare Organisation oder keine! Mit dem Scheine einer solchen, mit billigen Versicherungen, die von den Taten Lügen gestraft werden, ist uns nicht geholfen. Ein gerades Ja oder Xem müssen wir von unseren Gesinnungsgenossen verlangen, eine ehrliche 'Verständigung ohne jeden Hintergedanken mit denen, die irgendwelche Bedenken offen vorbringen wollen. Mit Tüfteleien, mit Auslegungen, mit Erklärungen, die man heute gibt, um sie morgen wieder zurückzuziehen, ist uns nicht gedient. Damit werden wir niemand von der Grösse und Gerechtigkeit unserer Sache überzeugen. 'Unsere Zeit wird kommen, wenn wir ernst und ehrlich all unsere Kräfte einsetzen. Und unsere Gegner? „Bis dahin" — wollen wir ihnen sagen — I „Bis dahin webt mit Fieiss und List Eure Sehlinge ineinander, Wenn der gordische Knoten fertig ist, Schickt Gott den Alexander!"' , Römischer Brief. Rom, den 25. Jänner 1904. Dr. Herzl weilt gegenwärtig in Italien. Unser Präsident, in dessen Begleitung sich Dr. Feiice Ravenna, Mitglied des grossen A.-C. für Italien, befindet, ist in Rom vom König Victor Emanuel in Privataudienz empfangen worden. Nach der königlichen Audienz hatte Dr. Herzl auch mit dem Minister für auswärtige Angelegenheiten, Herrn Tittoni, eine Unterredung. Dr. Herzl wurde auch vom Papst und vom Kardinal-Staats- Sekretär Merry del Val empfangen. Er fand überall die beste Aufnahme. Judenhetzen in England. Der Antisemitismus, der förmliche, krasse Antise* mitismus in allen seinen barbarischen Formen zieht in England ein. Zuerst war es der stille, der schmollende^ der seinen Ausdruck in der Fremden- oder vielmehr judenfeindlichen Bewegung gefunden hat Dann kamen auch Angriffe tätlicher Art. Es gab solche in Irland, in Wales. Der Unterschied zwischen diesen beiden Formen des Antisemitismus ist nicht gross. Nur die Mittel sind verschieden. Aber es ist eben nur der allgemeine Geist des Antisemitismus, gebrochen durch das Milieu. In London nimmt er die .Form einer scheinbar konstitutionellen Bewegung an, im Minen- Wales, wo Armut zu Hause ist, wo die Arbeiter, die ungeschlachter als ihre Londoner Genossen sind, ungebildeter sind, in Irland, dieser wunden Stelle Englands, entwickelt sich der Antisemitismus aus einer theoretischen Speech- und Billbewegung zu einer viel einfacheren Faust- und Krawallbewegung. Es ist eine höchst bezeichnende Tatsache. In Irland haben seit sechs Jahrhunderten die Klagen über die englische Regierung nicht aufgehört. Das System des Grossgrundbesitzes, des Landlordismus, hat das Land erschöpft, seine Bewohner verjagt, sie auf die niederste Kulturstufe herabgedrückt. Bald kannten die Bewohner des grünen Erin die Ursache ihrer Uebel und kämpften dagegen. Die Home-rule-Bewegung, die Feniers sind Zeugen dafür. Nun hat der Geist des Antisemitismus, diese Pest, die am meisten dort wütet, wo der Hunger Koch ist, die Iren ergriffen. Erst neulich hat ein Jesuit, Pater Greagh in Limerick. seinen Pfarrkindern eine Brandrede gegen die Juden gehalten, die sogar die Stöcker- und Püchlerreden übertrifft. Es wurde dort von dir Kreuzigung Jesu, von dem „Ritualmord", von den Verbrechen der jüdischen Rasse gesprochen und die Rede gipfelte in den Rufen: „Tod den Juden, hinaus mit den Juden, jagen wir die Juden weg!" Die Wirkung dieser Worte ist leicht vorzustellen. Und wirklich telegraphiert einige Tage darauf der Rabbiner von Limerick: „Judenkrawalle in der ganzen Stadt, allgemeiner Boykott gegen die Juden. Die Gemeinde in Gefahr. Jedes Mitglied angegriffen/ Was halfen die Proteste von Michael Davitt oder anderer Philanthropen gegen die Rede des Jesuiten? Seine Worte haben in das Herz des armen, fanatischen und gedrückten Irenvolkes Eingang gefunden — es hat einen Sündenbock gefunden — und deshalb „Tod den Juden!" Und die Erscheinung ist nicht vereinzelt. Da telegraphiert man aus Dowlais, dass dort wieder am letzten Montag JudenkrawalJe ausgebrochen sind. Zwei Juden, Mayer Davies und Salomon Gara, sind auf offener Strasse beinahe zu Tode geprügelt worden, der erstere ist gefährlich verletzt. Und das, nachdem der Board of Deputies, der die Politik der „Dispersion" befolgt, 200 jüdische Familien aus Dowlais nach Canada befördert hatte! Was wird der Board wohl jetzt beginnen, wenn auch dieses ihm so beliebte Mittel der „Schadlosmaehung", der Vierteilung des jüdischen Volkes nicht mehr hilft? Und in England grassiert der Antisemitismus! In England! . , . . Judenverfolgungen. Kürzlich lag eine Meldung aus Persien vor, wonach nur die Autorität des russischen Konsuls drohende Judenexzesse verhindern konnte. Vor wenigen Tagen meldete die „Times" aus Tanger, dass in Gasablanca 1200 jüdische Flüchtlinge eingetroffen sind, welche durch Plünderungen maurischer Stämme alles verloren haben,