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Die Welt · 1904-01-29 · 5 (29.1.1904) · page 1

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Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
5 (29.1.1904)
Date
1904-01-29
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Redaktion und Administration : WIEN IX., Türkenstrasse Nr. 9. Telephon 14.199. Erscheint jeden Freitag. Zuschriften sind nicht an einzelne Personen, sondern an die Redaktion oder Administration : Wien, IX., Türkenstrasse 9, zu richten. Unfrankierte Briefe werden nicht angenommen und Manuskripte nicht zurückgesendet. Sprechstunden der Redaktion täglich von!0—1f2\2 Uhr. Preise der Anzeigen : laut aufliegendem Tarif. Der Irseratenteil wird Dienstag xber.ds geschlossen Einzelne Nummern 30 Heller. Rp7liriQnroicO' Oesterreich-Ungarn: ganzjährig Kr. 12.—, halbjährig Kr. 6.—, vierteljährig Kr. 3.—. Für das Ausland: VG£UlJd|JI OIOO- Deutschland ganzjährig Mk. 13.70, halbjährig Mk. 6.85, vierteljährig Mk. 3.45, England ganzjährig Shg. 14.—, halbjährig Shg. 7.—-, vierteljährig Shg. 3.10, Russlaüd ganzjährig R. 7.—, halbjährig R. 3.50, vierteljährig R. 1.75, Schweiz, Frankreich, Italien, Türkei, Rumänien, Bulgarien, Serbien, Griechenland, Aegypten ganzjährig Frcs. 17.—, halbjährig Frcs. 8.50, vierteljährig Frcs. 4,25, Amerika ganzjährig Doli. 3.40, halbjährig Doli. 1.70, vierteljährig Doli. —.85. Nr, 5. Wien, 29. Jänner 1904 — 12. Schebat 5664, 8, Jahrgang. Wir ersuchen unsere geehrten Abonnenten, welche mit der Zahlung des Abonnementsbetrages im Rückstände sind, um rechtzeitige Einzahlung desselben, damit in der Zusendung des Blattes keine Unterbrechung eintrete. Unsere Haupt Vertretung für Russland hat die Buchhandlung „Hazefira" in Warschau, Marianska 2. Die Administration der „Welt". Dowiais W. Wir kennen es bereits. Es ist nicht gar zu lange her, seit wir von seiner Existenz erfuhren. Ein Judenkrawall war es damals, mit dem es sich unsere Beachtung errang. In der Zeit, in der man von sich viel reden machen muss, um gewürdigt zu werden, gar kein sehlechtes Entree in die Oeffentlichkeit. Aber die Lorbeeren haben die wackeren Arbeiter von Dowiais aus ihrer sonstigen stumpfen Ruhe aufgestört. Was ist der Ruhm, wenn er mit dem Tage, der ihn geboren, wieder entschwindet? Und so kam ein kleiner Nachtrag. Nicht eben arg. Es gab nicht einmal Tote! Und das ist ein Masshalten, das den Ruhmbegierigen von Dowiais alle Ehre macht. Ein kleiner, netter Judenkrawall aber war es doch! Dass er wieder inszeniert werden konnte, trotzdem man bereits nach der ersten Attacke auf die Juden den Arbeitern den Willen getan und die lebendige Provokation, die allzuvielen Juden, entfernt hatte, das macht auch diesen Ausbruch bemerkenswert, i Es genügt also nicht, die Allzuvielen zu entfernen. In Dowiais wie anderwärts hat sich nämlich gezeigt, dass der Begriff, den die jüdischen Philanthropen von einer Ueberzahl haben, sich mit dem der nicht jüdischen Mathematiker nicht deckt. Selbst dort, wo grosse Abwanderungen stattfinden, sind die Übrigbleibenden den anderen noch zu viel. Leicht möglich, class es an vielen Orten Leute gibt, die erst dann glauben, der richtige Prozentsatz von Juden sei erreicht, wenn gar kein Jude mehr im Orte ist. Da wird also die jüdische Philanthropie tief und immer tiefer in den Säckel greifen müssen, um die Juden wegzuschaffen und zu verteilen. I Da aber fängt erst recht die Schwierigkeit an. Wie denn, wenn die mit vielem Scharfsinn in alle möglichen Winkel verteilten Juden auch an ihren neuen Wohnsitzen als „zuviele" gelten sollten? Das ist leider keine theoretische Frage. Die jüdische Oeffentlichkeit hat solche Fälle schon öfter erleben müssen. Weiter zerstreuen, immer weiter? Und wenn selbst jeder Familienverband zerrissen würde, ist man dann sicher, den anderen Genüge getan zu haben? Wir haben ja oft gesehen, dass Exzesse gegen die Juden nur an irgend einem Orte vor sich zu gehen brauchten, damit die Juden eines ganzen Bezirkes, eines ganzen Landes bedroht wurden! Es ist wie ein Feuer, das niemals ganz erstickt wird. Der Wind braucht nur irgendwo aufzuspringen, so bricht es aus und wird fortgetragen, immer grösser, unbändiger. Unwillkürlich kommt man auf den Gedanken, ob sich nicht Judenhetzen, Judenverfolgungen, Judenmorde auch, nach den „ewigen, ehernen, grossen Gesetzen" vollziehen, nach denen wir alle „unseres Daseins Kreise vollenden". Gibt es ein Gesetz der Barbarei, wie es ein Gesetz der Kultur gibt? Ein Gesetz des Niederträchtigen, Gemeinen, wie es eines des Guten und Edlen gibt? Man sagt uns immer, dass Barbarei und Niedertracht und Gemeinheit eben charakterisiert seien durch ihre Willkür, ihre Unberechenbarkeit, ihre Inkonsequenz, Muss es denn aber auch wahr sein? Noch sind alle Zusammenhänge nicht aufgedeckt, die es bewirken, dass all diese f urchtbaren Feinde menschlicher Entwicklung gerade so und nicht anders in Erscheinung treten. Für unsere Kulturhistoriker gibt es da noch ein ganz unbebautes Arbeitsfeld und für die Vielschreiber eine neue lockende Aufgabe, an der sie ihre unermüdlichen Federn stumpf schreiben können, ohne zum Ende zu kommen. Allerdings, auch die begründetste Theorie würde uns Juden nicht helfen können, höchstens dem Fatalismus, der bereits so viele jüdische Geister und Herzen erfasst hat, einen wissenschaftlichen oder wenigstens pseudowissenschaftlichen Anstrich geben. Die Antisemiten sind ja da mit einer Art Beispiel vorangegangen. Einige philosophische Köpfe, die durch die nackte Brutalität des Judenhasses sich doch einigermassen geniert, fühlten, haben förnuliebe Systeme ausgearbeitet, um zu beweisen, wie gerechtfertigt der Judenhass sei. Die grosse Masse ist aber dadurch nicht anders geworden. Kaum dass ein paar antisemitische Zeitungsschreiber oder Akademiker damit die schamlosesten Angriffe auf die Juden zu entschuldigen suchten. Uns Juden aber könnte es erst recht egal sein und ist es auch gleichgiltig, ob wir nach einem System oder ohne System mit Fäusten, Eisenstangen und Gewehrkugeln von der Rieh-

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