Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 4 (22.1.1904)
- Date
- 1904-01-22
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 14 „Ol*W$lt" Nr. 4 Um das kolossale Material zu bewältigen, hat sich nun auch eine Gesellschaft zur Forderung der Wissenschaft des Judentums gebildet, die sich die Bearbeitung des ganzen grossen Gebietes jüdischer Wissenschaft zur Aufgabe gemacht hat. Das Wort „Wissenschaft des Judentums" ist nicht von heute, und schon vor mehr als 80 Jahren wollten einige begeisterte, tatenlustige junge Männer durch eine Wissenschaft des Judentums — den Fortschritt unserer Zeit muss auch der Blödeste erkennen — den Hass der Deutschen gegen die Juden aus der Weltschaffen. Musste der Beitritt des famosen Hamburger Tempelvereins, von dem ein Vorstandsmitglied behauptete, in den ausgestopften Kabbinern der zoologischen Museen sei noch mehr Judentum als in einem lebendigen Tempelprediger, die Bestrebungen des Kulturvereincs von vornherein diskreditieren, so empfanden bei seiner bald erfolgten traurigen Auflösung alle, die es ernst und gut mit ihrem Judentum meinten, einen Abscheu vor einer Wissenschaft desselben; besonders wenn sie sahen, wie sein Wortführer und Agitator, der Kechtslehrer Gans, sich ohne weiteres taufen liess, als er in diesem Schritte eine Förderung zwar nicht der Wissenschaft, aber seiner bürgerlichen Laufbahn erblickte.. So kläglich endete dieser Verein, das unreife Produkt nebelhafter und überhasteter Stürmerei. Der einzige, der bei diesem Zusammenbruch nicht wie die anderen Mitbegründer an der Möglichkeit einer Kettung des Judentums verzweifelte, war Zunz. Er fand in der Beschäftigung mit der Wissenschaft Zeit seines Lebens Trost und Halt: Was allein aus diesem Mabul unvergänglich auftaucht, das ist die AVissensohaft des Judentums. Er hat recht behalten, seither hat die Beschäftigung mit ihr ununterbrochen fortgedauert. . Aber selbstverständlich konnten in der darauffolgenden. Zeit bei konservativen Elementen wissenschaftliche Bestrebungen keinen Anklang f inden, wenn G e i g e r, ein .25jähriger junger Mann, eine Zeitschrift für jüdische Theologie gründete, deren ganze Tätigkeit darin gipfelte, das von Mischna und Talmud abhängige Judentum völlig zu vernichten. Sie hat es mit schwindelhafter Geschicklichkeit fertig gebracht, die Rabbiner zu Fredigem und Ffarrern umzusteinpcln; ob sie dabei etwas für die Wissenschaft des Judentums geleistet, ist nicht ausgemacht, da Geiger seine Wissenschaft eben dazu benutzte, das Judentum, das altüberlieferte, vollständig aufzulösen. Dadurch hat er zugleich den Anschein erweckt und das Vorurteil hervorgerufen, als könne die Erhaltung des Judentums nur entgegen uL'd nur auf Kosten des Geistes der Wissenschaft durchgeführt werden. Selbst die hervorragenden Leistungen des mit deutscher Gründlichkeit arbeitenden Zunz konnten dies Vorurteil nicht zerstören, da er, wenn auch nur in zweiter Linie, durch, sie eine Förderung der Ecform bezweckte. Es schien lange Zeit, als ob die Beschäftigung mit der Wissenschaft des Judentums Privileg, sie selbst Eigentum einer religiösen Partei sei . . . Und heute, welch ein Umschwung! Ueberblicken wir jetzt die zum Teil sehr klangvollen Xamen, unter ihnen sogar solche von europäischem Weltruf, die der Grundriss der AYissonsehaft des Judentums aufzählt, so finden wir, dass der vorhin bezeichnete Zwiespalt geschwunden, dass hier Gelehrte aller Pichtungen, Konservative und Keologen sieh zusammengefunden haben, um eine nationale Kulturarbeit zu leisten. A\rieso ist dieses einmütige Zusammenwirken in der .jüngsten Zeit möglich gworden? Die Pflege der Wissenschaft des Judentums beruht auf der Einsicht, dass nur durch Wissenschaft, d. h. durch Vergegenwärtigung unserer Lehre und Geschichte eine Selbsterkenntnis, eine Kenntnis von der Vergangenheit angebahnt werden kann. Diese ist die notwendige Voraussetzung des Selbstbewusstseins, des Selbstvertrauens und der Selbstachtung — ein Parteifanatiker könnte hier den § 3 des Baseler Programms zitieren — die wir erwerben müssen, wenn wir die Achtung anderer erringen wollen. (J> ^ferne ist die AVissenschaft des Judentums auch zionistische :beit, sogar im Sinne der Partei.) So war die Auffassung alter der grossen Gelehrten in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts, und sie muss es in Zukunft bleiben als die allein richtige, ohne dabei die Bedeutung der Kunst und Poesie für die Hebung des Selbstbewusstseins leugnen zu wollen. Das musste hervorgehoben werden, obschon nicht, wie jene geglaubt hatten, die Wissenschaft es vermochte, die zerstreuten Glieder unseres Volkes unter ein grosses Banner zu scharren, das vermochte nur die nationale Idee . Ja, dieselben treibenden Kräfte, derselbe ungestüme Drang, der den Zionismus zu dieser mächtigen Volksbewegung anschwellen liess, er beseelte auch diese Gelehrten und schuf sich, wie der Zionismus, unter ihnen eine Organisation. Auch hier haben sich Brüder, die sich verfeindet hatten, wieder die Hand gereicht, um gemeinsam die Ehre der Mutter wieder herzustellen. Lange genug hatte man es den Fremden überlassen, in unserem eigenen Hause die Herren und Meister zu spielen. Es wirkt nachgerade beschämend, dass man zugesehen hat, wie protestantische AVissenschaft die Bibel und vor allem den Pentateuch in der jüngsten Zeit wie einen Leichnam zerstückelt haben. Eine spätere Generation wird es vielleicht höchst merkwürdig finden, wie man von der so schwankenden Grundlage einer konstruierten Philologie ausgehend, Autorschaften bezweifelt und neue Hypothesen aufgebaut hat, und man wird die Ironie begreifen, dass dieselben Leute, die Verkünder und Kachbeter dieser neuesten Wissenschaft sind, über die dialektischen Höhlengänge und advokatische Kabulistik des Talmud überlegen herniederlächeln. So eine ganz moderne Jcsaiaerklärung ist doch nichts anderes als eine Aufwar mung von Schleiermachers Zielen: Man beschäftigt sich mit der Bibel, um das Volk der Bibel zu verkleinern. Das Verdi cm st der Gesellschaft, auf diesem Gebiet Wandel schaffen zu wollen, mit jüdischem Geist und jüdischer Lielx» das jüdische Schrifttum zu erforschen, kann nicht überschätzt werden. Von dem hier betonten Standpunkt, dass die Gründung der Gesellschaft für die AVisse nschaff des Judentums in sich eine Versöhnung der Gegensätze, in ihren Folgen sogar ein Schritt zur Verwirklichung des zionistischen Program mes bedeutet, kann man es nun wohl begreifen und nicht anders als konsequent finden, wenn der „Israelit" seine Angriffe dagegen richtet. Er spricht in einem anonymen Artikel seinen Acrger darüber unverhohlen aus, dass Gelehrte trotz ihrer konservativen Anschauungen an diesem nationalen Werke sich beteiligen konnten. Er will eben keine Versöhnung, das ist die tiefe Kluft, die ihn vom Zionismus trennt. Aber bei seiner prinzipiellen Bekämpfung der Sache verkeimt das rheinische Zentrumblatt vor allen Dingen, dass die AV i s s e n s c h a f t des J u (1 e n t u m s e s a 1 s 1 e t z t e Inst a n z z u entscheide n h a b e n w i r d, w e n n d i e F rage ü b e r d i e X o t w e n. d i g k e i t u n d d i e G r e n z e n e i n e r berechtig t e n II e f o r m d e r r e 1 i g i ö s - r i - t u e 1 1 e n G e b r ä u c h e i in J u d e n t u m ei n irr a 1 a u f g e w o r f e n w i r d. Freilich, auch das wird der „Israelit4' bekämpfen, und es wird ein h e i s s e r Kampf sein, der bei dem machtvollen Erwachen des Interesses für religiöse Fragen bald hereinbrechen wird. Dass dies der Fall sein wird, beweist schon die f risch-fronim-fröhliche Tonart, die Tonart im „Israelit". Jetzt stellt der „I s r ae 1 i t" als Sieger da; er hat gesiegt, er musste siegen, über ein wasserklares, von Bibel, Mischna und Schulchan-Aruch geläutertes, über ein mit seiner historischen Tradition brechendes Judentum. Ebenso