Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 4 (22.1.1904)
- Date
- 1904-01-22
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 4 9ltikT$ Wegseite 11 Wenn aber das:-Aufgeben der Heimat,; de*«.Eltern, des Glaubens, der sittlichen Gefühle, dessen, was das irdische Dasein allein mit dauernder Lust erfüllt, aus Not oder aus sittlicher Indolenz oder aus moralischer Blindheit oder aus stumpfer Erkenntnis geschieht, wie es beim Mädchenhandel der Fall ist, wo wir von Opferern und Geopferten sprechen können: da ist unser Mitleid am Platze, da kann man nicht genug Worte des Erbarmens und Mitgefühles finden. Da haben wir die. Verhältnisse anzuklagen. Da müssen wir verdoppelt eingreifen, denn es sind geistige und materielle Judennot verknüpft, die eine die Quelle des andern. Nichts kann ärger unser ganzes grosses Elend schildern, .nichts lapidarer verkünden, wie stark wir .gesunken sind, wie tief das ethischeste Kulturvolk der Welt in vielen, seiner Glieder entartet ist, als die Tatsache der Zahlen, dass wir Juden die Majorität stellen, was Opfer und Agenten des Mädchenhandels'betrifft; Und die Ursache ist der geistige Tiefstand, der nicht die verdämmenswerten Quellen eines Gelderwerbs sjeht. Die Hilfe liegt daher in Hebung des geistigen Niveau^, vor allem der Frau, dass. sie Mutterliebe, Schalkhaftigkeit und Familiensinn erhalte, dass sie wie unsere altjüdischen Frauen trauern, wenn ' ihr Kind das Haus verlässt, und es vor Unehre schützen. Nicht kleinliche Mittel sind hier anzuwenden, in grossen Zügen muss hier die zionistische Frau, und nur diese, da nur sie Volksverständnis hat, ihre moralisch geschwächte Schwester-heben und leiten. Nicht nur materielle Hilfe, nicht Abwehr, nicht Polizeimassregeln helfen gründlich, nur Wiederherstellung der jüdischen Familie durch Beispiel, Vorbild, Aneiferung und Belohnung. Materielle Fürsorge bieten in lobenswerter Weise ohnehin schon die „Hilfsvereine", welche Hausindustrien schaffen. Wenn diese nicht überall und stetig der Fabriksarbeit, d. h. der Kooperation von Kapital und Maschinen weichen würden! Wenn auch die Hausindustrien einem Gewerbeinspektor unterständen, der nicht vor Bureauarbeit die Aufsichtspflichten hintansetzte! Aber sowohl in der Hausindustrie wie in der Fabriksarbeit ist Stärkung der Schwachen oder Fürsorgetätigkeit das Ziel des tätigen Bruders oder der tätigen Schwester. Vor allem wirtschaftliche Stärkung durch Vervollkommnung der Arbeitsmittel und Arbeitsmethoden, denn dann folgt auch die erhöhte Bezahlung, So hängt auch hier die wirtschaftliche Seite der Judenfrage mit der Bildungsfrage zusammen, denn beste Arbeiterin ist jene, die am besten vorgebildet ist. Die Hausindustrie, die immer mehr junge Mädchen beschäftigt und den Handel beeinflusst, dem auch sehr, sehr viele unserer Mitschwestern sich widmen, lehrt, dass das jüdische Mädchen zur eigenen Erhaltung oder zu der ihrer Familie selbst durch Arbeit beitragen, dass der jüdische Kleinbürger seine Tochter für Gewerbe und Handel erziehen muss. Die Wohlhabenden aber und die Reichen erziehen ihre Töchter für höhere soziale Schichten, für Offiziere, Professoren, Gutsbesitzer, Parlamentarier, für den Adel. Da ist die Verehelichung nicht nur eine Frage der besten Zukunft, sondern des Titels und. Namens. Es wird für die Tochter der Mann gekauft. Man gibt die Mischehe für die Lösung der .ludenfrage aus, weil sie eingerissen ist und man der Majorität, der man geistig nahesteht, auch sozial nahetreten kann. Dieses Argument brauchte schon die Schwiegertochter von Moses Mendelsohn nach ihrem Abfalle. Um eines solchen Zweckes willen ist hier die Mädchenbildung eine von Glauben und Nation, von religiösem und nationalem Ideale freie, unbeeinflusste. Mit den Worten „Kosmopolitismus" und „Humanität*1 drapiert mau den Indifferentismus gegen jedes Ideal. Dieses erblickt man nur in den gesellschaftlichen Taleinten der jungen Damen. Deren Bildung geht auf Sprachkenntnisse, leichtes Geplauder, Vorliebe für Theaterschönes Essen, schickes Kleiden, Pflege des Körpers, routiniertes Schlittschuh.'aufen, strammes Lawn-Tennis- Spiel, flottes Rudern, pikantes Spazieren, Ballgespräche, Medisieren, Jourtratsch sind die beliebten, fast einzigen Redethemen. Die Zahl absolvierter Bälle wird vermerkt, die Kränze und Sträusse, die man nach Hause gebracht hat, sind, die Ziele des Wetteifers.. Je grösser die Zahl der stets getreuen Begleiter ist, desto höher steht man in der Beurteilung der Mitwelt. Keinem Einsichtigen wird die sorgfältige Pflege des Körpers durch Hygiene, Spiel und Sport Tadel abgewinnen, am wenigsten uns, die wir die Hebung der Rasse wünschen. Auch Lust und Freude seien unserer Jugend reichlich beschieden. Wohl dem., der sich ausleben kann! Mit dieser Betätigung nach aussen, mit dieser Projektion in die Mitwelt müssen aber ideale Zwecke verbunden sein. Sie sind des erhöhten Lebensgefühles wegen, zur Veredlung des eigenen Ichs zu üben. Der vollkommenen geistigen Schönheit soll die innere entsprechen. Die Bildung der jüdischen M.ädchen aber aus der Schichte der Begüterten ist eine einseitige, oberflächliche, des inneren Zweckes entbehrend. Sie gilt nur der äusseren Assimilation. Sie ist frei von jedem höheren Kult. Sie zeigt keine Gesinnung. Und die Folgen dieser Erziehung, die Kinder aus Ehen solcher Mädchen? Während früher der jüdische Schüler an deiri Mittelschulen unter die Besten zählte, sind die jüdischen Mittelschüler jetzt der Majorität nach schlechte Lerner1, undisziplinierte Zöglinge! — -; Aber nicht nur unter den Wohlhabenden, sondern auch unter den jüdischen Arbeitern und Handwerkern der Grossstadt ist die Assimilation stark vorgeschritten. Die zahlreichen Misch-j ehen in diesen Schichten tilgen den Stämmescharakter. Die Jungen und Mädchen tummeln sich gleich ihren nächsten Nach- < barn auf der Strasse. Das Mädchen eilt, die Jahre des-'Unterrichtszwanges zu vollenden, wird dann Lehrmädchen'oder Arbeiterin gleich ihrer christlichen Mitschülerin. Sie beginnt wie diese, dem Vergnügen und Tand zu huldigen. Die Kenntnisse sind gering, der moialische Gehalt ist wenig, Familienideaie hat sie nicht. Sie sucht nur die baldige Gemeinschaft-mit dem Manne. Früher waren" jüdische Findlinge unbekannt. Jetzt steigt deren Zahl von Jahr zu .Jahr! Den Kern des Volkes soll der bürgerliche Mittelstand bilden, zu dem der wackere Arbeiter und Kleinbürger aufsteigen. Für deren Töchter sind die Lyceen, die gymnasialen Mittelschulen, die Lehrerinnenbildungsanstalten und Universitäten geöffnet. Daraus gehen aber nur geschulte Köpfe hervor, manchmal auch gelehrte Frauen, nie ethisch gebildete, nie edle Frauen, wie es das Ziel der Mädchenbildung sein sollte. D r. S. K renb e r g e r. |\us de? Jie\^e<3uo$. Gedenket des Schekels! Voranzeigen. Wien. (Verein jüdischer jugendlicher Arbeiter „Leopoldstadt", Wien, IL, Stephaniestrasse 8.) Sonntag, den 24. d. M. Vereinsabend mit Vortrag des Herrn Dr. Emil Mense. Thema: »Zur Bevölkerungsfrage". Beginn 6 Uhr abends. Wien. (Literarischer Geselligkei tsverein „Moria"). Sonntag den 24. d. M. wird Hr. Prof. Dr. Leon K»e 11 n er, einen Vortrag über das Thema „Aus dem Leben Benjamin Disraelis" halten. Beginn halb 4 Uhr nachm. im Kongress-Saale IX., Türkenstrasse 9. Gäste herzlichst willkommen. Wien. (Einzelverein Fünfhaus des „Z i o n?.) Einladung zu der am Donnerstag den 28. Jänner 1904 in J. Hirsch's Restauration XIV. Schwendergasse 1, stattfindenden grossen öffentlichen Versammlung. Tagesordnung: 1. Architekt O. Marmor ek: „Warum sind nicht alle Juden Zionisten?" 2. Sekretär N. Gross: „Gross¬ oder Kleinkolonisation in Palästina?" Anfang 8 Uhr abds. Elternabende. Wien. Verein Zion „Praterstrasse". Am 28. Jänner 8 Uhr abends, findet im Cafe Orient, IL, Praterstr., der erstt Elternabend statt, der für Eltern schulpflichtiger Kinder von grösstem Interesse ist. Diese werden ersucht, möglichst zahlreich zu. erscheinen. Herr Direktor Weber wird einen einleitenden Vortrag halten. Wien. Die rühmlichst bekannte Konzert-und Oratoriensängerin Fräulein Grete Modiinger, Tochter des verstorbenen hervorragendsten Schriftstellers und Hebraisten Samuel Modiinger, veranstaltet wie alljährlich, Dienstag den 2. Februar im Saale Ehrbar einen Liederabend. Die geschätzte Künstlerin hat folgendes Programm festgestellt: Händel: Rezitativ und Arie aus „Xerxes", Pergolese: Stabat mater, Schubert: Der Kreuzzug, Wiegenlied, Schwager Kronos, Graf Pej a c s e v i c h : Noch schien der Lenz nicht gekommen, Schumann: Ich hab' im Traum geweint, Die Soldatenbraut, Brahms: Ruhe Süssliebchen, Goldmark: Herzeleid, Ober-Kantor Schlesinger; Hoffnung, Chopin: Mädchens Wunsch, Grieg: Solvejgs Lied, B i z e t: Segnediglia aus „Carmen". Die Pianistin Frl. Selma L i b o wi t z hat ihre gefällige Mitwirkung in diesem interessanten Liederabend zugesagt und Herr Fritz Neufeld hat die Begleitung der Gesangspiecen übernommen. Wir empfehlen den zahlreichen Besuch des Publikums zu diesem Konzerte aufs wärmste, zumal die junge Dame als mittellose Waise ganz auf ihre Kunst angewiesen ist. Karten sind zu haben bei der Konzertgeberin II. Wittelsbachstrasse 4 und im Zentral-Karten-Bureau Kehlendorfer I., Krugerstr&sse 5. Wien. Samstag, 23. Jänner, findet im hebräischen Sprechklub „Ivria" die Fortsetzung der Diskussion über das Referat des Herrn Coralnik statt. Anfang.präzise 7 Uhr.