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Die Welt · 1904-01-22 · 4 (22.1.1904) · page 10

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Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
4 (22.1.1904)
Date
1904-01-22
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 10 „bi* # Welt11 Nr." 4 aus; zum grössten Teil gehen sie nach Amerika, viele auch nach Palästina. Zahlreiche Agenten sind hierhergekommen und betreiben einen schwungvollen Handel mit Sc'hiffsbillets. Das Widerwärtigste von allem ist, dass es hier sogar jüdische Geheimagenten gibt, welche in Polizeidiensten stehen und in schnöder Habgier der Behörde die jüdischen Familien denunzieren, welche in ihrer Wohnung Waffen gegen einen etwaigen erneuten Ausbruch von Revolten verbergen. In einigen Städten hat man an solchen Geheimagenten Rache genommen so z. B. in Nishni-Nowgorod und in Pinsk, wo ein solcher jüdischer Polizeispitzel, von 30 Dolchstichen durchbohrt, ausserhalb der Stadt tot aufgefunden wurde. F. S. Ein anderer Brief aus England. Die Lage in England ist beiweitem verschieden von der, wie sie in dem letzten Briefe aus England geschildert wurde. Mr. Greenbergs Kampagne war ein Kampf der Wahrheit gegen die Phantasterei und nicht persönlich. Es wäre sehr traurig für die Zionisten, wenn ein Mann wegen seiner früheren Verdienste freie Hand hätte, nach Belieben die Bewegung zu ruinieren, und dies ist der Fall bei Dr. G a s t e r. Seine Anhänger würdigen und begrüssen selbstverständlich nicht die Aeusserungen von Mr. Qreenberg, der in der männlichtapferen zionistischen Sektion den Mannesmut und das Selbstvertrauen, die die Grundpfeiler einer werdenden Nation bilden, repräsentiert Offene Feinde schaden weniger als falsche Freunde und wir haben schliesslich eingesehen, dass wir, um unser Streben zu verwirklichen, die althebräische Devise annehmen müssen, die da lautet: „Sei kühn und fürchte nicht." Deshalb schlug die öffentliche Meinung in England, .nachdem sie das eigentliche Ziel der sogenannten Anti-Ostafrikaner durchschaut hatte, in eine für Mr. Greenberg günstige Richtung um. Der letzte Beweis ist der vollständige Schiffbruch der geplanten Anti-Herzi - Agitation, die von Charkow aus via Bern in London betrieben wurde. Ihr Agent, Mr. Mossinsohn, wurde in einer speziell einberufenen Versammlung über eine Stunde mit Aufmerksamkeit angehört und hierauf kam eine Resolution, die Charkow rücksichtslos verdammt, und zwar mit einer solchen Majorität, dass der Redner aus den Saal fortrannte und erst später wieder zurückkehrte. Die Versammlung aller Londoner Vereine und ihre Resolution, die Bildung eines Aufsichtskomitees scheinen diese Partei zerschmettert zu haben, da in dem-Momente, wo ich schreibe, der genannte Herr nicht mehr aufzufinden ist und auch in der Provinz die Stimmung vielleicht noch aufgeregter ist als in London. Der Refrain ist jetzt: „Es gibt eine zionistische Bewegung und Dr. Herzl ist ihr Führer." Diejenigen, welche nicht für uns sind, sind gegen uns, und es ist besser für sie und für die Sache, dass sie entfernt werden. Man kann nichts gutes erwarten, wenn die Exekutivmacht geteilt ist, und ein ehrloser Friede ist schlimmer denn Krieg. Alle Vereine haben sich erhoben und wenn sogar manche russische Vereine das ganze Schekelgeld anstatt bloss den grösseren Teil nehmen würden, so würden England und Südafrika die Differenz ausgleichen. Wir erwarten vom A,-C, die Stärkung Dr. He rzls und wenn es seiner Pflicht nicht nachkommt, so gibt es noch eine Appellation an die Wählerschaft, die in Dr. Herzl nicht nur den Staatsmann, sondern auch den wahren Kämpfer sieht, der als unser Vertreter im Kampfe gegen diejenigen steht, welche ihre Anhänger betäuben, indem sre demonstrativ die Fahne von Erez-Israel oder die der Religion schwenken, während sie bloss für ihre eigenen Anschauungen kämpfen. Wir wollen es nicht zulassen, dass das bisschen Geld, das wir haben, auf den Kauf von Boden von Spekulanten und Beamten, die nur auf Bestechung abgerichtet sind, verschwendet werde. Dies ist auch der Inbegriff des Basler Programmes über ein Altneuland; und wie in Gideons Zeiten sind 300 treue und tapfere Männer mehr wert als 1000 Verzagende. England erwartet von jedem, dass er seine Pflicht tue. Wir werden die unsrige tun. „I m p e r a 1 i s t". Zum Attentat auf Dr. Nordau. Paris, 16. Januar 1904. An die verehrliche Re d a k ti o n d er „W e 1 ta. Ich bedauere, dass Sie meiner Bitte um Berichtigung des Artikels in der Nummer 1 der „Welt" über meine angebliche Gegenüberstellung mit L u b a n im Kabinett des Pariser Untersuchungsrichters de Valles nur in der Weise stattgegeben haben, dass Sie feststellen, der Bericht sei „unrichtig1*. Ich habe Ihnen nicht geschrieben, dass der Bericht „unrichtig" sondern dass er, so weit er mich betrifft, vom ersten bis zum letzten Worte frei erfunden ist. Die „Welt" trifft kein Vorwurf, denn sie hat die erfundenen Berichte der Pariser Blätter in gutem Glauben übernommen. Ich aber muss darauf bestehen, dass meine heutige Zuschrift wörtlich abgedruckt wird. Hochachtungsvoll Dr. M. Nordau. Judische Orient-Kolonisations-Gesellschaft". Aus Berlin wird uns mitgeteilt: Hr. Dr. Franz Oppenheimer, der bereits im Sommer sein Amt als Mitglied des Aufsichtsrates der „Jüdischen Orient- Kolonisations-Gesellschaft " niedergelegt hat, erklärte nunmehr auch seinen Austritt aus der Genossenschaft. Die heutige judische Mädchenbildung. Aus einem Vortrage. .... . Nicht den einzelnen Fall, nicht die Ausnahme betrachten wir. Jeder wird Einzelbeispiele bringen können, dass hier eine sehr lobenswerte, dort eine sehr tadelnswerte Erziehung' gegeben wurde. Wir suchen vielmehr nach einem allgemeinen und allgemein giltigen Bilde der heutigen jüdischen Mädchenbilduug, damit jeder seine bekannten Fälle zwanglos darin einreihen kann, dass niemand an seiner Richtigkeit zu zweifeln yermag, niemand uns der Einseitigkeit zeihen darf, und damit wir allgemeine Gesichtspunkte für die Gesundungsbestrebungen und unsere Heilungsforderungen erhalten und alle, denen die Mädchenbildung am Herzen liegt, sich uns in Würdigung unserer Objektivität zu Sanierungszwecken anschliessen. Das ist auch Streben nach gerechter und billige/ Würdigung, das uns eher und stärker die Herzen zuführt als einseitige Klagen oder gar nicht oder schwach begründete Anschuldigungen. — Aus typischen Einzelfällen ergibt sich das Gesamtbild. Typisch aber für die heutige jüdische Mädchenbildung sind die galizisäen Klosteraffären ä la Araten, der Mädchenhandel, die Hausindustrie, die Mischehen, das Gesellschaftsieben der Grossstadt und endlich die Regelung des Mädchenbildungswesens, wie sie in Frankreich (1880), Deutschland (1894) und Oesterreich (1900) geschah. Der Fall Araten und ihm ähnliche Ereignisse lehrten, und Sittenschilderer aus Galizien bestätigen es, dass selbst in sogenannten religiösen Häusern, in denen der Knabe nicht profane Wissenschaft treiben darf, sondern im Cheder den Talmud ab roboten muss, die Mädchen in Klöstern und von Klosterfrauen erzogen werden. Der Knabe hat die Tradition fortzusetzen, das Mädchen Fertigkeiten zu erwerben. Vielleicht beruht diese merkwürdige Antithese auf dem Usus, dass in manchen jüdischen Schichten die Frauen die erwerbenden und ernährenden, die Männer die lehrenden, sinnenden und das religiöse Element bewahrenden Faktoren sind — Handfertigkeiten, Französisch, oberflächliches, vielseitiges Wissen, eine Allgemeingeschicklichkeit ohne ethische Bildung: das sind die Früchte dieser Erziehung. Von allem etwas, keine ethische Basis, keine Konzentration der Gedanken auf ein erhabenes Ziel. Die Mädchen werden erwerbsfähiger, aber ohne Verständnis für die sittlichen Ziele des jüdischen Hauses. Der Beweis für diese Beurteilung liegt in dem Lehrplan, der durch das Gesetz vom 23. Mai 1895 für Galizien festgelegt wurde, der alte Verhältnisse modifizierte. Da ist ein Abweichen von der Sitte des Haüses, den Ueberlieferungen der Familie, den Gefühlen des eigenen Volkes, von allem, was die Anker der sittlichen Beständigkeit ausmacht, selbstverständlich.

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