Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 4 (22.1.1904)
- Date
- 1904-01-22
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Kr. 4 ■W*liV •Seite-9 schiedeneMeinungen über dieWege seinerAusführungen gibt. Wir haben imVor jähre dieFraktionstätigkeit gehabt; dieFraktion konnte lange kein Programm finden. Das Einzige, was man feststellte, war die Notwendigkeit einer Fraktionierung als Entwicklungsstufe der Idee, und das ist richtig. Keine Idee kann auf ihrem ursprünglichein Stande stehen bleiben, ohne Meinungen um sich herum zu erzeugen. Das sind lauter menschliche Dinge. Es wurde: hervorgehoben, dass ein Gegensatz zwischen Ost und West bestände. Ist es denn möglich, dass siclwdie verschiedensten Lebens- und Weltanschauungen nicht geltend machen? Es genügt, dass wir im wesentlichen Punkte übereinstimmen. Und je mehr wir uns auf die praktische Arbeit für unsere Bestrebungen verlegen, desto mehr werden die trennenden Elemente schwinden. Ein Unterschied zwischen Ost und West besteht, nur darf man sich von ihm nicht tragen, lassen. Die Landsmannschaften, ohne derein Existenz wir jetzt; in der Luft schweben würden, dürften aber nicht das Trennende herausarbeiten, sondern das Einigende, was uns näher bringt. Und das eben ist der grundlegende Fehler der Charkower Konferenz, dass sie nicht darauf hingewiesen hat, was sie mit den westlichen Zionisten verbindet, dass sie e i n Ziel haben und Brüder sind, sondern dass sie den Unterschied stark, betont hat. Ein gewisses Gdheim-nis liegt über der ganzen Sache. Man hat hinter geschlossenen Türen verhandelt. Mati kann eine Notwendigkeit hierzu mit den russischen Verhältnissen begründen. Aber dann hätte man den Freunden, den zionistischen Brüdern, die wahren Absichten mitteilen müssen, von denen aber weiter nichts zu uns gedrungen ist,'als die Nachricht von einer leidenschaftlichen Fronde gegen Dr. Herzl. :Herriich wäre es für das jüdische Volk bestellt', wenn es mehrere Herzl hätte, und glücklich kann es sich preisen im Besitze des einen. (Stürm., langanhaltender Beifall.) Er, der von seinen 15 täglichen Arbeitsstunden 10—11 im Dienste des Zionismus verbringt;!;(Beif.) Wenn man uns aber unsere Sine^ren und grossen /Gehälter neidet, sei man gewiss: Wenn andere vorrücken, .die das tun und ausführen können, was geschehen soll, so sind wir gerne bereit, ihnen Platz zu machen. — Redner kommt weiters auf die Unterschiede^ von Gross- und KieinkolonisatiO'n .zu sprechen. Es bedeute dem Leben von Millionen gegenüber nichts, wenn unter ungeheueren Opfern in 40 Jahren 40 000, in 100 Jahren 100 000 Juden in Palästina ansässig gemacht werden. Die einzige Berechtigung habe derzeit die Innenkolonisation, die aus dem Schnorrproletariat Palästinas arbeitsame jüdische Bauern mache. Das wäre gut nicht nur des volkswirtschaftlichen Momentes wegen, sondern auch wegen des moralischen Eindruckes, den die Juden in ihrem alten Heimatlande auf die zahllosen Touristen aller Länder machen sollten. Redner bittet schliesslich, ungereizt abzuwarten, ob die schlechten Nachrichten aus Charkow nicht doch schliesslich sich als harmloser herausstellen als sie scheinen,, was er im Interesse unserer Einigkeit und Disziplin lebhaft wünsche, und schliesst unter grossem Beifall. phil. Fr an kl, Obmann des Verbandes der schlagenden Verbindungen, ruft die Studentenschaft auf ihren Posten als Verteidiger der Disziplin. Er erzählt, dass Dr. Rosenbaum-Minsk bei seinem Wiener Aufenthalte ihm mit Handschlag zusicherte, nicht öffentlich zu reden, es aber dann doch tat. (Entrüstungsrufe.) Der nächste Redner bringt aus dem politischen Leben Englands praktische Beispiele einer gesunden Opposition. Eine solche sei Wünschenwert. Ist man mit der gegenwärtigen Majorität nicht einverstanden, sosucht man sie zu belehren und offen zu besiegen. So tat es Chamberlain, der aus dem Ministerium austrat und im Lande agitierte, um seinen Ansichten eine Majorität zu verschaffen. So hätten es die Russen auch tun und sich eine Kongressmajorität schaffen müssen, statt dessen suchen sie das allgemeine Vertrauen zur Leitung zu schwächen, das Vertrauen, das der mächtigste Trieb zur Arbeit sei. Die anderen Zionisten müssen versuchen, mit ihrem Votum.diesen Ausfall wettzumachen. (Beif.) Hierauf nimmt der Präsident der Wiener Rosenbaum- Versammlung das Wort und erklärt, Herr Rosenbaum habe sein Wort nicht gebrochen, da er über Drängen der Versammlung eine kurze Rede (sie dauerte bloss eine Stunde. Anm. d. Red.) und kein Referat gehalten habe. Dieser Versuch einer Entschuldigung stösst mangels jeder logischen Begründung auf den einstimmigen Widerspruch der Versammlung. Jur. Jos. Meisel hielt eine Rede für die Charkower Konferenz, deren Inhalt durch tatsächliche Berichtigungen vollständig aufgehoben wurde. In einem schwungvollen Schlussworte sagte Dr. J. W. M a r m o r e k : Man hat davon gesprochen, dass der Zionismus nicht auf zwei Augen allein stehen dürfe. Nachfolger aber für einen politischen Führer können nicht gewählt werden. Ihr Wert muss so augenfällig sein, dass alles sagt: Der und kein anderer! Aber wozu eine Suche, wo doch Dr. Herzl so viele Kolossalbeweise seines kräftigen Lebens gibt? Und doch wirft man Steine auf ihn eines Projektes wegen, über das die Meinung des Volkes noe^ gar nicht eingeholt war. Und .die Tatsache ist mehr als' interessant, dass in letzter .Zeit drei bessarabische Juden in Mpmbassa auftauchten, die sich um. die Ansiediungsfähigkeit Ostafrikas eingehend erkundigten. Dazu stand der Streit um das Projekt immer im Zeichen der. Worte unseres Führers, da&s unser Blick von Zion nicht weiche. Allerdings wollen wir^nichi;-''in deiner durch Blamagen und Heimlichkeit berüchtigten Kieirik'ölonisation arbeiten, sondern modern grosskolönisatori&h, alle Quellen des Bodens und des Lebens zum Wohle des Volksganzen, nicht unbedeutender Teile erschliessen. Redner betont, nochmals seine Anregung auf Auflassung der Landsmannschaften. (BeifalL) Eine geg£n die Charkower gerichtete Resolution wird fast einstimmig angenommen und wird in der „Welt" erscheinen. *• * * Der Verband der schlagenden Verbindungen Wiens hielt Montag eine interne Vollversammlung ab, in welcher nebst vielem anderen auch ein Protest gegen die Charkower Konferenz beschlossen wurde. Dieser wird in der Reihe der in der „Welt" veröffentlichten Proteste erscheinen. y- Homeler Brief. Wer die vier letzten Monate in Hornel gelebt hat, der hat gewiss, mag er noch so riesenstarke Nerven besitzen, einen guten Teil seiner Gesundheit dahingehen müssen, denn natürlich haben die Schreckenstage des September und die seitdem nicht endenwollenden Ankündigungen von Judenmetzeleien bei niemandem, auch dem Stärksten nicht, ihre Wirkung auf das Nervensystem verfehlt. Man irrt ganz und gar, wenn man etwa glaubt, dass die bekannten Kischenewer Gerichtsverhandlungen unsere Bevölkerung einschüchterten, und dass die so langersehnte Ruhe endlich wiederhergestellt sei. Im Gegenteil, wir leben jetzt hier wie auf einem Vulkan, dessen unterirdisches Donnern und Rollen einen baldigen erneuten Ausbruch von Unruhen stes vorahnen lassen. Das Verhältnis zwischen Juden und Christen ist ein derartig feindseliges geworden, dass man sogar aufgehört hat, sich auf der Strasse zu begrüssen oder bei etwaigen notwendigen Zusammenkünften die Hand zu reichen. Und dadurch bringt der Russe seine tiefste Verachtung zum Arsdruck. Jeden Montag, allwöchentlich, wird ein neuer Krawall angekündigt, ganz nach berühmtem Septembermuster. Gleichzeitig aber mit der recht angenehmen Drohung, dass das Septembecprogramm nur ein Kinderspiel, „ein kleines Vorpostengefacht" gegen das jetzt Kommende gewesen sei: „Jetzt würden die Herren der Situation auch nicht einen einzigen Juden am Leben lassen!" Wenn auch die hiesigen Juden solche Androhungen natürlich nicht gar zu ernst nehmen, so spielt sich doch hier genug ab, was ihre Lage recht beklagenswert erscheinen lässt. Geradezu entsetzlich wirken namentlich die fortwährenden nächtlichen Haussuchungen nach Waffen bei der jüdischen „Intelligenz". Man musses miterlebt haben, um sich nur annähernd einen Begriff davon machen zu können. Nachts um 2 Uhr wird plötzlich ein Haus von einer Abteilung Militär umstellt. Es wird mächtig an der Glocke gerissen, und ein Dutzend Gorodowois (Schutzleute) mit einem Nadsiratel (Polizeiunterleutnant) treten dem Oeffnenden entgegen. Man fordert den Hausherrn in barschem Tone auf, sich gegen die beabsichtigte Haussuchung nur ja passiv zu verhalten. Den Frauen und Mädchen wird befohlen, in ihren Betten zu bleiben; während sie dann von je zwei Gorodowois bewacht werden, stellen Polizeiweiber ohne jegliche Zeremonie eine Untersuchung an ihnen an, die so gründlich ist, dass sogar die Matratzen aufs sorgfältigste in Augenschein genommen werden. Darauf wird unter dem Kommando des Nadsiratel das Mobiliar bis in die winzigsten Schubfächer untersucht und Bücher und Papiere in Kisten gepackt, um am nächsten Tage in Ruhe von der Polizei gesichtet werden zu können. Schliesslich werden die vielen aufgerissenen Schränke und Tische nach „doppeltem Boden" untersucht. Wenn man nun in dieser Weise drei volle Stunden in der Wohnung gehaust hat, gibt der Nadsiratel das Zeichen zum Abrücken, den Hausherrn mit einigen nichtssagenden Worten formell um Entschuldigung bittend. Wie wirken aber nun solche Haussuchungen auf die jüdischen Frauen und Mädchen? Sie erkranken nicht selten infolge der Aufregung und der ausgestandenen Unbilden, lebensgefährlich oder tragen eine unheilbare Erschütterung des Nervensystems davon. Dass bei solchen. Verhältnissen jeder Handel und Wandel ins Stocken gerät, ist leicht erklärlich; denn natürlich traut sich aus Furcht vor den mit so grellen Farben an die Wand gemalten Schrecknissen niemand aus der;Umgebung* in die Stadt zu kommen. Wer es nur irgend ermögiiqhen kann, kehrt-.Hornel für immer den Rücken. Täglich wandern Dutzende von Juden