Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 4 (22.1.1904)
- Date
- 1904-01-22
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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S. itc 8 lfbie & W^it'1 Nr. 4 der Zionismus stellt das jüdische Gefühl hoch über die .Einflüsse der Umgebung, die sich in teilweise gemeinsamer Geschichte, in Sprache und Bildung äussern. Diese Begründung des Zionismus macht die Verwandtschaft russischer und deutscher Juden grösser als die Verwandtschaft russischer Juden und Nichtjuden, und muss im Zionismus von der Theorie energisch in Praxis übersetzt werden. Dann werden auch die Agitationen entfallen, deren Zeugen wir letzthin waren. Wir haben gesehen, dass sich die Agitation gegen das Uganda- Projekt nicht nur gegen letzteres wandte, weil es falsch und schädlich sei, sondern man sagte: „Was Euch gefällt, ist nicht massgebend. Den russischen Zionisten gefällt es nicht, und deshalb muss es fallen." Die Charkower Konferenz hat es gewagt zu sagen, dass der Beschluss einer Kongressmajorität nicht ausgeführt werden darf. Es kommen eben aus Russland Leute zum Kongress, nicht mit der Absicht, Meinungen auszutauschen, sondern mit einer Parole: So muss es sein, so ist es in Minsk beschlossen worden u. s. w.; ohne Unterscheidu ig nach Ländern hätte es nie so weit kommen können. Ich halte also eine Trennung nach Landsmannschaften für das grösste Uebel. Ihr gegenüber ist die Einteilung nach Fraktionen ein geradezu idealer Zustand. Jede Fraktion bezeichnet ein Entwicklungsstadium im Zionismus. Es ist nicht möglich, so und so viele denkende und strebende Köpfe unter einer Meinung zu halten. Meinungsverschiedenheiten sind unausbleiblich; die Arbeit wird geteilt in eine politische und eine kulturelle. Mein seinerzeitiger Kampf gegen die Fraktion bezweckte, dass man derartige Fragen nicht vor den Kongress bringe. Ich habe gesagt, dass ich die Aufgaben den Fraktionen mit Vergnügen verfolge, doch dürfe man die praktischen Arbeiten des Kongresses nicht stören. Die Fraktion steht gegenüber der Landsmannschaft auf richtigem Boden. In der Einteilung nach letzteren sehe ich allein eine Krisis im Zionismus. Während die frühere Situation des Zionismus ihm nur Gefährdung durch äussere Feinde brachte, erfolgt diese jetzt durch jene zionistischen Schädlinge, die unsere Organisation antasten. UnsereOrganisation gipfelt in zweiPunkten: ImA.-C, dessen grosse Bedeutung vor allern darin liegt, dass der anerkannte Schöpfer und Führer des Zionismus ihm angehört und in dem Kongresse. Wenn der Kongress nicht mehr die oberste Instanz im Zionismus ist, wenn er paralysiert wird durch die Landsmannschaften, dann ist eine Desorganisation eingetreten, dann hat der innerhalb der alten Grenzen, lebende nationale Jude den Sieg davongetragen über den politischen Zionismus. Wenn fortdauernd der Unterschied zwischen Ost und West wird hervorgehoben werden, so ist das die Zerstörung jener Brücke, die geschaffen war. dass auf ihr das ganze Judentum sich organisiere. Die politische Entwicklung im Westen, der Liberalismus, hat dem Judentum gerade die besten und wertvollsten Elemente geraubt. Harte Arbeit hat uns einen Teil davon wieder zurückerobert. Wenn beleidigender Argwohn und Terrorismus sie wieder zurückstösst, so. ist das ein beklagenswerter Ver'ust. Wir müssen suchen, ihn hintanzuhalten. (Lebh. Beif.) med. Lichten dorf schildert objektiv die Eindrücke des Referates Dr. Rosenbaums, das dieser über die Charkower Konferenz in Wien hielt. Er stellte die Rede als offenbare Verschleierung von Tatsachen hin, die voll Widersprüchen war und brachte reiche Belege dafür. Dr. Rosen bäum bestritt z. B. anfänglich die Tatsache eines an Dr. fierzl gerichteten Ultimatums, g.ab sie aber am Schlüsse zu. So verfuhr er mit allen aus der ,,Welt4 bekannten Beschlüssen. Zum Schlüsse verkündete der Referent den einmütigen Protest der rumänischen Studenten gegen die Versuche, den politischem Zionismus zu Forderungen für eine aussichtslose Kleinkolonisation und derzeit unerschwingliche kulturelle Bestrebungen herabzudrücken. Der auftauchenden Anarchie gegenüber stimmen die rumänischen Studenten dem in der „Welt" enthaltenen, entschlossenen Proteste von Dr. Moscovitz aus Braila zu. (Beif.) Als erster Redner in der Debatte ergreift N. Gross das Wort, der; aus seinen Erfahrungen die kläglichen Erfolge der alten Chowewe Zion. erzählt, auf deren Programm die Charkower Konferenz angeblich zurückgegriffen hat. Durch -Misserfolge waren die Chowewe Zion vor dem Auftreten des Zionismus fast eingeschlafen bis dessen Agitation nationalen Geist und den Chowewes neue Mittel brachte. Schlimm genug; denn mit ihrem neuen Wirken haben sie den Boden Palästinas schwer verteuert. Es ist unmöglich, den politischen Zionismus auf die kläglichen Wege und zu den kläglichen Zielen der Ch. Z. zu bringen. Hierauf betritt unter allgemeiner Akklamation Herr Architekt MLa r morek das Podium, der in dieser und einer im Verlauf der Debatte gehaltenen zweiten Rede folgendes ausführt: Es ist hier die Frage aufgeworfen worden, warum denn die Ausführungen des Herrn Rechtsanwalts Rosenbaum in der Versammlung der russischen Studenten unwidersprochen geblieben seien. Nun, da muss ich Ihnen zu meinem Bedauern die Umstände mitteilen, unter welchen das Referat des Herrn Rosenbaum sich abgespielt hat. Vor dieser Versammlung fand eine Sitzung des engeren A.-C. statt, der die Herren Belkowsky und Rosenbautn als Gäste beigewohnt hatten. Am Schlüsse der Sitzung erklärte Herr Rosenbaum, er habe sich entschlossen, seine Rede nicht zu halten, und gab auch dem im Kongressbureau anwesenden Studenten Frankl Handschlag und Wort, dass er nicht sprechen werde. Daraufhin bin ich und mit mir gewiss viele andere, die zur Versammlung zu gehen die Absicht hatten, nicht hingegegangen, Herr Rosenbaum hat sich aber in der Versammlung erweichen lassen und hat, uneingedenk seines Wortes, doch ein sehr der Korrektur bedürftiges Referat gehalten. Charakteristisch für die ganze Kampfesweise und den schon zum geflügelten Worte gewordenen „Charkower Geist" ist es, dass er mit einer Ableugnung alles dessen, was über die heimliche Charkower Konferenz bisher in die Oeffentlichkeit gedrungen ist, begann, um im Verlaufe der Rede alles wieder zuzugestehen. Während es der Stolz und die starke Seite des Zionismus ist, das alles, was wir bisher getan haben, offen und frei vor aller Welt erfolgte, ist es sonderbar, dass wir im A.-C. und ebenso die öffentliche Meinung bis heute über die Vorgänge und Beschlüsse von Charkow nur ungenau und durcii durchsickernde Gerüchte informiert sind. Als die Herren von Charkow Privatunterredungen mit Dr. Herzl und den Mitgliedern des A.-C. hatten, haben, sie ihnen auch nicht etwa die vollen Beschlüsse mitgeteilt, sondern nur negativ auf alle Fragen geantwortet. Herr Dr. Scheinkin stellt ja in der letzten Nummer der „Welt" direkt die Behauptung auf, dass das, was in CharkoAV beschlossen wurde, eigentlich nichts Auffallendes oder Kongresswidriges sei. Wenn die Publikation in der „Hazefirah" genau ist, können Sie ja die Stichhältigkeit der Behauptung des Dr. Scheinkin selbst beurteilen. Und. dass man in der Taktik entgegen den bisherigen Prinzipien des Zionismus Heimlichkeit und Sophistik gesetzt hat, zeigt sich in allem, im Grossen und Kleinen. Für Palästina will man wieder das System der Infiltration zur Herrschaft bringen, jenes höchst gefährliche und dem Geiste und Wesen des politischen Zionismus so ganz und gar zuwiderlaufende System des Einschleichens und des Bakschisch. Aber wenn man. die Beschlüsse von Charkow liest, kommt man zu der einen Ueberzeugung: Nicht Uganda und' nicht Palästina sind, die obersten. Beratungsgegenstände in Charkow gewesen, sondern es war ein Ausbruch des ewigen russischen Misstrauens gegen die Westler, und von auf Klatsch und Tratsch hin ohne jeden Schein eines Grundes und Beweises vorgebrachten Verdächtigungen und Verleumdungen gegen das ganze A.-C. und. gegen den Führer, der wenigstens das eine um das jüdische Volk verdient hätte, dass solche Verleumdungen an ihn sich niemals hätten heranwagen dürfen und können. (St. Beifall.) Diese Verdächtigungen gehen von Personen aus, die unzweifelhaft die Gelegenheit hatten, an der Quelle die Wahrheit dieses Klatsches und Tratsches zu prüfen und die die Verpflichtung haben, wenn, sie etwas am Herzen haben, dies an den kompetentesten Stellen, in den Sitzungen des grossen A.-C. oder auf dem Kongress vorzubringen. Aber es geht nicht an, dass einzelne Kongressmitglieder sich über den ganzen Kongress stellen, dessen rechtsgiltig mit Majorität zustande gekommenen Beschlüsse einfach wegdekretieren und so die Anarchie in unsere Bewegung einführen, welche unbedingt und sicher die Sprengung unserer mühsam geschaffenen Organisation bewirken muss. (Lebh. Zustimmung.) Äeussere Feinde können dem Zionismus nichts anhaben — im Gegenteil, sie haben ihn stets befestigt — Disziplinwidrigkeit aber und Uneinigkeit würden, den Zionismus in kürzester Zeit zugrunde richten, wie sie immer, noch zur Zeit der Selbstständigkeit das Judentum zugrunde gerichtet haben. Der Zionismus wird nur dann bestehen, wenn der Kongress seine einzige, seine oberste Autorität bleiben wird. (Lebh. Beif.) Starken. Beifall fand auch Herr Dr. Leopold Kahn, dessen, geistreichen Ausführungen wir folgendes entnehmen: Es scheint eine allgemeine Furcht eingetreten zu sein, es könnte unsere Organisation gestört werden; und es gereicht den meisten russischen Zionisten zur Ehre, dass sie sofort an die Verteidigung derselben geschritten sind. Nun aber bin ich von Geburt aus ein östlicher Jude und besitze alle Eigenschaften des Ghetto. Ich bin Optimist — ich glaube an das Ganze gar nicht. Unzufriedenheit hat sich in der Bewegung stets geltend gemacht und das ist bei der Zerstreuung der Juden und ihren verschiedenen Bedürfnissen nicht anders möglich. Es ist ja geradezu ein Wunder, dass wir einen Brennpunkt gefunden haben, in welchem alle Juden zusammenstimmen, einen Satz, an dem wir alle festhalten. Der russische Jude, der britische, der deutsche, der Spaeniole — welche Gegensätze! — stehen sich gegenüber und. gleichwohl hat man ein Programm festgestellt und sie alle stimmen in diesem überein. Es ist klar, dass es ver-