Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 4 (22.1.1904)
- Date
- 1904-01-22
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3315709-3316073-3316078--45381-3340186- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 4 „bie * w$it" Seite 7 rend die Juden an den ähnlichen christlichen Legaten nur in verschwindend kleinem Masse partizipieren. Andererseits aber ist die jüdische Armut und die Verelendung der Juden hauptsächlich auf das Konto der Drangsalierungen und Zurücksetzungen zu setzen, denen die Jud.en allenthalben ausgesetzt sind, wie denn auch die wirtschaftliche Lage der Juden in den verschiedenen Ländern das Spiegelbild ihrer sozialen Stellung daselbst abgeben kann. Unter solchen Umständen wäre es nicht, mehr als billig, wenn man sich von nichtjüdischer Seite bestreben würde, das den Juden zugefügte Unrecht und die aus dieser Ungerechtigkeit resultierende Armut des jüdischen. Volkes durch Institutionen, die auch den Juden zugute kommen sollen, einigermassen wett zu machen.; Aber keine Spur davon. Dem Juden, der in den meisten Ländern in seinen Erwerbszweigen beschränkt ist, dazu noch die nicht unerheblichen Lasten seiner konfessionellen Institutionen trägt, wird nicht nur zugemutet, für seine Armen ausschliesslich selbst zu sorgen, sondern man nimmt auch die Opfer, die er der allgemeinen Wohlfahrt bringt, mit einer gewissen Selbstverständlichkeit entgegen, die den Gedanken der Vergeltung mit gleicher Wohltat gar nicht aufkommen lässt. , Zieht man nun all dies in Betracht, so mliss es nicht nur als wünschenswert, sondern auch als dringend geboten erachtet werden, dass die jüdische. Wohltätigkeit in grösserem Perzentsatze, als bis jetzt, spezifisch jüdischen Zwecken dienen möge. Man halte uns nicht entgegen, dass ja beinahe alle grösseren jüdischen Gemeinden mit allen möglichen humanitären Anstalten versehen, also nicht mehr so sehr auf neue Zuwendungen angewiesen sind. Hier muss bdacht werden, dass die meisten jüdischen Wohltätigkeitsanstalten nicht mehr allen Anforderungen, die an sie gestellt werden, genügen können und dass sich die Notwendigkeit der Errichtung von parallelen Wohltätigkeitsanstalten immer mehr fühlbar macht. Und dass es in dieser Beziehung besser wird, ist bei dem immer wachsenden Zuzug der ärmeren jüdischen Elemente in die Städte nicht zu gewärtigen. Will aber der jüdische Philanthrop den Genuss seiner Wohltaten auch weiteren Kreisen zugänglich machen, so ist er noch immer nicht genötigt^ das jüdische Gebiet zu verlassen, so bietet sich ihm auch hier ein weites Feld für seine humanitären Bestrebungen. Wir verweisen hier nur auf die sechs Millionen Juden in den östlichen Ländern, denen der Kampf iim's Dasein nicht nur erschwert wird, sondern die erst kämpfen müssen, um sich an dem Kampfe ums Dasein beteiligen zu dürfen. Hier ist noch ein weites Gebiet für jüdischen Wohltätigkeitssinn; hier heisst es nicht nur „bis dat, qui cito dat", sondern ganz einfach „bis dat, qui dat". Hier kann jede Hilfeleistung doppelt angerechnet werden, denn nicht nur lindert sie die materielle Not, sie ist vielmehr auch in moralisch-religiöser Beziehung von hoher Bedeutung, indem man durch diese Hilfeleistung diesen Unglücklichen das Judentum, um dessentwillen sie ja doch nur zu leiden haben, erträglich macht. Und hier kann auch der talmudische Ausspruch keine Anwendung finden „anije ireho kodmin l'anije ir aeheres", „dass die Armen deiner Stadt, deine Armen den Fremden vorangehen"; hier hebt das Märtyrertum dieser Juden für unser Judentum nicht nur den räumlichen Unterschied auf, sondern es stellt diese Märtyrer bezüglich der Zdokoh-Würdigkeit an erste Stelle. Hier harrt noch des jüdischen Wohltätigkeits- und Solidaritätsgefühles eine sehr schwere Aufgabe und es kann nicht genug darauf hingewiesen werden, dass der Schwerpunkt jüdischer Hilfsarbeit dahin verlegt werde. Zum Schlüsse soll auch auf ein Gebiet hingewiesen werden, dass der jüdischen Wohltätigkeit und den jüdischen Stiftern dringend empfohlen werden muss. Wir meinen hier den jüdischen Eeligionsunterricht. Es muss hier nicht erst betont werden, wie traurig es in beinahe allen grossen Gemeinden mit dieser Lebensfrage des Judentums aussieht; ist doch diese für das Judentum so folgenschwere Misere ja hinlänglich bekannt. Und immer und überall, wo auf diesen üebelstand hingewiesen wird, heisst es, dass die den Gemeinden zur Verfügung stehenden Mittel nicht ausreichen, um der Jugend einen intensiveren Unterricht in den jüdischen Disziplinen zuteil werden zu lassen. Hier nun mag gegeben werden. Hier errichtet sich der Stifter ein ewiges und unvergängliches Denkmal, indem die Früchte seines Wohltuns über Generationen hinaus dem Judentum in seiner Gesamtheit zum Segen gereichen. Hier endlich ist die Absicht des edlen Gebers, doch nur Gutes zu stiften, voll und ganz erreicht, indem seine Stiftung, gut und zweckmässig angewandt, immer fortzeugend Gutes nur hervorbringen muss. > Doktor. Versammlungen der Wiener zionistischen Studentenschaft. Der Verein rumänischer Hochschuler „E r e z Israel" veranstaltete Donnerstag den 14. Jänner eine aus akademischen Kreisen sehr stark besuchte Versammlung, die den Charkower Ereignissen galt. Vorgreifend sei konstatiert, dass die zum Ausdruck gebrachte Meinung sich aufs schärfste und fast einstimmig gegen die Art und den Inhalt der Charkower Konferenz richtete. Die Versammlung dauerte bis über Mitternacht unter gespanntem Interesse der Zuhörer, das naturgemäss sich bei den Reden der Herren vom A.-C. noch steigerte. Grundlagen der Debatte waren ein tief angelegtes Referat von Dr. J. W. Marmorek über die politische Seite der Konferenz, und die Ausführungen des Vereinsmitgliedes Lichtendorf über die begleitenden Tatsachen. Herr Doktor J. W. Marmorek kommt einleitend auf. die Ostafrikafrage zu sprechen, ohne dass er in dieser Frage eine Ursache zu einer Spaltung im Zionismus erblicken kann. Auch die anschliessenden Ereignisse werden keine solche herbeiführen. Denn der Zionismus ist ein Bedürfnis, wofür seine glänzenden Erfolge trotz enormer Hindernisse einen Beweis bilden, Erfolge, die sich trotz der mangelnden Organisation der Judenschaft, bei der mangelnden Bekennung zum Judentum im kurzen Zeiträume von acht Jahren einstellten. Sie sagen uns, dass sich mit dem Zionismus die richtige Idee zur richtigen Zeit eingestellt hat. Da ist die Frage, ob diese so jählings aufgeschossene Organisation von solcher Stärke zerstört werden kann: Der erste Eindruck, den die Verkündigung des Ostafrika-Projektes machte, war eine allgemeine Begeisterung sowohl bei Jaals bei Neinsagern. Alle empfanden: Hier ist etwas Grosses geschehen. Ob im Wesen schlecht oder gut, gross war das Projekt auf jeden Fall. Es hat viele Schattenseiten, es wurde auch von den Freunden nur mit Zittern, nur mit Einschränkungen gelobt. Ich selbst habe in Basel gesagt, dass ich es nicht mit Freuden begrüssen kann. Aber selbst seine zionistischen Hasser werden die Grösse anerkennen, die in dem Gedanken liegt, dass man uns für die berufenen Vertreter des Judentums der ganzen Welt gehalten hat. Wir sind anerkannt worden als Vertreter einer zukunftsreichen Bewegung. Unsere Stimmen sind nicht gezählt, sondern gewogen worden. Die Gegner des Projektes blieben zwar in der Minorität, werden aber schliesslich wahrscheinlich Erfolg haben. Das haben sie aber durchaus nicht ihrer masslosen Agitation zu danken. Schon auf dem Kongress herrschte ein allgemeines Missvergnügen über die Teilung der zionistischen Delegierten nach Landsmannschaften. Wenn überhaupt etwas dem Zionismus gefährlich werden kann, so ist es diese Art der Teilung. Sie ist im Zionismus vollständig unberechtigt. Eine Landsmannschaft ist die Gruppierung der Juden nach Ländern. Die Länder betrachtet der Zionismus als jene Abteilungen, innerhalb welcher sich das Missgeschick der Juden eigenartig gestaltet, also eine Abtrennung der Juden nach der Form ihres Unglückes. Da doch die Juden nicht anerkennen, der grössten Nation ihres Territoriums anzugehören, s>o haben sie keinen Grund, die nationale Unterscheidung anzunehmen, und sind die Juden keine Nationalrussen, -Rumänen etc., so ist eine Abteilung darnach nur eine Abteilung nach der Form ihres politisch unbehaglichen Zustandes. Ist demnach diese Form genügend, um eine so grosse Kluft zwischen den Juden zu schaffen, als sie in Wirklichkeit zu sein scheint? Man könnte sagen, dass die Juden in Russland z. B. nicht nur ein gleiches politisches Unbehagen, sondern auch gewisse Kulturmomente gemeinsam ha cn. Aber