Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 4 (22.1.1904)
- Date
- 1904-01-22
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3315709-3316073-3316078--45380-3340185- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 6 „bl* # W*li" Nr* 4 Versammlungen? Beschlüsse? Unter diesem Titel schreibt die „Ii a z e f i r a h": Um die Begriffe zu verwirren und die nackten Tatsachen zu verdrehen, wird nun verkündet, dass die Rayonsvorsteher sich „versammelt", „beschlossen" haben, das „wahre" Charkower Protokoll zu veröffentlichen und zu erläutern. Was die Vorsteher drucken und veröffentlichen werden, ist unbekannt, wir wissen nur, was bis heute geschehen ist. Es ist ein Landeskomitee in illegaler Weise gegründet worden; Ussischkin wurde an dessen Spitze gesetzt, um der Parteileitung zu trotzen; es wurden Beschlüsse gefasst, die illegal sind; es wurde illegalerweise eine Delegation nach Wien geschickt. In Anbetracht dieser Geschehnisse entstand das „Komitee zum Schutze der Organisation". Nur was geschehen ist, kommt hier in Betracht, nicht was die Vorsteher zu tun gedenken. Die Mitteilung, dass hundert Leute eineVersammlung besuchten*) und beschlossen haben, das Referat Ussischkins über in Palästina zu leistende praktische Arbeit in Druck zu legen, gehört nicht zur Sache. Was in Palästina, im Rahmen der zionistischen Organisation, geschehen soll — darüber hat nur der Kongress zu entscheiden. Das österreichische Landeskomitee, das warten will mit seinem Proteste, bis das Charkower Protokoll veröffentlicht sein wird**) — hat Recht. Es soll nicht protestieren auch nachdem das Protokoll bekannt wird, das Ganze ist eine Angelegenheit unserer lokalen Organisation. Der Sachverhalt ist ganz klar: Dr. Herzl erkennt das Landeskomitee nicht an, ebensowenig anerkannte er die Delegation; er wollte sie als solche nicht empfangen. Dr. Herzl steht an der Spitze der Verteidiger unserer Organisation, insofern als er die ganze Charkower Affaire nicht zur Kenntnis nehmen will. Wir wiederholen mit allem Nachdruck: Charkow existiert für uns nicht. Es muss alles auf den normalen früheren Standpunkt zurückgeführt werden. Von diesem Gesichtspunkt sehen wir die jetzigen „Beschlüsse" an. Was gehen diese uns an? Das „wahre" Charkower Protokoll veröffentlicht, ob in dieser oder einer anderen Passung, lässt uns kalt. Uns kümmert nur, was geschehen ist: Das Protokoll, das das Landeskomitee an die Rayonsvorsteher versandte. Wissen wir denn nicht, was die Pflichten der Rayonsvorsteher sind? Ist diese Institution gar so neu? Auch im vorigen Jahre, vor 2 und 3 Jahren, gab es Rayonsvorsteher. Wie sie bis nun gearbeitet haben, müssen sie auch weiter arbeiten: In der Zeit zwischen den Kongressen die Kongressbeschlüsse ausführen — nicht mehr und nicht weniger. Alle „Beschlüsse" von Rayons Vorstehern über diese Grenze hinaus sind von vornherein null und nichtig. Jüdische und nichtjüdische Wohltätigkeit. Wenn man von den vielen bedeutenden Stiftungen unserer jüdischen Millionäre liest, so könnte man glauben, dass es auf dem ganzen Erdenrund keine jüdischen Armen mehr, kein jüdisches Elend und keine jüdische Not gibt. Ein anderer und triftigerer Grund für die Geneigtheit unserer Philantropen, für humanitäre und kulturelle Zwecke interkonfessioneller Natur Riesensummen zu spenden, lässt sich nicht angeben, wollen wir nicht anders ihr Handeln als ein psychologisches Eätsei hinstellen. Und doch ist das Gegenteil der Fall. Es gibt auch heute, wie zu allen Zeiten viele jüdische Arme und ach! so grosse jüdische Not, und was diese von den Notleidenden anderer Bekenntnisse unter- *) In Petersburg fand jüngst eine Versammlung der Konferenzler von Charkow statt. **) Nach einer Nachricht des „Hazofe". scheidet, ist nur der Umstand, dass die jüdischen Armen nur noch elender, ihre Lage nur noch bedauernswerter ist. Wir stehen daher vor einem Kätsel, dessen Lösung, wenn sie uns zufriedenstellen soll, sehr schwer fällt. Konnten wir da vor einigen Wochen in den ungarisch-jüdischen Blättern die Notiz lesen, dass demnächst die Zinsen einer 2 Millionen-Stiftung zur Auszahlung gelangen sollen. Es handelte sich hier um die Stiftung des im Vorjahre in Budapest verstorbenen Ignaz Wechselmann, der nebst dieser grandiosen Schenkung auch noch andere sehr bedeutende Legate hinterliess. Den Intentionen und den Verf ügungen des Testators gemäss sollen die Zinsen des oben erwähnten Legates — 80 000 Kronen — in Beträgen von 200—400 Kronen zur Hälfte an solche jüdische, zur anderen Hälfte an niehtjüdische Lehrer und Lehrerinnen gegeben werden, die 25 Jahre lang an irgend einer Schule in nationalem und menschlich-sittlichem (nicht antisemitischem) Sinne gewirkt haben. Es liegt uns nun nichts ferner, als diesem hochherzigen Menschenfreunde, der sich durch seine Wohltaten das schönste und dauerndste Denkmal selber errichtet hat, wegen dieser seiner Bedachtnahme auch auf die Lehrer und Volkserzieher der anderen Konfessionen einen Vorwurf zu machen. Hat doch das Judentum nie einen Unterschied zwischen Mensch und Mensch gemacht, und hat doch das jüdische Gesetz, was nicht genug betont werden kann, jedem Manschen gleiches Kecht konzediert. Und befiehlt doch auch der so viel verschriene Talmud, dem man Grausamkeiten und Ungerechtigkeiten Andersgläubigen gegenüber nicht genug vorwerfen kann, unter anderem auch die Grausamkeit, dass die Armen und Dürftigen aller Völker und Glaubensbekenntnisse dasselbe Recht auf Unterstützung und sonstige Förderung hätten, als die jüdischen. Nicht religiöse Engherzigkeit ist es, die uns diese Betrachtung aufnötigt und beileibe auch nicht der Umstand, dass wir den nicht jüdischen. Lehrern den vielfach auch verdienten kleinen Zuschuss missgönnen würden. Wir fragen aber: dieser Fall, dass ein Jude zu humanen Zwecken interkonfessioneller Natur und auch zu ausgesprochen niehtjüdischen Zwecken grosse Summen hergegeben, steht doch nicht vereinzelt da und ist auch nicht erst in der jüngsten Vergangenheit zu verzeichnen gewesen. Legion ist die Zahl der jüdischen Zuwendungen für allgemein menschliche Zwecke und dies schon in einer Zeit, wo die Stifter selbst als Juden von dem Mitgenusse dieser von ihnen bedachten humanitären Institutionen noch ausgeschlossen waren. Wir fragen nun, wird denn dieser Idealismus, der Ungerechtigkeit immer wieder nur Edelmut entgegen zu stellen, von den Kreisen, denen dieser Idealismus zugute kommt, auch nur im entferntesten honoriert oder mit Gleichem vergolten? Mit nichten. Die jüdische Wohltätigkeit, so Grosses sie schon auf dem Gebiet e der Humanität geleistet, hat es nicht zuwege gebracht, den ungerechten Hass gegenüber dem Judentum auch nur um das Mindeste zu mildern, die jüdischen Millionen, sie haben es nicht vermocht, das alte Vorurteil auch nur den Spendern gegenüber zu bannen. Man nahm immer und nimmt noch heute die Wk>1ütätigkeitsakte der Juden entgegen, ohne ihnen dafür Dank zu wissen. Wir suchen umsonst nach christlichen Legaten, deren Genuss direkt auch den Juden zugänglich ist und sehr gering nur ist die Zahl der christlichen Stiftungen, deren Bestimmungen, die Nutzniessung betreffend, den Unterschied der Konfessionen ausschliesst. Und doch wäre es nur gerecht, wenn das Verhältnis bezüglich der gegenseitigen Zuwendungen humanitären Charakters umgekehrt stünde. Denn erstens kommen bei der geringen Anzahl der Juden im Verhältnis zu den Nicht- Juden die jüdischen Stiftungen interkonfessioneller Natur zum weitaus grösseren Teile den Nichtjuden zunutze, wäh-