Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 4 (22.1.1904)
- Date
- 1904-01-22
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 4 „bi* & Weit11 Seite 3 ' nett, denn sie haben es begriffen, dass nur um den Preis vieler Opfer Zion erlangt werden kann. * * * Der sechste Zionistenkongress trat im Jahre des grossen nationalen Unglückes zusammen. Alle , standen wir unter dem schrecklichen Eindrucke der Tage von Kischenew; schmerzergriffen und machtlos gegenüber der grässlichen Katastrophe, welche so viele Opfer bereits verschlungen; schaudernd vor dem schreck-, liehen Abgrunde, der sich da eröffnete. Die Anstrengungen, das letzte Ziel des Zionismus zu verwirklichen, waren aus dem Stadium der Versuchenicht herausgetreten. Der Versuch, Aegyptisch-Palästina — El-Arisch — zu kolonisieren, musste wegen der Unzulänglichkeit dieses Landes aufgegeben werden. Wir befanden uns in einer Sackgasse. Der Sturmwind des russischen und europäischen Antisemitismus zeitigte bereits die brutalsten Taten, und dabei verschliessen sich die Tore des uralten Asyls der Verfolgten — Englands und Amerikas. Die kaiserlich ottomanische Begierung, bedroht in ihrer Existenz durch die makedonische Revolution, findet weder Zeit noch genügende Ruhe, um die Vorteile, welche für die Türkei aus dem zionistischen Projekte erwachsen können, zu verstehen und richtig einzuschätzen. In dieser schwierigen Lage erscheint der grossmütige Antrag Englands, welches den Juden zwar kein Zion und leein Palästina und nicht die Verwirklichung des geschichtlichen Ideals, aber ein vollständig unbekanntes tropisches Land im schwarzen Kontinent, dessen Dunkel etwas durch das unsichere Licht einer versprochenen Autonomie erhellt wird, anbietet. Dem verfolgten und gequälten Volke wird in realer Nähe — Land gezeigt, individuelle und nationale Freiheit zugesichert, werden erträgliche Existenzbedingungen vorgeschlagen. Theodor Herzl musste angesichts des drohenden Unglückes den Vorschlag zur Kenntnis des Kongresses bringen. Die am Kongress versammelten Juden, diese Blüte des ,,materialistischen" Volkes — was taten diese? Sie griffen wohl entzückt zum afrikanischen Geschäft, sie schleuderten wohl in die Rumpelkammer Zion und Jerusalem, und die Wiege der Nation und die Asche der Väter; sie berechneten wohl die Bahn-'und Bergwerks- Dividenden, die Ausfuhr von Elfenbein, vielleicht auch von schwarzem Fleisch? Der Augenblick, an welchem dem Juden-Kongresse das afrikanische Projekt eröffnet wurde, wird für ewige Zeiten denkwürdig bleiben; für ewige Zeiten wird er erstrahlen, als eines der reinsten Blätter in der Geschichte des Judenvolkes, eines verfolgten und geächteten Volkes, welches im Augenblicke des wirklichen und brutalen Todes keinen Augenblick seine — Sentimente verleugnete, und für keinen Augenblick auf Zion verzichtete. Und wenn auch Afrika von Honig und Milch überfliessen würde, und wenn auch Zion ein Steinhaufen und eine Wüste wäre, die Wahl war für uns leicht. Leider gab es keine Wahl .... Mit dem englischen Vorschlage in der Tasche begibt sich Herzl nach Petersburg und. Konstantinopel, um weiter wegen Palästina zu verhandeln — leider erfolglos. Herzl legt dem Kongresse den englischen Vorschlag vor, gibt eine Darstellung der bisherigen Versuche und beantragt die "Untersuchung des großmütigen englischen Vorschlages, weil dies ein Gebot internationaler Höflichkeit sei. Und damit kein Zweifel über die Bedeutung dieses Vorschlages entstehe, erklärt Herzl feierlich in althebräischen Worten: „Es verdorre meine Rechte, wenn ich.Jerusalem vergesse", und beteuert seine Treue für Zion. Der Kongress wiederholt diesen uralten Eidspruch und versagt aus den zionistischen Fonds jeden Heller für die afrikanische Expedition und beschliesst gleichzeitig eine Reihe von Unternehmungen für Palästina, die sofort ausgeführt werden sollen. Der Kongress beschliesst, den afrikanischen Vorschlag zu untersuchen und eine wissenschaftliche Expedition nach Uganda abzusenden und behält sich die endgiltige Ent¬ Schliessung über den. englischen Vorschlag vor. Dieser Beschluss ist unzweifelhaft äusserst bedeutsam, und in seinen Folgen äusserst gefährlich. Seit Jahren arbeiten die Zionisten an der Abschaffung der philanthropischen Auffassung der Judenfrage. Die Grundlage ihrer Bestrebungen ist die LTeberzeugung, dass die Judenfrage nur durch die Organisierung der Juden, im Sinne der geschichtlichen Tradition, in einer neuen Gesellschaft in Palästina gelöst werden kann. Die Erde, und zwar keine beliebige Erde, sondern nur die Erde Palästinas und die jüdische Nation, aber auch keine zusammengeschweisste Gruppe von JJlenden verschiedener Sprachen und Kulturen, die in ihre Erde verwachsene, mit ihrer Kultur verbundene, selbständig nach geschichtlichen Voraussetzungen organisierte Nation — dies sind unzweifelhaft die Prämissen des Zionismus. Berthold Feiwel hat Recht: „Der Zionismus ist keine Notstandsbewegung, wenn er auch Notstände löst. Er ist die Krone einer historischen Entwicklung, die nicht im Ghetto ansetzt, sondern in Palästina. Art und Geist, Sitte, Religion und Sprache, eine Fülle geheimnisreicher, aber lebendiger Kräfte hat das Volk aus seinem Lande mitgenommen auf die Wanderung, und durch ein wunderbares Schicksal erwachen jetzt alle Kräfte und Eigenheiten des Volkes, die so oft in seiner Golusgeschichte zu messianischpalästinensischen Erhebungen drängten, von neuem zu einer kraftvollen Bewegung, die nach Erez Israel strebt/* Auch darin hat Feiwel Recht, wenn er behauptet, dass der tiefste Sinn des Zionismus darin liegt, dass er den nie ganz unterbrochenen Zusammenhang zwischen Land und Volk wiederherstellen will, damit aus dieser natürlichen Vereinigung jene soziale und kulturelle Sendung fortgesetzt werde, die das alte Israel aufgenommen hat. Und ebenso unterliegt es keinem Zweifel, und keine Verschönerungsversuche vermögen etwas daran zu ändern: Afrika ist im Zionismus nicht enthalten, befindet sich nicht auf seiner Entwicklungslinie, ist kein Mittel zum Zwecke, ist vielmehr ein Hindernis in der Entwicklung des Zionismus, ist eine Sackgasse, von der es keinen Ausgang zum zionistischen Palästina gibt. Ich bin mit Feiwel, Ussischkin und Kirschrot einverstanden, dass dieser Beschluss des Kongresses folgenschwer sein kann, und dass die Führer des Zionismus durch diesen Beschluss mit einer ungeheuren Verantwortung belastet wurden. Ich kann jedoch niemals darauf eingehen und werde niemals darauf eingehen, diesem Beschlüsse eine Bedeutung beizumessen, die ihm nicht zukommt, in diesem Beschlüsse eine Apostasie vom zionistischen Glauben und Hochverrat an der Nation zu erblicken. Ich. muss das bereits Gesagte wiederholen. Wenn wir einstimmig unser Viertrauen Herzl zugewendet haben, wenn wir die Schicksale unseres Volkes ihm anvertraut haben, dann haben wir die Pflicht, ihm zu gehorchen, dann haben wir die Pflicht, dort hinzugehen, wohin er uns führt, dann haben wir die Pflicht zu glauben, dass der Weg, den Herzl beschritten hat, der Weg nach Zion ist. Die englische Regierung ist kein zionistisches Institut; die englische Regierung sieht das grässliehe Elend der Juden, das Elend, welches die Hand vor den Toren und in den Strassen Londons ausstreckt, will diesem Elend ab-