Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 4 (22.1.1904)
- Date
- 1904-01-22
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 „bie * w$it" Nr. 4 Die jüdische Nation durchlebt jetzt Augenblicke der höchsten Gefahr. Katastrophe folgt auf Katastrophe /und. nirgends wird der Versuch, einer rettenden Tat gewagt. Der Zionismus ^ill mt solcher Versuch sein. Aus dem allgemeinen Chaos der Zerrüttung itnd Zersplitterung der jüdischen Nation haben sieh einzelne, wenig zahlreiche Gruppen zusammengefunden, welche den letzten konstruktiven Versuch der Einigung und Rettung des Volkes . unternehmen wollen. Am gemeinschaftlichen Streben, auf dem gemeinschaftlichen historischen Boden, durch den gleichen Ideengang ihres Wollens, erkannten und fanden sich diese Gruppen und es entstand — der Kongress. . Ein gigantisches, grosses Werk wurde da versucht. Der Anarchie wollten sie die Ordnung gegenüberstellen, der Zersplitterung — die Nation, dem Individualismus — Opfertaten, der Diaspora —das Vaterland, dem Golus — Palästina. Den ganzen Bau des Volkskörpers wollten sie auf neuen Grundlagen erbauen, seine ungesunde Lebensart in schaffende landwirtschaftliehe Produktion, seinen blendenden, impotenten Rationalismus in ernstes Schaffen, sein verneinendes Wesen in positives Handeln, seine Desorganisationin eine normale Ordnung mit klarbezei ebneten Kompetenzen, ändern. Dieses grosse Werk erforderte viele Opfer, das Opfer individueller Strebungen und Ansichten, die Unterordnung mannigfacher Wünsche unter den einzigen, absoluten, nationalen Wullen. Dieser nationale Wille, welcher am Kongress durch legale Vertreter der bejahenden Elemente der Nation Ausdruek fand, übertrug seine gesamte Gewalt auf Theodor Herzl. Der Kongress erteilte Theodor Herzl die weitgehendsten Vollmachten, stattete ihn mit wohl bescheidenen, für unsere Verhältnisse aber grossartigen Mitteln aus und übertrug ihm die volle Gewalt zur Verwirklichung des nationalen Wollens.; Bis jetzt geschah nichts Derartiges, was die Behauptung rechtfertigen könnte, die Wahl der Nation wäre verfehlt und ihr Schicksal unberufenen Händen anvertraut. Mit ausserordentlicher Ausdauer hat Herzl die Organisation der Nation, ihrer Kräfte und Mittel durchgeführt, und Tag für Tag schafft er neue Institute, deren jedes unvertilgbare Merkmale seines organisatorischen Genies an sieh trägt. Bis nunzu leitet Herzl mit starker Hand die Nation auf dem bezeichneten Wege, und niemand darf seinem feierlichen Eide, welcher vor dem Kongresse abgelegt wurde, dass er mit seinem ganzen Wesen Palästina und Zion zugehöre, misstrauen. In der gegenwärtigen Lage des jüdischen Volkes gibt es keinen Raum für unfruchtbare, wenn auch geistreiche Auseinandersetzungen. Hier ist eine strenge militärische Organisation angemessen, die Unteroffiziere und Mannschaft haben zu gehorchen und nichts, als zu gehorchen. Die Verantwortung trägt der gewählte Führer, wir anderen haben als gute Soldaten jeden Befehl willig zu erfüllen und zu gehorchen. Das ist Soldatenpflicht, das ist nationale Pflicht. Wenn diese Organisation schon wirklich lebendig und wahrhaft wäre, würde die jüdische Nation, selbst in ihren heutigen Verhältnissen, schon eine ehrfurchtgebietende Macht sein, welche einiges zu sagen hätte. Der Führer, welcher eine solche Armee hinter sich wüsste, könnte die entscheidende Schlacht um das Zie], wegen dessen die Armee aufgeboten wurde, wagen. Leider liegen die Verhältnisse noch lange nicht so. Zu gross ist die Zahl der Volontäre; zu viele kandidieren für Führerstellungen, zu gross ist unser Generalstab, nur wenige bescheiden sich mit der Würde einfacher Soldaten. Noch ist in unserer zionistischen Armee jener selbstsichere Geist des Ghetto-Mauschels, welcher aus der Enge , des schmutzigen Gässchens seiner Kleinstadt die Welt beklärt", und alles besser wie der Führer weiss, nicht ausgestorben.! Nach dem sechsten Kongress und auf dem Kongress selbst haben diese ungeberdigen und ungehorsamen Elemente offen rebelliert. Sie konnten sich in den engen Kreisen der nationalen Organisation!, nicht „ausleben", sie vermochten nicht, ihr kleines „Ich", ihre lächerlichen Ehrgeizeleien auf dem Altare der Volkswohlfahrt hinzuopfern. Sie sind noch keine Zionisten. denn die zionistische Anschauung unterscheidet sich grundsätzlich von den Anschauungen des Golus dadurch, dass die letzteren, entstanden in der Zersplitterung, haltlos und unverantwortlich, keine Gewalt über sich anerkennen, aber mit dem Absolutismus despotischer Zwerge für sich und nur für sich Raum und Anerkennung verlangen; der Zionismus hingegen, welcher die werdende Nation ist, verteilte die Kompetenzen, schuf Behörden und Aemter, denen er Aufträge und Vollmachten übergab, und welchen jeder Zionist, weil er eben Zionist ist, gehorchen müss. '; Da kommt nun Herr Davis Trietsch mit seinen kleinen Leiden. Er klagt über die Missachtung bei der Expedition zu den Toren Palästinas. Er mag Hecht haben. Wäre er ein- Zionist, ein wirklicher Zionist, er würde nicht anstehen und seine Person und seine persönlichen Sympathien der nationalen Sache unterordnen, er würde dem Willen 'des Führers gehorchen und den Posten beziehen, der ihm angewiesen wurde. Als Herausgeber des „Ost und West", als Geburtshelfer der neuen jüdischen Kunst, ward ihm ein Wirkungskreis, so gross und so stolz, dass er bei dem Werke der kulturellen Eenaissance der Nation die Befriedigung seines Ehrgeizes finden sollte und konnte. Da erscheint Dr. Alfred Nossig, dieser ewig schwankende, unentschlossene und boshafte Nörgler, welcher zur Zeit der schwierigsten organisatorischen Arbeit sich beiseite drückte, preussische Zeitschriften redigierte, und mit der Fertigkeit eines befähigten. Dilettanten über sämtliche Gebiete des Wissens und der Kunst hintänzelte, und erhebt laute Klage darüber, dass der gegenwärtige Zionismus nur drei Bürgerpflichten kennt: „Sehekel zahlen, Zionist sein und Maulhalten." Nun wohl! Freiwillig haben die Zionisten diese Pflichten übernommen. Schekel zahlen — sämtliche zionistischen Institute mit den grössten Mitteln auszustatten, jede Ausgabe zugunsten des Zionismus zu besteuern, jeden Augenblick kleine, aber fortwährende Gaben dem Nationalfonds zuzuwenden — eine grosse, wahrlich sehr grosse Pflicht des Zionisten. Und eine noch grössere Pflicht ist es, „Zionist sein", seinem ganzen Wesen nach, dem Werke der Wiedergeburt des jüdischen Volkes anzuhängen, immer und überall für die Idee einzutreten und zu agitieren, den nationalen Willen zu wecken, an allen Unternehmungen, welche das Volk kulturell, sittlich und wirtschaftlich heben, teilzunehmen. Die dritte Pflicht, die Pflicht zu schweigen und zu gehorchen — „Maulhalten" — ist wohl die schwierigste, aber gleichzeitig die notwendigste zur Realisierung der nationalen Hoffnung; und weil diese Pflicht gerade die schwierigste ist, so ist es Pflicht des Zionisten, gerade ihr nachzukommen. Unter den lumderttausenden Zionisten gibt es viele, sehr viele befähigte und gebildete Männer;, jeder derselben hätte etwas zu sagen und jeder könnte mitteilen, wie in seinem Kopfe die Zukunft der Nation sich malt. In der Hochflut der Erörterungen würde jedoch jede Tat ertrinken. Die wahrhaften Zionisten haben daher freiwillig ihren Willen dem Willen der Führung zu unterord-