Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 4 (22.1.1904)
- Date
- 1904-01-22
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Redaktion und Administration: WIEN IX., Türkenstrasse Nr. 9. Telephon 14.199. Erscheint jeden Freitag. Zuschriften sind nicht an einzelne Personen, sondern an die Redaktion oder Administration: Wien, IX., Türkenstrasse 9, zu richten. Unfrankierte Briefe werden nicht angenommen und Manuskripte nicht zurückgesendet. Preise der Anzeigen: laut aufliegendem Tarif. Der Inseratenteil wird Dienstag abends geschlossen Einzelne Nummern 30 Heller. -» Sprechstunden der Redaktion täglich von 10—\\2 Uhr. Rp7liriQnrpiQOa Oesterreich-Ungarn: ganzjährig Kr. 12.—, halbjährig Kr. 6.—, vierteljährig Kr. 3.—. Für das Ausland: VG£.uyo|jl OIÖD. Deutschland ganzjährig Mk. 13.70, halbjährig Mk. 6.85, vierteljährig Mk. 3.45, England ganzjährig Shg. 14.—, halbjährig Shg. 7.—, vierteljährig Shg. 3.10, Russland ganzjährig R. 7.—, halbjährig R. 3.50, vierteljährig R. 1.75, Schweiz, Frankreich, Italien, Türkei, Rumänien, Bulgarien, Serbien, Griechenland, Aegypten ganzjährig Frcs. 17.—, halbjährig Frcs. 8.50, vierteljährig Frcs. 4.25, Amerika ganzjährig Doli. 3.40, halbjährig Doli. 1.70, vierteljährig Doli. —.85. Nr, 4. Wien, 22. Jänner 1904 — 5. Schebat 5664, 8, Jahrgang. AN UNSERE P. T. LESER! Da mit Jahresschluss eine grosse Anzahl von Abonnements abgelaufen ist, so werden die Betreifenden erinnert, die Erneuerung rechtzeitig vorzunehmen, damit in der Zustellung des Blattes keine Unterbrechung erfolge. Unsere Hauptvertretung für Russland hat die Buchhandlung „Hazefira" in Warschau, Nalewki 24. Das Inhaltsverzeichnis des Jahrganges 1903 ist fertig gestellt und wird auf Wunsch kostenlos geliefert. Die Besteller von Einbanddecken (siehe Inseratenteil) erhalten das Inhaltsverzeichnis zusammen mit der Einbanddecke zugeschickt. Die Administration. Die Bilanz des Zionismus. | Der VI. Baseler Kongress ist ein Wendepunkt in der Entwicklungsgeschichte des Zionismus; nicht so sehr durch seinen positiven Inhalt, nicht so sehr durch die leidenschaftlich erregte ostafrikanische Debatte, sondern vielmehr dadurch, dass auf demselben die ganze Organisation in ihren Grundpfeilern erschüttert wurde, dadurch., dass es auf demselben evident wurde, was im Zionismus gesund und lebensfähig, und was schwach und morsch, ein Fetzen faulender Ueberreste des gewesenen Judentums ist. Das gegenwärtige Judentum ist eine in Atome zerschlagene, aphorme Masse, deren einzelne Bestandteile zentrifugal auseinander laufen, beherrscht von einem schrankenlosen Individualismus, dessen Meister die absolute Lebensverneinung ist. So wären wir denn glücklich zur Verneinung sämtlicher religiöser Gebräuche gelangt, zum Zerreissen der Juden in fortschrittliche und ultraf ortschrittliche, in orthodoxe und hyperorthodoxe Parteien. Der gescliichtliche Riss in spanische und deutsche Juden wird durch weitere Verteilungen und Abschnitzel ergänzt; so haben wir denn östliche und westliche Juden,, germanische und polnische Patrioten, dazu internationale Juden. Dieses ganze zerrissene Judentum hat keinen einheitlichen Gedanken; es wäre denn dieser wilde Zerstörungstanz, dieser wahnsinnige Sturmwind, welcher die letzten *) Vom Verfasser auch in polnischer Sprache im Rocznik 2ydowski veröffentlicht. Wir bringen diese interessanten Ausführungen» ohne uns in allen Punkten mit ihnen identifizieren zu wollen. Die Redaktion. "Ueberreste positiver, bejahender Tendenzen vernichtet. Im ganzen Lager herrscht die vollständigste Desorganisation, eine furchtbare Anarchie. In diesem Chaos des gegenwärtigen Judentums erscheint der Zionismus als das einzige konstruktive und affirmative Element. Die Zionisten pflegen manchmal, einer dichterischen Metapher zuliebe, von einer jüdischen Nation zu reden; sie träumen von der Wirklichkeit aller nationalen Organe, von der Eeellität ihrer Funktionen. Vorläufig sind jedoch ihre Behauptungen dichterische Uebertreibungen. Im Zentrum, des zionistischen Lagers, unter den Getreuesten des Baseler Pragrammes, macht sich wohl unbewusst der sklavische Geist der Anarchie, welche keine Behörde duldet, geltend, welcher jeden Gedanken und jedes Unternehmen so lange durch die Kritik eines nichtverantwortlichen Individuums zerzaust, bis der bewussteste Wille gebrochen ward und zu keiner positiven Tat ausreifen kann. i Im alten Eoni, einem Staate, welcher vielleicht die ausreichendsten Garantien der Freiheit seiner Bürger hatte, bestand ein eigentümliches Institut: die Diktatur. So oft die Nation, in Lebensgefahr schwebte, übertrug sie ihre souveräne Gewalt auf eine einzelne Person, stattete dieselbe mit allen Vollmachten aus und diese Person, mächtig und unverantwortlich, leitete die Geschicke der Nation durch die gefährlichsten Klippen in den ruhigen Hafen. Während der Diktatur mussten sowohl die Volkstribunen, wie die beredten Sophisten, wie auch die Sykophanten am Forum der ewigen Stadt schweigen. Im Augenblicke der Gefahr verkörperte sich der Wille der Nation in der Person des Auserwählten, welchem die Nation blindlings gehorchte. Wohl gab es auch im alten Rom kleine Leute mit grossem Ehrgeiz, welche es schmerzhaft empfanden, dass der Diktator ihr Straussenhirn nicht befragte, wohl gab es solche, denen es zu enge war im. eisernen Einge der Diktatur und welche über die Beschränkung der bürgerlichen Freiheit, da die Bürger zu gehorchen, zu schweigen und nach Befehl zu handeln hatten, zürnten. Die vernünftigen Börner, die Blüte der Nation — schwieg, gehorchte und handelte — und schritt von Sieg zu Sieg. Und wenn der Sieg bereits gesichert war, füllte sich wieder das Forum mit Volkstribunen, beredten Tagespolitikern, all den kleinen Menschen, mit kleinlichem Ehrgeiz, die in normalen Zeiten ganz unschädlich sind.