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Die Welt · 1904-01-15 · 3 (15.1.1904) · page 10

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Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
3 (15.1.1904)
Date
1904-01-15
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 10 „Die # weit Nr. 3 dass 0. damit nicht nur eine Aenderung in Anschauungen, sondern vielmehr in den Produktionsformen der Menschheit sieht. Diese Veränderung — ich glaube auch hier in O.'s Sinne zu sprechen — verläuft sicherlich in der Richtung zu einer Form Gemeinwirtschaft, von deren Art wir zugestandenermassen nicht viel mehr wissen, als was uns die Theoretiker, von Marx angefangen bis zu 0 p p e n h e i m e r, gesagt haben. So viel steht aber fest, dass es sich um eine solche Gemeinwirtschaft handeln wird, bei welcher der Konkurrenzkampf auf ein Minimum reduziert oder sogar gänzlich ausgeschaltet werden soll. Nun lehrt uns aber schon heute die Erfahrung, dass, um eine derartige Wirtschaftseinheit herzustellen, zuvörderst Einheit in den Produktionsbedingungen notwendig ist. Einheit in den Produktionsbedingungen ist aber nur dort vorhanden, wo einerseits die Sprödigkeit der Natur nicht zu viele Unterschiede aufweist, andererseits die Bedürfnisse der Menschen, die psychischen Bedingungen, ihr — wenn man so sagen will — Standard of life annähernd gleich sind. Diese psychischen Bedingungen aber verändern sich im Wege der Anpassung nur sehr langsam, insbesondere dort, wo ein hinreichend zahlreiches Kollektivum ihre Erhaltung befördert. Das ist der Fall bei den Juden in den Ländern Osteuropas; dort sind die psychischen Produktionsbedingungen derart verschieden zwischen Juden und Nichtjuden, dass eine einheitliche — will sagen gemeinwirtschaftliche Wirtschaftsform gar nicht denkbar ist, da die Juden ein genug zahlreiches Kollektivum bilden, um dem Ansturm der übrigen unter sich gleichartigen Volksindividuen standhalten zu können. Ich resümiere meine Ausführungen also dahin, dass wir eben dadurch, dass wir Zionisten sind, die soziale Entwicklung nicht nur fördern, sondern dass unsere Bestrebungen geradezu ihr als Teil angehören. Fragt man uns freilich, warum wir Zionisten sind, so antworten wir, nicht weil wir Sozialisten, sondern weil wir Juden sind. Judennot in Südafrika. Der nachstehende Brief, der uns vom Präsidenten der zionistischen Federation in Südafrika, Mr. G o 1 d r e i c h, zur Verfügung gestellt wird, bedarf wohl keines ausführlichen Kommentars. Man spricht gewöhnlich nur vom Elend der Auswanderer bei ihrer Abreise. In dem Briefe des Mr. Cohen an Mr. Goldreich bekommt man eine ebenso anschauliche wie betrübende Schilderung des Zustandes, in welchem die Auswanderer ankommen. All dies Elend wird so lange dauern als die planlosen und ungenügenden Versuche der sogenannten Wohltäter und die Uneinigkeit in den Reihen der Juden. Wir lassen jetzt den Brief aus Durban im Wortlaute folgen: Durban, 13. Dezember 1903. S. Goldreich Esq. Johannesburg. Lieber Mr. Goldreich! Viel Dank für Ihr promptes Eintreten, durch welches uns ermöglicht wurde, die angehaltenen Passagiere von der Burgermeisten zu befreien. Jetzt gibt es hier 12 angehaltene jüdische Passagiere, die sämtlich nach Kapstadt sich begeben haben, da sie aber zurückgewiesen wurden, und es ihnen nicht erlaubt wurde, daselbst zu landen, wurden sie nach Durban gebracht. Als uns diese Tatsache bekannt wurde, haben wir uns bemüht, mit den Passagieren wenigstens in Verbindung zu treten, aber ohne Erfolg, da der Einwanderungsbeamte den Wachleuten, die diesö Leute eskortierten, den Auftrag erteilt hat, niemand zu gestatten, sich diesen zu nahen, sogar der Bruder eines dieser Passagiere wurde nicht zugelassen. Mir ist es gelungen, auf das Schiff zu gelangen. Nun muss ich Ihnen sagen, dass die Szene, die sich meinen Augen darbot, eine unbeschreibliche war; die Leute waren zusammengehuddelt mit ungefähr sechs Kulis in einem erstickenden und furchtbar stinkenden Räume. Sie stürzten auf mich zu wie hungrige Wölfe, und jeder von ihnen jammerte, man möge sie befreien und baten, an Freunde in den verschiedenen Teilen Südafrikas zu telegraphieren; manche Immigranten waren weissbärtige Greise. Das Reisegepäck aller Passagiere wurde in Kapstadt weggenommen, so dass die Meisten von ihnen ohne Hemd gelassen wurden. Es war eine schreckliche Szene und das Schrecklichste daran war, dass man sich keine mögliche Hilfsaktion vorstellen konnte. Als ich vor einigen Monaten die Ehre hatte, einer Versammlung der Federation beizuwohnen, habe ich vorgeschlagen, dass die Federation sich nicht in die Einwanderungseinschränkungen in Natal einmische, da ich noch an die Zeit dachte, in der die Einschränkungen nur einen lokalen Charakter trugen und auch eine lokale Abhilfe erheischten; meine Berechnungen scheinen aber falsch gewesen zu sein und ich muss nicht ohne Beschämung gestehen, dass wir in Durban dieses komplizierte Problem sehr schlecht erfasst haben, dass es nicht nur ein Fehler war, sondern dass auch das Gute, dass wir früher getan haben mochten, durch unsere nachträgliche unbesonnene Handlungsweise mehr als vernichtet wurde. Ich glaube, dass Sie es auch wissen, dass mehrere hervorragende Mitglieder der Federation nach Natal kamen, zweifellos mit den besten und reinsten Absichten, und versuchten, aus eigener Initiative die angehaltenen Passagiere unseres Glaubens zu befreien, aber einen schmachvollen Misserfolg hatten. Die regelmässige Folge dieser Vorstellungen an die hohen Behörden um Zurückziehung der strengen Massregeln und die Fruchtlosigkeit dieser Vorstelligen ist immer eine noch rohere Behandlung und grössere Ungerechtigkeiten als früher. Ich erlaube mir deshalb, Ihnen folgende Vorschläge zu machen: 1. Die Federation möge allen südafrikanischen zionistischen Vereinen einschärfen, dass an allen Häfen scharfe Einschränkungsmassregeln getroffen sind, die Obmänner der Vereine mögen es ihren Mitgliedern bekanntmachen, dass, wenn sie Freunde haben, die nach Südafrika kommen wollen, sie diese warnen müssen, so ausgestattet zu kommen, dass sie unter die Einschränkungtklauseln der verschiedenen Akten kommen. 2. Die Federation möge es an das Aktionskomitee in Wien melden, dass an allen Häfen in Südafrika scharfe Immigrationsgesetze erlassen sind und das Aktionskomitee möge die europäischen zionistischen Vereine auffordern, die Leute zu warnen, nach Südafrika zu fahren, wenn sie nicht etwas Geld haben, lesen und schreiben können und Freunde in Südafrika haben. 3. Die Federation möge diese Bedingungen durch die Zeitungen bekanntmachen. 4 Die Federation möge an die verschiedenen südafrikanischen Vereine und das Wiener Aktionskomitee Kopien der Einwanderungs-Beschränkungsakten der Kapkolonie und Natal übermitteln. Lieber Mr. Goldreich! Die Zeit ist gekommen, wo irgend ein definitiver Schritt unternommen werden muss, und da die Umänderung der Einwanderungsgesttze unmöglich ist, so ist es deshalb uusere Pflicht, unsere Glaubensgenossen deutlich und offen zu warnen, sich von den falschen Vorspiegelunger- und Machenschaften der gewissenlosen kontinentalen Schiffsagenten zum Kaufe der Fahrkarten nach Südafrika verlocken zu lassen. Jedenfalls glaube ich, dass diese Frage wieder in einer Versammlung der Federation vorgelegt werden muss und ich hoffe, dass Ihre Beratungen "dem Uebel, das ich unmöglich mit Worten beschreiben kann, vorzubeugen wisspn werden. Mit Zionsgruss und vorzüglicher Hochachtung Ihr ganz ergebener Cohen,

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