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Die Welt · 1904-01-15 · 3 (15.1.1904) · page 9

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Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
3 (15.1.1904)
Date
1904-01-15
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 3 „bi* W^lt11 Seite 9 Bauer vom Hunger und von der Bureaukratie, sondern auch vom Antisemitismus erdrückt werden, wäre deren Schicksal so, dass man sagen könnte, sie werden sich erhalten bis auf bessere Zeit e n, so dürfte man warte n.*) Denn es kann kein Zweifel sein, dass das Licht, das dämmernd, doch sichtbar im Westen aufgegangen ist, auch den dunklen Osten wird erhellen müssen. Es ist Kein Zweifel, dass, wenn einmal in ferner Zukunft, vielleicht in gar nicht zu ferner Zukunft auch im russischen Reiche, auch in Rumänien, im ganzen Halbasien, wenn da einmal der soziale Gedanke segensreich vorgedrungen sein würde, damit auch die Not der Juden ihr Ende erreicht haben wir d.*) Doch darauf können die armseligen Menschen nicht warten und deshalb müssen wir sie erlösen, sie in ein Land führen, in dem sie besseren Zeiten entgegensehen können. Das ist die Aufgabe des Zionismus, wie ich sie verstehe.44 Oppenheimers Ausführungen lassen es ausser allem Zweifel, dass, wenn nur einmal „der soziale Gedanke segensreich vorgedrungen sein, damit auch die Not der Juden ihr Ende erreicht haben würde." Lassen wir diesen Satz vorerst uucrörtert und halten wir uns nur an seine Voraussetzung, die Oppenheimer selbst formuliert, dass nämlich der Zionismus seine Ursache und seinen Wesensinhalt nur in dem „nicht warten können" der armseligen Menschen habe. Hier liegt m. E. jene verhängnisvolle Identifizierung von Judennot und Zionismus vor, die naturgernäss — ohne dass das irgend ein Vorwurf sein kann oder soll — bei dem übergrossen Teil der westeuropäischen Zionisten heimisch ist. Bei dieser Auffassung wird jedoch nur das eine treibende, und zwar negative Motiv des Zionismus berücksichtigt, während das viel wichtigere, positive Motiv in dem „uns bewahren wollen für das Gottesreich der Zukunft" liegt, wie O. bilderreich und treffend in seinem Z i o n i s m u s u n. d K o s m o p o 1 i t i s - in u s („Welt" Nr. 51) sagt. Mit anderen. Worten: in dem nationalen Kulturideal — in dem getreulichen Bewahren der Schätze in unserem Tempel, bis wir sie „jubelnd hineintrage)! ins Schatzhaus des Weltvolkes, ich zitiere wieder Oppenheimer — liegt das Motiv des Zionismus, das hauptsächlich zu der Verwirklichung seines Ideals drängt. Verkennt man diese Tatsache und setzt die furchtbare ökonomische Not unseres Volkes als Hauptinhalt des Zionismus, so liegt die Gefahr nahe, dass wir bald nur das grosse materielle Elend sehen und in unserem Bestrehen, diesem abzuhelfen, in Palliativen verschiedenster Art ersticken. Hiezu kommt noch, da,ss. es doch nicht recht einleuchtend ist, warum ein Volk, das nun schon Jahrtausende auf die Wiedergeburt seiner Nation im Heimatland.e wartet, jetzt auf einmal dem Untergang geweiht sein soll, nicht mehr warten kann, zugrunde geht, wenn ihm nicht schleunigst geholfen wird. Es ist zudem höchst gefährlich für uns, mit dem „nicht warten können" zu operieren, d. h. die Judennot zum ausschliesslichen treibenden Paktor des Zionismus hinzustellen, denn jedes neue Kischeuew wird uns dann der Gefahr aussetzen, vom Wege zur Wiedergeburt unserer Nation zugunsten irgend einer Palliative abzuweichen. Das sind jedoch nicht die Hauptbedenken, die sich gegen die O.'sche Formulierung des Zionismus vorbringen lassen. Der wichtigste Einwand gipfelt vielmehr darin, dass 0. den Zionismus nur als ein Provisorium, als eine Palliative im Hinblick auf das segensreiche Vordringen des „sozialistischen Gedankens" hinstellt. Formuliert man seine Ausführungen positiv, so müssten sie lauten: Hätten wir die Aussicht, dass die soziale Entwicklung binnen kürzester Frist zum allgemeinen und sozialen Menschheitsfrieden führen würde, so brauchten wir keinen Zionismus. *) Im Original ist diese Stelle nicht gesperrt. In dieser Auseinanderhaltung oder künstlichen Auseinanderzerrung von Zionismus und sozialer Entwicklung liegt der Grundfehler der 0.'sehen Anschauung. Ich will hier nicht darauf eingehen, dass Zionismus und soziale Entwicklung zu dem den sozialen Frieden einschliessenden Kosmopolitismus nicht entgegengesetzt verlaufende Strömungen sind, dass demnach der Zionismus nicht reaktionär ist; das hat Oppenheimer in seinem „Z i o n i s m u s u n d K o s m o p o 1 i t i s m u s" glänzender gezeigt, als ich es imstande wäre. Mir liegt vielmehr nur daran, zu beweisen, dass soziale Entwicklung — also mit O.'s Worten Vordringen des „sozialen Gedankens" — und Zionismus nicht nur parallel, verlaufen, sondern untrennbare Teile eines grossen Ganzen, der im ganzen Universum herrschenden, aus dem Gesetz der Anpassung resultierenden Zielstrebigkeit nach lebensfähigen Formen, eins und. dasselbe sind. Das würde bedeuten, dass der Sieg des sozialen Gedankens nicht denkbar ist, wenn nicht jedem Volke sein Recht geworden, d. h. es freier Herr auf eigenem Territorium ist. Um den Gegensatz zwischen O.'s Anschauung und der meinen scharf herauszuarbeiten, präzisiere ich noch einmal: Bei Oppeuheimer ist soziale E n t w i c k 1 u n g eines, das den Juden schon allein Erlösung bedeuten würde, nur dauert diese E n t w i c k- 1 u n g z u 1 a n g e, d i e J u d e n s i n d z u e 1 e nd , u m w a rten zu könne n, w e s h a 1 b wir durch die E r f ü 1- 1 u n g des zionistischen Ideals das jüdische Volk für die a n b r e c-h ende bessere Zeit konservieren wolle n. Ich behaupte, soziale Entwicklung und Z i oii i s m u s s i n d ein u n d d a s s e l b e; d. h. d a s E n d z i e 1 der sozialen Entwicklung — der soziale F r i ed e n — ist nicht denkbar, w en n nicht jede m Volke sein Frieden g e w o r d e n; w i r erstreben die E r f ü 1 1 u n g des zionistischen Ideals, weil wir die Pflicht haben, ein weiteres Hindernis der a 1 1 g e m eine n s o z i a 1 e n E n t w i c k 1 u n g aus der Welt zu schaff e n. Mit anderen Worten: Während 0. ein rein egoistisches Motiv, die Erhaltung des jüdischen Volkes f ii r den sozialen Frieden, in den. Vordergrund schiebt, spielt in meiner Anschauung ein vom Standpunkt des jüdischen Volkes zugleich altruistisches und egoistisches Element die Hauptrolle, nämlich die Durchsetzung einer Forderung der sozialen Entwicklung durch Erfüllung des zionistischen Ideals. Wie denn jeder gesunde, grosse Egoismus auch altuistische Elemente enthält, was sich praktisch so formulieren lässt: Ein Volk, das für die Allgemeinheit etwas leisten will, muss zuerst für sich etwas leisten, seine nationale Kultur ausbauen. Vom Individuum dasselbe gesagt: Der grösste nationale Dichter eines Volkes z. B. hat zugleich universelle Bedeutung, weil eben für das Individuum das Volk das alleinige Mittel ist, zur höchsten Kultur zu gelangen. Der Zionismus ist also nach diesen Ausführungen selbst soziale Entwicklung, er ist von. dieser nicht.zu trennen, ebenso wie — um ein ganz modernes Phänomen zu wählen — die imperialistische Strömung unserer Tage im Sinne der Herausbildung grosser, einheitlicher Wirtschaftsgebiete von ihr nicht zu trennen ist." Man kann daher nicht sagen, dass wir Juden — wenn wir nur warten k ö n n t e n — ruhig das segensreiche Vordringen des sozialen Gedankens abwarten dürften, ohne unsere nationale Wiedergeburt bewirkt zu haben, weil wir damit geradezu der sozialen Entwicklung entgegen arbeiten würden. Dieser Satz ist da auch ganz im Sinne der O.'sehen Ausführungen über Zionismus und Kosmopolitisnius. Fragt sich nur, warum wir Juden, wenn wir unsere nationale Wiedergeburt nicht bewirken, ein Hindernis für die soziale Entwicklung bilden? Hier muss man sich nun freilich vorerst darüber verständigen, was unter sozialer Entwicklung oder dem ,,sozialen Gedanken" zu verstehen ist. Ich habe guten Grund anzunehmen.

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