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Die Welt · 1904-01-15 · 3 (15.1.1904) · page 5

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
3 (15.1.1904)
Date
1904-01-15
Page
– (sequence 5)
Language
German
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& Nr. 3 „bi* $ Weit1' Seite 5 desUnterfertigten, und haben die beigelegteMotion akklamiert und unterschrieben. Herr Horia C arp hat die Versammlung mit einer Ansprache eröffnet. Es haben gegen die Charkower Komplottisten gesprochen: die Herren Leon Brill, Isak Leon und Emil Golding. Das Meeting wurde von den zionistischen Vereinen „Se Peznra", „ßneZion Jenuda", „Dr. Rülf\ „Bne Zion David', „Rabbi Akiba« und „Dr. Lippe" einberufen. Der Enthusiasmus für Dr. Herjz 1 und die Entrüstung gegen die Charkower waren aussergewöhnlich. Man hat auch beschlossen, Dr. Herz! mit 1000 Kronen ins Goldene Buch einzutragen. Die Subskription hat bereits angefangen. Die Motion lautet: Das Massen-Meeting der Bukarester Zio nisten, welches am 8. Jänner 1904 in der grossen Synagoge unter Vorsitz des Herrn Horia Carp, Delegierten am sechsten Baseler Kongress, abgehalten wurde, protestiert energisch gegen die verräterischen Anmassungen der russischen Zionistenführer, welche in Charkow gegen die Bewegung k o mp lo tt ier t ha b e n, unddrückt seine tief innigste Ergebenheit unserem grossen Führer Herrn Dr. Th. Herzl hiermit aus und sagt: „Kilcho lwad enenu tlujoth". Mit Zionsgruss Horia Carp. Die Krisis des Zionismus. (Aus dem „Jüdischen Express0 in London.) Das, was wir schon lange gefürchtet haben, ist geschehen. Der Schlag ist gefallen, die Zerstörung und der Zerfall haben in unserer nationalen Bewegung ihre Arbeit begonnen unsere Arbeit in den letzten sieben Jahren ist in nichts zerronnen. Das Ultimatum, das die russischen Mitglieder des Aktionskomitees Dr. Herz] überreichen wollten, ist der grösste Schlag, der unsere Organisation und unsere Hoffnungen treffen konnte. Ein äusserer Feind konnte uns nicht so tief verwunden, wie dieses Ultimatum. Es bedeutet den Zerfall unserer Bewegung, die Erschütterung der Grundlage unseres Hauses* Ein solches Ultimatum ist schlimmer als zehn Ukase von Plehwe oder Verbote des Sultans. Was ist dieses Ultimatum? Es ist die frechste und gröbste Forderung, die je an einen Parteiführer gestellt worden ist. Ein ehrenhafter Führer kann so etwas nicht annehmen, und wir hegen die tiefste Hoffnung, dass Dr. Herzl sie auch nicht annehmen wird. Und daä bedeutet eines von beiden: Entweder muss Dr, Herzl die Bewegung verlassen, oder alle seine Helfer in Russland, seine Vertrauten, seine Mitarbeiter während der letzten sieben Jahre müssen es, und mit ihnen wahrscheinlich ihre Anhänger. Beides ist undenkbar. In beiden Fällen droht der Bewegung der Zerfall. Herzl's Austritt bedeutet die Zerstörung der ganzen Organisation, da Herzl sie geschaffen hat und es niemand giebt, der würdig wäre, seine Stelle einzunehmen. Herzl's Austritt heisst die grosse Organisation in tausend Stücke zersplittern. Aber der Austritt der russischen Mitglieder andererseits ist zugleich der Abfall eines wichtigen Teils der zionistischen Partei. In beiden Fällen ist es eine schreckliche Katastrophe. Und wenn die Sache so weiter getrieben wird, so scheint es keinen Ausweg mehr zu geben, da das eine von beiden eintreten muss. Wir haben einst geglaubt, dass die Kongressbeschlüsse ausgeführt werden müssen, und dass es Pflicht der Führer wie der Geführten sei, sich an die Beschlüsse zu halten. Besonders die Mitglieder des Aktionskomitees sind es, die sich hüten müssen, eine Art von Anarchie einzuführen. Der Kongress hat beschlossen, nach Ostafrika eine Expedition zu entsenden. Wir wollen hier nicht erörtern, ob der Beschluss gut oder schlecht war. Hat aber einmal der Kongress beschlossen, so muss sich die Minorität der Majorität fügen. Sonst fällt die ganze Disziplin weg. Die Organisation wird unmöglich. Diejenigen, welche mit dem Beschluss unzufrieden waren, hätten bis zum nächsten Kongress warten und sich eine Majorität schaffen, aber nicht unterdessen die ganze Organisation zerstören sollen. Wenn die Führer des Zionismus mit einer solchen Taktik vorgehen wollen, so wäre es doch besser, einfach alles aufzugeben. Wenn der Zionismus verwirklicht werden wird, so wird er es nur durch eine starke Organisation, durch eine gemeinschaftliche Arbeit, bei der das Individuum sich der Gesamtheit fügen muss. Die russischen Mitglieder des A.-C. haben mit ihrem letzten Schritt bewiesen, dass sie nie das A-B-C der Organisation erlernt haben, sie haben das schlimmste Beispiel von Disziplinbruch gegeben, sie haben selbst den Kongress mit all seinen Verhandlungen und Beschlüssen zu einer Komödie verwandelt, sie haben gezeigt, dass sich niemand um die Beschlüsse des Kongresses zu kümmern hat, dass jeder Jude den Tempel zerstören kann, bloss um seine Laune zu befriedigen. Welches Recht hatten die russischen Mitglieder des A.-C, ein derartiges Ultimatum zu stellen? Haben sie sich mit den Schekelzahlern beraten? Wir glauben es nicht; haben sie aber die Verantwortlichkeit, die sie auf sich geladen haben, berechnet? Haben sie die Folgen des mörderischen Angriffes auf den Zionismus berechnet? Wir können den verrückten Fanatiker, der auf Nordau geschossen hat, nur bedauern; was sollen wir aber zu einer Versammlung von Juden, Führern des Zionismus, Mitgliedern des A.-C. sagen, die einen ebenso unsinnigen wie gefährlichen Angriff auf den Zionismus planen? Haben sie dieFolgen ihresAttentats, des Bruches des Zionismus, der Katastrophe des Judentums berechnet? Haben sie sich die Reaktion, die nach dem Sturze des Zionismus eintreten würde, die Verzweiflung und den Abfall vom Judentum, die Folgen der Enttäuschung berechnet? Als Zionisten, nein, noch mehr, als russische Juden drücken wir unseren schärfsten Protest gegen dieses Ultimatum aus. Wir hoffen, mit diesem Proteste die Meinung der Masse der russischen Zionisten auszudrücken. Wir fordern alle zionistischen Vereine in England auf, am nächsten Samstag und Sonntag Versammlungen abzuhalten, um Protestkundgebungen zu veranstalten, die an Dr. Herzl geschickt werden, um ihm unser Zutrauen zu ihm und den Protest gegen die Zerstörer auszudrücken. Die Sache ist jetzt in einer solchen Krisis, dass die Zionisten zeigen müssen, auf wessen Seite sie stehen, ob sie dem grossen Führer treu sind oder mit den Revolutionären halten. Wir sehen schon, wie Raubvögel über dem Körper des Zionismus wittern, den sie am Weg zum Grabe glauben. Wir sehen schon, wie sich Mikroben gleich alle antizionistischen Elemente, die sich hineingeschlichen haben, zusammenscharen. Wozu das Leugnen. Wir müssen offen gestehen, dass nicht das Ostafrika-Projekt den ganzen Tumult verursacht hat. Schon in den letzten drei Jahren haben wir in der Bewegung einige zerstörende Elemente bemerkt. Das fanatische Geschrei von Kultur, die wilden Pläne der jungen JLeute, die selbst nicht wussten, was sie wollten, waren bereits eine Gefahr für die Einigkeit des Zionismus, schon bevor man von Ostafrika etwas wusste. Und auch jetzt haben wir in England eine organisierte Konspiration gegen die Hauptorganisation. Ist das nicht zu verhindern? Man muss die Konspiration blossstellen und sie unschädlich machen. Mögen alle Zionisten wissen, dass der Zionismus in einer Krise ist, und dass die grösste Energie und Tätigkeit zur Rettung der Organisation nötig ist. Wenn der Zionismus jetzt fällt, so wird es Generationen lang dauern, bis wir uns wieder werden erheben können. Und das dürfen wir nicht zulassen.

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