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Die Welt · 1904-01-08 · 2 (8.1.1904) · page 12

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
8 (1904)
Issue
2 (8.1.1904)
Date
1904-01-08
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 12 t Vor zwei Jahren wurde ein Teil des Baues, wo die Bücherei untergebracht werden soll, fertiggestellt. Die Schulden, die das Gründungskomitee bis heute kontrahieren musste, gelaufen sich auf 10.000 Frcs. Ich selbst schulde für Bücher 700 Rubel. Die Bücher, die ich im vergangenen Jahre nach Jerusalem geschickt, sowie die von Prof. S c h a p i r a nachgelassene Büchersammlung, sind noch immer in den Kisten verpackt, da es an Mitteln fehlt, die nötigen Schränke anzuschaffen. Ich muss noch bemerken, dass die Transportkosten dieser Bücher von Jaffa nach Jerusalem allein 700 Frcs. betragen haben. Auch in meinem Hause befindet sich bereits eine neuerliche stattliche Sammlung von ausgezeichneten, meist seltenen Werken und mir wird oft um deren Schicksal bange. Die Bücher zu binden und ihrem Bestimmungsorte zuzuführen, habe ich nicht die Mittel. Daraus geht deutlich heryor, mit welchen Schwierigkeiten die Gründung dieser so wichtigen Institution zu kämpfen hat. Während meiner 28jährigen Tätigkeit als praktischer Arzt habe ich mir keinen Augenblick der Ruhe gegönnt und auch nichts getan, um für meine alten Tage zu sorgen. Und doch bin ich auch ferner bereit, mit aller Kraft für die Bibliothek zu arbeiten, wenn man mich nur der Geldsorgen entheben möchte. Es ist bedauerlich, dass es uns nicht möglich ist, manches seltene Druckwerk anzuschaffen, das uns für immer vielleicht entzogen wird. Nur durch die Teilnahme aller national-jüdischen Kreise kann unser Werk fortschreiten und gedeihen! Dr. J. Chasanowi c z. Bücherwelt. Leon Chaine: Les Ca'holiques Frangais et leurs Difficultes actuelles. Paris, Ed. A. Storck et Co., 19U3. Wie der Verfasser in seiner Einleitung sagt, müsste das Buch mit grösserem Rechte den Titel tragen: „Die französischen Katholiken und die Affäre Dreyfus". Denn dieses ist der eigentliche Angel- und Mittelpunkt des ganzen Werkes. Die Affäre Dreyfus, die so viele Stürme in Frankreich, in Europa, in der ganzen zivilisierten Welt, hervorrief, hat eine unendliche politische Bedeutung gewonnen. Sie ist ein Schlachtruf, ein politisches Schibbolet geworden. Die Katholiken Frankreichs, die Konservativen, die Nationalisten, kurz alle, die der Reaktion huldigen, alle Feinde des Fortschritts, alle, die sich nach den Zeiten des „Roy" zurücksehnen — waren wütende Antidreyfusards. Und umgpkehrt, Dreyfusard war — und ist — ein Synonym der Fortschrittspartei, des Freisinns aller Nuancen geworden. Die Affäre Dreyfus hat einerseits den lärmenden,-Antisemitismus in Frankreich entfesselt und andererseits als Reaktion die Politik von Waldeck-Rousseau und seines mutigen Nachfolgers, Combes, hervorgerufen. Man kann beinahe sagen, Frankreich verdanke die radikale Politik des gegenwärtigen Kabinetts der „Affäre". Aber auch unter den Raben sind nicht alle schwarz. Es scheint auch weisse unter ihnen zu geben. Auch unter den Klerikalen, den Katholiken Frankreichs gibt es Leute, wenn auch bloss vereinzelte, die ihren Glauben nicht unbedingt mit dem provokanten, .unduldsamen und kulturfeindlichen Auftreten der ecclesia militans identifizieren wollen. Sie wollen nicht nur Katholiken, sondern auch Fortschrittler, freie Republikaner, sie wollen auch „Dreyfusards" sein. Und einer von diesen Männern, die wirklich viel Mut besitzen müssen, ist der Autor des vorliegenden Buches, der Lyoner Anwalt Mr. L6on Chaine. Sein Buch ist entstanden aus Anlass seines Aufrufes an die Katholiken in der „Justice Sociale", wo er sie aufforderte von der Antidreyfus-Campagne abzustehen. Nun entwickelt er seine liberalen Ansichten weiter und steht, immer auf dem Boden des strengsten Katholizismus fussend, für alle liberale Institutionen, für alle fortschrittlichen Massnahmen ein. Und hierin ist er ein würdiger Nachfolger jener grossen katholischen Freiheitskämpfer, wie P. Lacordaire und Lamennais. Das Buch verdient unsere volle Aufmerksamkeit. Es ist ein katholisches „pendant" zum schönen Werke von A. Leroy-Beaulieu „Les doctrines de la Haine". Auch den Antisemitismus berührt Mr. Chaine, um ihn rückhaltlos zu verwerfen. Das Buch hat jetzt eine grosse Aktualität, da die „Affäre" wieder einmal aufs Tapet gebracht wurde und die zivilisierte Welt mit gespannter Erwartung dem endgiltigen w a h r e n Richterspruch entgegensieht. C—"k Diese Woche erschien das „Jüdische Jahrbuchu (Roczriik Zydowski) für das Jahr 1904 (5664/5). Es ist der vierte Jahri W$lt" Nr. 2 gang, in dem unsere galizischen Freunde ein vorzügliches Agitationsmittel für die zionistische Sache besitzen. Wir behalten uns vor, das sehr schön und tatsächlich vornehm ausgestattete Buch ausführlich zu besprechen und bemerken schon heute, dass einige der Arbeiten in denen zum Beispiel Dr. Malz, Dr. Gabel, Kirszroth, I. Halewy und andere in die jetzt eifrige Diskussion eingreifen, von grossem Interesse sind. Unsere Bilanz, der Zionismus und das Proletariat beide Arbeiten von Dr. David Malz, verdienen ins Deutsche übersetzt zu werden, und wenn uns dies nur möglich wird, werden wir die zwei Arbeiten unseren Lesern vollinhaltlich bringen. Eine Menge schöner Illustrationen finden wir im Jahrbuch. Einige von Schorn, Tivier, Israels und anderen kommen hier als Reproduktionen zum ersteh Male vor, während einige andere uns schon von anderer Seite bekannt sind. Schliesslich heute nur noch eines. Die Verleger statteten jedes Exemplar mit einer Nationalfondsmarke aus. Diese Art von Selbstbesteuerung ist unseren Gesinnungsgenossen dringend zur Nachahmung zu empfehlen. Das Buch kostet eine Krone. Bei der Ausstattung und bei dem Umfang von über 20 Bogen ist es wirklich billig und können wir es unseren Freunden nur bestens empfehlen. Feuilleton. Der Schlemie! *) Der flotte-Kerl angelt lustig im Meere der jüdischen Dummheit weiter und zieht die verrückten Fische, die sich darin hermntumnieln, vor dem lachenden p. t. Publikum heraus. Da sind vor paar Wochen sechs Juden in den preussischen Landtag gewählt worden und alle Assimilantenblätter brannten Inn Leitartikel ein Freudenfeuer ah, woran sie die urältesten Phrasen wieder aufwärmten: Sieg des Freiheitsgcdankens über die Schatten des Mittelalters . . . Hoffnung vorhanden ... Natürlich ist Hoffnung vorhanden. Und je mehr Juden es daraufhin dort geben wird, wo die Sechse gewählt wurden — nämlich in Posen und in den Berliner Judenvierteln — desto gewaltiger wird der Freisinn siegen. Es sei denn, dass die Wahl am Versöhnungstag stattfindet. Das werden aber die Sechse zu verhindern wissen. Ueberhaupt — passt mal auf auf die Sechse! Die werden den Antisemiten das Wilde schon her unter räumen. Am Tage ihrer Wahl haben Stöcker und Böckler von findigen Trauerwarenhändlern Preislisten bekommen. Könitz wird auf den Mont Pelee versetzt. Zu den vier bisherigen wird noch ein fünfter jüdischer Reserveleutnant in Preussen ernannt. Freue dich, Israel! Ein Sieg! Auch der Schiern iel jubelt:: „Nun schmück' dir die Locken mit Laub, mein Kind, Den Busen mit duftenden Sträusscn! Sechs jüdische Volksvertreter sind Gewählt im Königreich Preussen. So leuchtet endlich das Morgenrot, Die Finsternis weicht dem Tage; Das ist das Ende der Judennot, Die Lösung der Judenfrage. Schon hör' ich ein Mord- und Zetergeschrei Der PücMer-Bruhirsehen Gewächse; Natürlich — es sind nicht zwei oder drei, Nicht vier oder fünf, sondern sechse. Kein--Junker wagt fürder die Judenlex Dem-Landtag vorzulegen; *) Berlin, Spandauerbrücke 6. Halbjähr, 1 Mk. 25 Pf. Monatlich eine Nummer.

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