Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 2 (8.1.1904)
- Date
- 1904-01-08
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2 & weit" Seite 9 Ich glaube, man kann die Frage so ohne Weiteres weder bejahen noch verneinen. Die jüdische Geschäftsmoral ißt kein Begriff für die Gesamtheit. Dass in manchen Gegenden Jaden,, besonders in früheren Jahrzehnten, als Geldgeber unter der Landbevölkerung eine gewisse Rolle spielten, ist nicht zu bestreiten. Ihre Söhne sind preussische Richter, tadellose Grosskaufleute und bekannte Künstler. Ich habe Leute gekannt, die in Geldsachen höchst unbedenklich waren und die ich trotzdem nicht unter die Verlorenen gerechnet hätte, die sogar entschiedenes Wohlwollen besassen und Gemüt hatten. Das kann Sombart vielleicht nicht begreifen, weil ihm die Beziehungen fehlen. Dennoch ist es so. Derselbe Mann, der 20% Zinsen nahm, stattete vielleicht ein halbes Dutzend armer Mädchen aus und war Mitglied zahlreicher Wohltätigkeitsvereine. Natürlich ist es auch Sombart nicht entgangen, dass es unter uns einen unverhältnismässig hohen Perzentsatz von uneigennützigen Idealisten gibt. Das passt ihm aber nicht ins System. Reim' dich oder ich fress' dich. Irgendwie muss die Erscheinung rubriziert werden. Also: „Wenn wir so viele Juden mit gerade entgegengesetzter Denkweise finden, mit einem — fast kann man sagen — überspannt-altruistischem Sinne, einer rigorosen Selbstlosigkeit und einem zelotischen Eifer gegen alles eigensüchtige Wesen, so dürfen wir gerade aus diesen Reaktionserscheinungen auf die Existenz des gekennzeichneten Nationalcharakters schliessen." Ach, nein. Das dürfen wir nicht. Mit demselben Recht könnte man behaupten, die Flottenschwärmer seien Beweis für die auch sonst oft beobachtete Abneigung gegen Weltpolitik, oder die Tage von Kischenew seien ein Beweis für die Judenliebe der russischen Mehrheit! So sollte doch ein Mann von Sombarts Bedeutung nicht argumentieren. In Wirklichkeit sind Propheten awar ein Beweis von der Notwendigkeit des Bussepredigens, sie finden sich aber trotzdem nur in moralisch höchststehenden Völkern. Hält Sombart das deutsche Mittelalter nicht für höchst bussbedürftig? Und wo waren da die Busseprediger? Und gegen was für Schandtaten predigten denn Elias und Jeremias? Gegen den Abfall vom monotheistischen Gedanken. Lieber Gott, das hätte im deutschen Mittelalter nicht das Anfangen gelohnt. Da wären auch von den Tagen der Flagellanten bis zu den Casseler Soldatenverkäufen ganz andere Themata vorhanden gewesen! Die Juden sind eben keine Rechenmaschinen, die man mit dem Prädikat „gut" oder „böse" versieht, sondern Menschen mit ihren Widersprüchen. Wir haben, als ein altes Kulturvolk, unter uns kompliziertere Charaktäre, als die Germanen und auch die Extreme des Volksganzen sind bei uns schärfer ausgeprägt — dabei ist das Durchschnittsergebnis wahrlich nicht schlecht. Von den Moralanschauungen unserer Bibel zehrt ja schliesslich doch noch die ganze Menschheit, die anständigen Antisemiten eingeschlossen. Und ich glaube, wer die Juden kennt, wird auch für die Gegenwart nicht verzweifeln. Auch was Sombart von unserer abstrakten Denkweise und der Vorliebe für das reine Geldwesen sagt, hinkt bedenklich. Dass die Juden in Deutschland vorzugsweise Geldleute wurden, ist wieder vor allem durch die historische Eutwicklung bedingt. In Amerika gibt es doch wahrlich genug Grössen auf dem Gebiet des Jobberns, aber •luden sind wenige darunter. Die nähen im New-Yorker Ghetto Hosen und schneiden Schuhe, sind also reine Produzenten, wie sie es vor der Auswanderung in Lodz oder Berdytschew waren. Und ist der Hausierhandel etwa auch ein »qualitätsloses Geldverhältnis"? Das kann man doch wohl nicht im Ernste behaupten! Daist die persönliche Beziehung zum Individuellen der Sache doch wahrhaftig stark genug. Und von den zahllosen Handwerkern Russlan ds und Rumäniens scheint Sombart noch nie gehört zu haben. Ganz davon zu schweigen, dass wir Zionisten am liebsten das ganze Volk zum Ackerbau überführen möchten, der doch die stärkste Beziehung der Person zur Sache in sich schliesst. Das Schönste leistet er sich aber zum Schlüsse seiner Ausführungen mit der Behauptung, die Gleichartigkeit des wirtschaftlichen Aufschwunges in Deutschland und den Vereinigten Staaten komme daher, dass der jüdische Bevölkerungsteil beider Staaten perzentual etwa das Gleiche sei. Er hat sich noch nicht die Mühe genommen, auch nur oberflächlich zu konstatieren, was die Juden in beiden Ländern treiben, sonst wüsste er, dass während inPreussen von 10.000 erwerbstätigen Juden 2119 auf die Industrie und 5205 auf das Handelsgewerbe entfallen, von 10.000 amerikanischen Juden mindestens 7000 arme Industriearbeiter sind. Und trotzdem sollen sie — die zum grossen Teile überdies erst wenige Jahre im Lande sind — auf die Volkswirtschaft Amertkas den gleichen Einfluss ausüben, wie die preussischen auf den ihrer Heimat! So urteilt über uns ein Mann von anerkannt wissenschaftlichem Namen. Das ist die Objektivität uns gegenüber selbst da, wo man uns einen günstigen Einfluss zuvindiziert. Es stimmt wirklich traurig. Ich zweifle allerdings keinen Augenblick daran, dass viele unserer Assimilanten heilfroh über Sombarts Ausführungen sind. Erhält uns zwar für schlechte Kerle, aber doch für nützlich. Welch beglückendes Gefühl, nachdem man uns auch das seit Jahren nicht mehr hatte konzedieren wollen! Hoffentlich wird eine Zeit kommen, in der wir Gelegenheit haben, an den Früchten eigener Verwaltung und eigener Kultur zu zeigen, was wir sind — auf die Gefahr hin, dass es den Völkern dann vielleicht an „Sauerteig" mangelt. Dr. Friedemann. Jüdischer Nationalfonds. Das goldene Buch. Rüben Wiker Janowki trägt den Verein bfcischon le Zion ein......... Kronen 252.— L. J. Maiiewski Gadjatsch zur Eintragung des Vereines Ohawei Zion..... „ 240.— Chowewei Zion of ßrownsville.....Pfd. Sterl 10.— Zur Eintragung des Dr. M. Gaster, Sammlung in T. Magurele........ Kronen 250.— Zur Eintragung von Emil Zola..... „ 257.36 Zur Eintragung der Märtyrer in Kischenew............... „ 661.55 & Richtigstellung. In Nr. 13 soll es richtig heissen: Die Vereine Poale Zion und Ghowewe Zion in Sokolka tragen das Intern. Komitee ein K 240.—. Die Vereine des Sopotzkiner Zionistenrayons tragen den Rayon und seinen Vorstand Hr. Rabbiner S. J. Rabbinowitz ein K 409.62. fSus de* Jie^eguog. Gedenket des Schekels! Voranzeigen. Wien. (Einzelverein Brigittenau des Zion.) Montag, den 11. d. M., 8 Uhr abends, im Cafe Körner, XX., Wallensteinstrasse 2, Vortrag des Herrn Architekt Ü. Marmorek. Thema; „Warum sind noch nicht alle Juden Zionisten?tf mann bv nunamn jiödk n\nn o-iki:^ 9) map tf'sriaa nym rrvnai nupnn man * avn mo «anaaipn narcba -nnap«