Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 2 (8.1.1904)
- Date
- 1904-01-08
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr.1 2 „bie & weit Seite 7 Es hat die Blüte der jüdischen Jugend angezogen. Dieses Ideal rief zahlreiche Vereine ins Leben, von denen einige ein literarisches Programm haben, mit Vorträgen und Diskussionen, Leseabenden und hebräischen Sprechübungen, Lesehallen und Leihbibliotheken. Diese Vereine haben das jüdische Bewusstsein aufgerüttelt, die intellektuellen Klassen einander näher gebracht und dadurch einen mächtigen Damm gegen die Bemühungen der Missionäre in diesem Stadtteil errichtet. Sie haben auch viel dazu geholfen, die anarchistischen und gemein-sozialistischen Tendenzen, die das jüdische Gemüt in den finsteren Ländern der Unterdrückung vergiftet hatten, auszurotten. Sie haben manche schwebende Seele zu jüdischem Leben und jüdischem Idealismus geleitet". Das ist es, was der Zionismus für Ost-London getan hat, das ist es, was er überall getan hat, wo er nur eingedrungen ist. Sehen wir denn nicht ein, dass es unsere erste Pflicht ist trotz aller kleinerer Meinungsverschiedenheiten die grosse nationale Sache zu wahren, zu entwickeln und zu verbreiten? „Ein Freund bewährt sich in der Not". In dieser kritischen Periode wird das jüdische Volk erkennen, wer sein wahrer Freund ist . . . P. M. Raskin. Ein von der „Times" nichtakzeptierter Brief des Major Evans Gordon. (Aus dem „Jew. Chron".) An den Herausgeber der „Times". Mein Herr! Der beiliegende Brief und die Beschlüsse*) zirkulieren auf der ßalkanhalbinsel weit und breit. Sie sind von vielen einflussreichen Persönlichkeiten gezeichnet und unterstützt. Sie machen auf die schreckliche Lage in Mazedonien aufmerksam, und wenn sie auch nicht direkt England zu einem separaten militärischen Eingreifen auffordern, erinnern sie uns an die Verantwortlichkeit, die wir zusammen mit den übrigen Signatarmächten für die gute Regierung der Balkanstaaten gemäss dem Berliner Traktate tragen. Ich möchte in Ihren Spalten die Balkan-Komitees erinnern, dass es noch andere Klauseln in diesem Traktate gibt, die man ins Gedächtnis der interessierten Mächte und Staaten zurückrufen müsste. Die Behandlung der christlichen Untertanen in Mazedonien ist grässlich, wie steht es aber mit der Behandlung der jüdischen Untertanen seitens der Rumänen? Die Mächte blieben indifferent, als Rumänien in den Traktat die grössten Breschen geschlagen hat; ich sehe aber nicht ein, warum man dem Sultan etwas vorwerfen sollte, was wir den König Karl ruhig tun lassen. Die rumänischen Juden haben ebenfalls unsere Hilfe nötig, und haben ebenfalls Recht auf unsere Einmischung so gut wie die mazedonischen Christen. Ihr ergebenster W. Evans Gordon, Major i. P. Die Auswanderungs-Bewegung unter den Juden in Russland. Zahlreiche Meldungen russischer Blätter aus verschiedenen Städten Russlands sprechen von einer an Umfang immer zunehmenden Auswanderungs-Bewegung unter den Juden in Russland. Zwei grosse Korrespondenzen der „Peter surgskija Wjedomosti" aus Minsk und Kischinew berichten über diese Auswanderungs-Bewegung ausführliche Details, welche allgemeines Interesse bieten. In der Korrespondenz aus Minsk heisst es wörtlich : «Die Auswanderungs-Bewegung unter den Juden hat die Bevölkerung aller Städte und Städtchen im Gouvernement Minsk mächtig ergriffen. Die jüdische Bevölkerung im Gouvernement vermindert sich immer mehr, denn fast täglich verlassen grosse Partien jüdischer Emigranten ihre alten Wohnorte, um in einem anderen Lande ihr Glück zu *) Es handelt sich um ein Zirkular zu Gunsten der Mazedonier. suchen. Die Emigranten sind meistens Handwerker und durchwegs junge, kräftige Männer. Mit unbeschreiblicher Mühe, hungernd und frierend, bringen diese Unglücklichen das nötige Reisegeld zusammen, um nur auszuwandern... Den Handwerkern schliessen sich Kleinhändler und andere Personen an, welche nicht in der Lage sind, sich kümmerlich zu ernähren. In letzter Zeit aber wandern schon auch wohlhabendere Personen aus. Die Hauptursache dieser starken Auswanderungs-Bewegung liegt in der grossen Panik, welche sich nach den Bluttaten von Kischinew und Hömel der jüdischen Bevölkerung bemächtigt hat. Um sich und ihre Familien von den Qualen beständiger Furcht und Angst zu befreien, verlassen die Juden ihre bisherige Heimat. Der grösste Teil der Auswanderer emigriert nach Amerika, ein kleiner Teil nach jüngland und Afrika." Der Berichterstatter der „Petersburgskija Wjedomosti" ausKischinew schreibt über diese Auswanderungs-Bewegung folgendes: „Dieser Tage trafen in Kischinew Vertreter der jüdischen Ackerbauer aus den Städten und Dörfern Bessarabiens ein, um mit den Führern der jüdischen Gemeinde in Kischinew Unterhandlungen über die Organisation der Auswanderung der jüdischen Ackerbauer zu führen. Vorderhand sind es 400 jüdische Familien, welche nach Amerika und Kanada auswandern wollen. Zu diesem Zwecke wollen die Vertreter dieser Auswanderer in erster Linie die Regierungen dieser Staaten ansuchen, ihnen Grund und Boden behufs Gründung von Ackerbaukolonien mit völliger Autonomie zu überlassen, und die „Icau um materielle Förderung dieses Planes anzugehen. Nach den Angaben der Bevollmächtigten der jüdischen Ackerbauer Bessarabiens beträgt die Zahl der jüdischen Aokerbauer, welche unbedingt auswandern müssen, 4000, worunter nur 300 alte vorhanden, alle andern aber junge, kräftige Arbeiter sind. Die Emigranten, welche schon im April kommenden Jahres auszuwandern gedenken, werden nach dem Verkaufe ihrer gegenwärtigen Wirtschaften über ein Kapital von einer Million Rubeln verfügen." Angesichts dieser immer zunehmendenAuswanderungs- Bewegung unter den Juden in Russland beginnen viele jüdische Publizisten, gegen die Gegner des Ostafrika-Projektes und gegen die nörgelnden Kritiker des Beschlusses des jüngsten Kongresses in dieser Frage scharf aufzutreten. In der „Buduschznostj" z. B. publiziert der jüdische Schriftsteller Edelmann einen Artikel, in welchem er unter anderem sagt: Zusammengebrochen unter der Wucht der Verfolgungen und der Bedrückungen, streckt das jüdische Volk die Hände nach Hilfe aus, und nun finden sich Leute, welche auf Grund abstrakter Theorien das Ostafrikaprojekt verwerfen, weil angeblich die Juden nur in Palästina kulturell gedeihen könnten." Er plaidiert deshalb dafür, dass den Kranken geholfen werden müsste, gleichviel wo und wie. gt. Jüdische Millionen für fremde Zwecke. Wir wollen bloss einen neuen Fall erzählen von einer alten Geschichte. Die alte Geschichte ist, dass sehr viele Juden Stiftungen, Stipendien etc. errichten, und zwar ohne Unterschied der Konfession. Eine alte Geschichte ist ferner der gewöhnliche Schlusseffekt, dass es nämlich hei der Verleihung wirklich keinen Unterschied der Konfession gibt; es sind nämlich alle Empfänger Christen. Aus dem einfachen Grunde, weil alle Körperschaften von Bedeutung, denen man gewöhnlich die Verwaltung des Stiftungskapitals übergibt, mit der Zeit sicher in antisemitische Hände geraten. Eine kleine Besserung gegen frühere Zeiten ist zwar jetzt schon zu bemerken. Der Mittelstand der Kapitalisten, welche schenken, bedenkt mehr wie früher seine eigenen Brüder. Aber noch nicht alle. Und fast niemals geschieht es bei denen, welche tatsächlich Grosses für die öffentliche Wohlfahrt leisten. Wir meinen unsere Millionäre. Jeden Moment liest man von einer neuen Leistung ihrerseits, und immer wieder unter der Bedingung: „zu verleihen ohne Unterschied der Konfession". Wir wollen da nicht erst von den unverhältnismäßig hohen Geschenken für Gelegenheiten reden, bei denen Juden nicht einmal in Frage kommen, zum Beispiel für Kirchenbauten. Es gibt unter uns Idealisten genug, die diesen Standpunkt verteidigen unter dem Vorwand, wir müssten Edelmut zeigen gegenüber der Ungerechtigkeit. Es ist schwer, in diesem