Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 2 (8.1.1904)
- Date
- 1904-01-08
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 „bie # weit Nr. 2 Wer hat also unsere heilige Sache einer Gefahr ausgesetzt? fierzl, der unablässig offen erklärt, dass der Zionismus nichts tun darf und nichts tun will, was die Oeffentlichkeit zu scheuen hätte, oder Ussischkin? Wir hätten viel darüber zu erzählen, aber wir dürfen es nicht. Was meinte denn Ussischkin damit, dass er, heimgekehrt, berichtete: „es wäre zu wünschen, dass es all unseren Brüdern in der Zerstreuung nach zwanzig Jahren so wohl ergehe wie den Kolonisten in Palästina1'? War es Traum oder Phantasie, dass er berichtete, Hebräisci: sei hier die Umgangssprache, deren sich sogar die Araber bedienen? Offenbar beabsichtigte er ja nur, unseren Brüdern in der Ferne den Glauben beizubringen, dass wir hier über eine grosse, geistig und materiell ausgerüstete Macht verfügen, der es nur au einem Führer fehlt . . . Tatsache ist, dass seine Arbeit in Palästina ohne Grundlage und ohne Aussicht auf Erfolg ist, nichts als Luftschlösser und Seifenblasen, die mehr schaden als nützen können. Nun wagt er es noch, in unqualifizierbarer Weise unserem gewählten Führer entgegenzutreten und ihn anzurempeln, unl elvürnmert darum, dass er unsere mehr als zwanzigjährige mühevolle Arbeit zerstört und endlich auch die grossen Erfolge dem Untergange weiht, die wir in den letzten Jahren durch Heizls Arbeit erlangt haben. An euch, Brüder, liegt es, das auflodernde Gezanke im Keime zu ersticken, das zum verheerenden, vernichtenden Feuer sich gestalten könnte! Wisset, dass jede Hand, die sich, wessen immer sie sei, darbietet, um unseren treuen Führer entgegenzuarbeiten, einen Mord begeht an unserem eigenen Volke, indem sie uns in das tiefste Unglück stürzt. Nehmt euch in Acht vor solchen Händen, die uns liebkosend umschlingen, um uns zu erwürgen. Kolonie Rechowoth, 24. Kislew 5664. 40 Unterschriften und Vereinsstampiglie. Verein „Z i o n". Brief aus England. „Wunderbar war mir die Rückkehr ins Leben, der erste fühlbare Pulsschlag, der erste sichtbare Atemzug. Dieses Leben nicht wieder einschlafen zu lassen, war unsere Pflicht, und ihr dient die Agitation der braven Zionisten- Vereine in der ganzen Welt." Dies sind die denkwürdigen Worte des grossen Führers der Zionisten, die er in der bereits historischen Volksversammlung in London am 20. Juni 1S99 gesprochen hat. Wie notwendig wäre es in der gegenwärtigen Lage der zionistischen Bewegung, diese Worte von jeder zionistischen Tribüne zu wiederholen. Leider sind unsere zionistischen Tribünen schon lange nicht zu diesem grossen Ziele benützt worden. Manche unter unseren hervorragenden Zionisten scheinen zu vergessen, dass die zionistische Tribüne keine Arena für Privatkämpfe ist. Wenn Zionisten zu einer zionistischen Versammlung kommen, wollen sie etwas vom Zionismus hören und nicht persönliche Zänkereien und Streitigkeiten unter Privatpersonen, mögen diese noch so bedeutend sein. Die persönlichen wechselseitigen Angriffe seitens Mr. Greenb e r g s und Dr. G a s t e r s haben alle wahren Zionisten peinlich berührt. Wir bewundern alle Mr. Greenberg und achten ihn wegen seiner Geradsinnigkeit, seines Mutes und seiner unermüdlichen Arbeit für unsere Sache. Wir alle kennen und schätzen den gelehrten Chacham, obwohl wir mit Bedauern sein Verhalten während der letzten 2—3 Jahre und seine absichtliche Abwesenheit am letzten Kongress gesehen haben. Aber wenn die zwei Herren untereinander einen Streit haben, mögen sie ihn nicht auf der zionistischen Tribüne auskämpfen und mögen sich lieber einen neutralen Boden suchen. Jedenfalls heissen wir diese neue Themata für zionistische Vorträge nicht willkommen. Wir englischen Zionisten bedauern die barschen und beinahe beleidigenden Bemerkungen Mr. Greenbergs gegen Dr. G a s t e r, direkt verurteilen müssen wir es aber, dass Dr. Gast er eine zionistische Versammlung einberuft, in der Sir Harry Johnston einer der Hauptredner ist. Sir Harry Johnston ist uns vollkommen fremd. Wir wussten nie, dass er etwa am Judentum oder am Zionismus irgend ein Interesse hätte. Alles was wir als Juden über ihn wissen ist bloss; dass er der erste war, der in der „Times" gegen „das Vorhaben der britischen Regierung einen schätzbaren Staat russischen und rumänischen Juden wegzugeben", protestierte. Wenn dieser sein Protest seine einzige Qualifikation ist, um vor einer zionistischen Versammlung zu reden, warum dann nicht ebenfalls Mr. Arnold White einladen, der gleichfalls gegen die Verwandlung von Uganda in „Jewganda" protestierte? Der gelehrte Chacham weiss sicher, dass die Ideale des Judentums immer über die Personen gestellt wurden, und es ist schlimm, dass er es auf sich nimmt, mit einem grossen Ideale bloss wegen irgend einer persönlichen Angelegenheit ein Spiel zu treiben. Nicht trennen, sondern einigen, nicht brechen, sondern bauen, das ist unser Verlangen. Das Leben nicht einschlafen lassen, das Leben, das eine Hoffnung dem Bedrückten, ein Ziel dem Verirrten, ein Ideal dem Ideal durstigen gegeben hat. Den Zionismus schädigen! Die Organisation zersplittern! Fürwahr, nur die unechte Mutter wollte wegen Eifersucht das Kind zerschneiden lassen!* . . . „ Wunderbar war die Rückkehr ins Leben des jüdischen Volkes." Ein Wunder in der Tat, und seine Tragweite kann nur von dem ermessen werden, der täglich mit den Massen in Berührung kommt, der von dem langsamen Umbildungsprozess Zeugnis ablegen kann. Der kleinej ideal- und prinzipienlose Gewerks- und Handelsmann beginnt sich zu besinnen, erkennt in sich ein intelligentes menschliches Wesen, das Rechte und Pflichten hat. Der zionistische Verein ist seine Umbildungsschule. Hier lehrt man ihn, den Kopf aufrecht halten, stolz sein, auf seine Vergangenheit und auf seine Zukunft vertrauen. Hier lehrt man ihn, die Fesseln des „Golustt sprengen und sich für ein unabhängiges Leben vorbereiten. Hier erzählt man ihm von den grossen Taten seiner alten Helden und von den tapferen Bemühungen seiner neuen. Er beginnt zu denken, zu überlegen, zu begreifen. Er beginnt zu streben und zu kämpfen. Die, frühere Leere seines Lebens, das Chaos, die „Nichtigkeit* verschwinden. Es gibt keine Zweifel mehr. Er weiss nunmehr wie er leben, wie seine Kinder erziehen, wie streben, um ein würdiger Sohn seines würdigen Volkes zu sein.. . . Und da sind Hunderte uad Aberhunderte dieser wiedererstandenen Juden des Ghetto, alle dank dem Zionismus. Jeder ehrliche Beobachter muss die wunderbare Wirkung des Zionismus bestätigen. Ich werde mir erlauben, hier einen sehr bekannten und bewährten Sachverständigen zu zitieren. Rev. Dayan Feldmann B. A.., der das Leben und Weben im Ghetto durch und durch kennt, hielt neulich eine Rede über „Einige Lichtseiten des Eastendlebens". Und dabei sagte er folgendes über den Zionismus: Der grösste Vorrat an nützlicher Kraft und Begeisterung ist in den zionistischen Vereinen, die über Ost- London verbreitet sind, konzentriert. Der Zionismus ist ein mächtiger Faktor des Lebens im Eastend geworden. Das nationale Ideal, das Ideal der Wiedergeburt des jüdischen Geistes, hat einen starken Anklang bei den grossen Massen der jüdischen Bevölkerung gefunden. Er hat um sich alle intellektuellen Kräfte der Eastendjuden versammelt