Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 8 (1904)
- Issue
- 1 (1.1.1904)
- Date
- 1904-01-01
- Page
- – (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 1 „bie weit" Seite 21 erlügen sollfp. Der sah ihn in hellem Erstaunen an: er hatte ihn ja gestern etwas plötzlich stehen lassen müssen, aber er konnte doch nichts dafür, und er war ihm deshalb doch heute gerade doppelt herzlich entgegengekommen. Wenn er so empfindlich war — ihm konnte es recht sein. Zehn Freunde konnte er für den einen haben, wenn er nur wollte. Als aber dann die Pause herankam, schlug ihm doch gewaltig das Herz. Jetzt musste der Sigi doch zu ihm kommen, oder wenn er sich auch nur umdrehen wollte — dann ginge er hin und es wäre alles gut. Als der vorn aber sich nur noch tiefer über sein Buch beugte, da übermannte ihn wieder Trotz und er wandte sich entschlossen seinem neuen Nachbar zu. Der kleine Sigi aber sass vorn in seiner Bank und sah wieder nicht zur Tafel, denn die hellen Tränen standen ihm in den Augen. Er schluckte sie aber tapfer hinunter und als mittags Hans mit seinem neuen „Freund" vor dem Schultor stand, ging er rasch und ohne aufzublicken an innen vorüber seines Weges. Markus. Das goldene Kalb. Von Hugo Z u c k e r in a n n. „Wer ist's, der uns geführt durchs rote Meer, Wer ist's, der durch die Wüste uns gekitet, Den starken Fittich über uns gebreitet, Wer ist der Donnergott, der Weltenherr? Zeig uns sein Bild, dass man ihm Opfer bringe, Nenn' seinen Namen, dass wir ihn verehren, Damit das Blut von rauchenden Altären Dass Ambraduft berauschend zu ihm dringe. Was log uns Moses von dem Unsichtbaren? Denn sichtbar waren seine Todespfeile, Und sichtbar war uns seine Flammensäule, So sichtbar wie des Horebs Blitze waren. Zeig uns sein, Bild!" tönt's Aron wild entgegen — habden Bück zum Sinaiberg empor Der; hell noch hallte vom Cherubimchor — „Hilf Herr! Dem Sklaven bangt's nach Peitschenschlägen!" . „Bringt Ringe, Spangen, Sehekel, Golddenare, Den Tand, den ihr, das Rachgelüst zu kühlen, Als wieg' er auf das Blut, die Schmach, die Schwielen, Habt eingesackt als Lohn der langen Jahre, Daraus will ich ein Götterbild euch schmieden; Das betet an, denn das könnt ihr begreifen, Denn eure Seele kann nicht weit« r schweifen, Als euer Fuss euch trägt, ihr Wandermüden! Ich form euch einen Gott aus purem Golde Dafür könnt ihr ein Königreich euch kaufen, Braucht nicht mehr barfuss durch die Wüste laufen, Die ganze Welt steht euch dafür im Solde. - Trägt auch des Kalbes Züge euer Gott, So will ich auch sein Postament vergolden, Daiss jene, die an ihn nicht glauben wollten, Ihn mit der Wage prüfen, Lot für Lot* Und'Arons Zelt ward übervoll von Schätzen, Anbetend wälzte sich di.ts" Volk im Sande, Am Sinai donnerte der Herr im Wolkenbrande, Sie aber sangen laut und opferten dem Götzen. Die Perücke. Ein Märchen a u s u r a 11 e n Zeiten. Als Simson bei Delila eingeschlafen 'war, nahm das treulose ,Weib eine Schere und schnitt ihm meuchlings die Locken ab,., In den Locken lag aber Simsoos Kraft, —r „Die Philister über dir, Sirrson!" — Da sprang Simson auf und wollte sich zur Wehr setzen, doch die Kraft war von ihm gewichen, seit die Schere seinem Haupthaar genaht war. Die Philister bändigten und banden ihn und setzten ihn gefangen. Alle Philister hatten das Haus Deliias verlassen, um den Gefesselten im Triumphe zu begleiten, nur Ben-Dagon, der Mächtigste der Philisterfürsten, war bei Delila zurückgeblieben. „Du bist eine erbärmliche Seele", sagte er zu ihr; „der gute Junge hat sich, vertrauensselig bei dir zur Ruhe begeben und du hast ihn tückisch verraten und preisgegeben. Armer, braver Simson!" Ben-Dagon zog sein Schwert, und Delila lag in ihrem Blute. , Sodann las Ben-Dagon Simsons lange Locken, die der Schere zum Opfer gefallen waren, vom Boden auf. Sorgsam bückte er sich um jedes einzelne Haar, denn er war nicht nur der mächtigste, sondern auch der klügste Fürst der Philister und gedachte den Zauber, der in den Locken lag, nützlich zu verwerten. Unverweilt eilte er in sjin Haus und Hess den Geschicktesten der Haarkünstler und Barbiere holen. Mit dem schloss er sich in eine Stube ein und sprach zu ihm: „Ich habe Vertrauen zu deiner Kunst, Bartscherer. Sieh' diese Locken! Du sollst mir an Ort und Stelle aus ihnen eine Perrücke machen. Und beachte Eines: So du dich während oder nach Vollzug der Arbeit unterfängst, dir die Perrücke auf's Haupt zu setzen, dann — "■ Ben-Dagon entblösste sein Schwert und machte eine bezeichnende Bewegung. Der Bartputzer lächelte einfältig: „Wozu sollte ich die Perrücke aufsetzen?" sagte er und lächelte wieder einfältig. Doch er war ein gär schlauer Geselle; nur aus List und Fürsorglichkeit gab - er sich das törichte Ansehen. Er hatte allsogleich die Haare Simsons erkannt. An dem seltsamen Waldduft hat er sie erkannt und an dem eigenartigen Seidenglanz. Friseure haben in derlei Dingen ein vortreffliches Auge. Eine Locke -war feucht und rötgefärbt. Das Blut Deliias. Doch der Barbier tat, als würde er von all dem nichts merken. Er spitzte die Lippen zu einem leisen Liedchen, machte ein noch einfältigeres Gesicht als früher und setzte sich zur Arbeit. Allein in seinem Innern war ein Sturm von Gedanken. Er sah das gleissende Schwert des Fürsten, er wusste: Wenn ich die Perrücke fertig habe, wird er den Mitwisser töten. Er wird wohl wünschen, dass meine Zunge für ewig stumm sei. — Wie aber, wenn ich ihm zuvorkomme? Ich brauche nur die Perrücke aufzusetzen und die Kraft Simsons ist in mir. Mit einem Hauche würde ich ihn wegblasen, mein Leben wäre gerettet und ich könnte König werden über die Philister. Denn ich bin klüger als Simson. Nur seine Kraft fehlt mir zum König." Also sann der Barbier, machte sein einfältigstes Gesicht und zog die langen seidenweichen Haare durch fein gegerbtes Leder, derweilen in seiner Seele Todesangst mit massloser Herrschbegierde rang. Und in der Sonne blitzte Lten-Dagons Schwert. Der Haarkünstler arbeitete langsam und bedächtig. War doch jede'Minute Arbeit eine gewonnene Lebensminute. Doch gelang es ihm insgeheim, hie und da einige Härchen in sein faltiges Gewand fallen zu lassen. Für alle Fälle ... Die Perrücke war schon fertig und noch immer nestelte der Barbier an den Haaren herum. Man scheidet so ungern von hinnen! Endlich riss ihm der Fürst unwirsch die Perrücke aus der Hand und setzte sie auf's Haupt. Der Barbier zuckte zusammen und dachte, ans Sterben. Er machte sein albernstes Gesicht und betrachtete mit zufriedenem Lächeki die Perrücke auf dem Haupte Ben-Dagons. Der Fürst reckte behaglich die Glieder. Wie ein prickelnder Strom rieselte ihm Simsons Kraft durch den Leib. Und er legte das Schwert beiseite und sagte: „Bartscherer, du hast deine Sache gut gemacht Du verstehst dein Handwerk, obzwar du ein urdummes Gesicht hast. Deine Einfalt ist übri-